Frederik Scholl

»Jeder sollte jetzt, so gut es geht, Energie sparen«

Kreis Euskirchen. WochenSpiegel sprach mit e-regio-Geschäftsführer Markus Böhm über russische Gaslieferungen, die Nord-Stream-Wartung und möglichen Gasmangel.

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Der Wochenspiegel sprach mit e-regio-Geschäftsführer Markus Böhm unter anderem über ein mögliches Ausbleiben russischer Gaslieferungen und die Folgen.

Der Wochenspiegel sprach mit e-regio-Geschäftsführer Markus Böhm unter anderem über ein mögliches Ausbleiben russischer Gaslieferungen und die Folgen.

Foto: Scholl

Am 11. Juli hat die jährliche Wartung der Gas-Pipeline Nord Stream 1 begonnen. Zehn Tage lang soll währenddessen kein Gas mehr durch die Pipeline fließen. Klaus Müller, Präsident der Bundesnetzagentur ist skeptisch, ob danach der Gashahn für russisches Gas wieder geöffnet wird, oder ob aus einer rein mechanischen Wartung möglicherweise eine »politische« wird. Müller fürchtet einen Totalausfall der Gaslieferungen. Was im Falle einer bundesweiten Mangelwirtschaft passieren könnte, darüber berät die Bundesnetzagentur derzeit. Aber auch auf Kommunen und regionale Energieversorger kommen schwierige Entscheidungen zu. Der Wochenspiegel sprach mit e-regio-Geschäftsführer Markus Böhm.

Herr Böhm, befürchten Sie ebenfalls, dass aus der mechanischen Wartung von Nord Stream 1 eine »politische« werden könnte? Welche Folgen könnte das für Wirtschaft und Privatverbraucher haben?

Markus Böhm: Die gesamte Situation ist schwer einzuschätzen. Aber wir bereiten uns natürlich auf diese Möglichkeit vor. Mit der Drosselung der Gaslieferungen durch Russland ist in Deutschland die Alarmstufe ausgerufen worden. Aber bereits davor, während der Frühwarnstufe, wurden viele Maßnahmen getroffen: Wir haben ein Krisenteam zusammengestellt und spielen verschiedene Szenarien durch. Der Bundesnetzagentur haben wir viele Daten zu unseren größten Abnehmern und den benötigten Mengen zur Verfügung gestellt, denn sie wird im Falle einer Mangellage entscheiden, wo Einschränkungen vorgenommen werden müssen.

Was die Folgen betrifft, macht uns zum einen die Verteilung des noch vorhandenen Gases Sorgen, insbesondere, wenn es auf den Winter zugeht und wieder geheizt wird. Eine Versorgungslücke wird schmerzhafte Folgen für die Wirtschaft haben, wenn die Produktion nicht normal weiter laufen kann.

Zum anderen sind die steigenden Preise besorgniserregend. Die Beschaffungspreise haben sich vervielfacht. Die Versorger müssen das in ihren Tarifen abbilden. Wir müssen uns auf deutlich höhere Energiepreise einstellen – über den kommenden Winter hinaus. Ich habe große Sorge, dass viele Verbraucher und Unternehmen Zahlungsprobleme bekommen könnten.

Eine mögliche Mangellage in diesem Ausmaß war lange Zeit undenkbar. Wie kann man die Gesellschaft aus Ihrer Sicht darauf vorbereiten?

Markus Böhm: Das ist sehr schwierig, vor allem, wenn man wie jetzt nicht genau weiß, welche Szenarien eintreten. Es gibt viele Unsicherheiten. Aber ich denke, wir müssen uns alle darauf einstellen, dass Einschnitte drohen. Auch den geschützten Kunden, also den Haushalten, muss klar sein, dass es trotz Vorrang bei der Belieferung Einschränkungen geben kann. Zum Beispiel, dass die Raumtemperatur abgesenkt wird. Deshalb ist Energiesparen jetzt absolut notwendig.

Die deutschen Gasspeicher zu füllen, ist das Gebot der Stunde. Bis zum 1. August solle der Speicherstand bei 65 Prozent liegen, zum 1. Oktober bei 80 Prozent und Anfang November bei 90 Prozent. Aktuell liegt der Stand bei 63,4 Prozent, wir sind also auf einem guten Weg. Aber das bedeutet auch weiterhin, dass jeder seinen Beitrag leisten muss um Energie zu sparen.

Gab jemals ein annähernd ähnliches Szenario in der Nachkriegszeit?

Markus Böhm: Nein, wir befinden uns in einer absoluten Ausnahmesituation. Und es ist auch nicht zu 100 Prozent klar, wie jetzt zu verfahren ist. Der "Notfallplan Gas für die BRD", basierend auf der europäischen SoS-Verordnung, ist auf eine mehrtägige technische Störung der Versorgung ausgelegt. Nicht auf eine Situation wie jetzt, wo es mittel- und langfristig zu einer Verknappung und vor allem zu stark steigenden Preisen kommen kann. .

Kann der Staat aus ihrer Sicht eine solche Entwicklung auffangen, oder werden Sie möglicherweise die steigenden Kosten an die Abnehmer weitergeben müssen?

Markus Böhm:Die steigenden Kosten machen uns sehr große Sorgen. Es ist zu befürchten, dass viele Menschen und Betriebe finanzielle Schwierigkeiten bekommen. Nicht jeder kann die enorm steigenden Preise auffangen. Der Staat ist hier gefordert die Sozialsysteme, insbesondere die Regelsätze der Grundsicherung, entsprechend anzupassen oder auch die Betriebe zu unterstützen. Die Energieversorger sind gezwungen, die hohen Einkaufspreise sukzessive in den Endkundenpreisen abzubilden..

Wie hat sich der Gasmarkt in den letzten Monaten entwickelt und was kann noch auf Verbraucher, sowohl im Privat- als auch Großkundenbereich, zukommen?

Markus Böhm: Die ohnehin angespannte Preissituation, die wir seit Herbst letzten Jahres haben, hat sich durch den Krieg und die aktuelle Drosselung von Nord Stream 1 weiter verschärft. Die Preise steigen derzeit täglich weiter an und erzielen neue Spitzen- und Höchstwerte. Allein in der letzten Woche gab es von einem Tag auf den anderen einen Preisanstieg um rund 15 Prozent. Sollte es zu weiteren Verknappungen kommen, rechnen wir mit weiter deutlich steigenden Preisen. Wir haben nun eine Situation mit dauerhaft hohen Beschaffungspreisen. Obwohl wir eine sehr vorausschauende Einkaufspolitik betreiben, können wir dieses Preisniveau nicht mehr auffangen und müssen diese Preisentwicklung an unsere Kunden weitergeben. Die Preiserhöhungen kommen bei den Verbrauchern etwas verzögert an. Das heißt, die aktuellen Preissteigerungen auf der Beschaffungsseite sind in den Tarifen noch gar nicht eingepreist.

Erhalten Sie aktuell vermehrt Anfragen besorgter Kunden zur möglichen Mangellage? Und wenn ja, gibt es besondere Schwerpunkte bei den Fragen?

Markus Böhm: Die Industriekunden sind am meisten besorgt, ob sie weiter beliefert werden können. Bei den Privatkunden sind es eher die Preiserhöhungen oder Abschläge. Wir raten im Moment jedem, die monatlichen Abschläge zu erhöhen, damit die Nachzahlungen nicht so hoch ausfallen. Wo Kunden mit Zahlungsproblemen auf uns zukommen, versuchen wir, Lösungen zu finden und stehen auch im Kontakt mit Beratungsstellen oder der Arbeitsagentur.

Kann man als privater Endverbraucher etwas tun um in der derzeitigen Situation Gas einzusparen?

Markus Böhm: Jeder kennt ja mittlerweile die Aussage: Jede gesparte Kilowattstunde hilft – der Versorgung und dem eigenen Geldbeutel. Jeder sollte jetzt, so gut es geht, Energie sparen. Und es geht nicht nur darum, Gas zu sparen. Auch Strom sparen hilft, denn ein Teil des Stroms in Deutschland wird in Gaskraftwerken erzeugt.

Das Interview führte WochenSpiegel-Redakteur Frederik Scholl