Stephanie Baumann

Als das Kino noch ins Dorf kam  - Erinnerungen an das Gasthaus Thieltges-Kronauer in Dreis

Dreis. Es sind vor allem die Kinotage, an die sich Alfred Herges gerne erinnert. Der Dreiser wuchs nur zwei Häuser vom Gasthaus Thieltges-Kronauer entfernt auf. Für die Dorfkinder waren die Filmvorführungen im Saal ein besonderes Ereignis. Später feierten auch Herges’ eigene Kinder Geburtstage auf Käthe Thieltges’ Kegelbahn – inklusive des Kegelaufstellens von Hand. . .

Seine Erinnerungen waren für Herges Anlass, die Geschichte des Traditionsgasthauses aufzuschreiben. Der Dreiser beschäftigt sich in seiner Freizeit mit heimatkundlichen Themen. Solche Erinnerungsorte sollten seiner Ansicht nach bewahrt werden. »Die Geschichte dieses Gasthauses sollte nicht verloren gehen«, sagt er.

Bis zuletzt war Thieltges-Kronauer noch ein Treffpunkt im Ort: Der Männergesangverein probte dort montags, ein Kegelclub kam regelmäßig zusammen. Mit der Schließung ist für Herges auch ein Stück Dorfleben verschwunden. Für seine Dokumentation sprach er mit Käthe Thieltges, trug eigene Erinnerungen zusammen und recherchierte historische Quellen. Im zweiten Dreiser Kirchenbuch stieß er unter anderem auf die Information, dass Adam Kronauer, der erste Namensträger der Familie in Dreis, ursprünglich aus Hessen stammte. Auch historische Ansichtskarten, die Herges über Sammlerportale zusammengetragen hat, flossen in seine Arbeit ein.


Erinnerungen an das Gasthaus Thieltges-Kronauer – mehr als 120 Jahre Treffpunkt in Dreis


»Wer das Gasthaus von Käthe Thieltges betrat, der wähnte sich in längst vergangene Zeiten zurückversetzt. Die komplette Einrichtung versprühte den Charme der 1960er Jahre, jahrzehntelang hatte sich nichts verändert und auf der Kegelbahn wurden die Kegel noch von Hand aufgestellt.
In den vergangenen Jahren hatte Käthe Thieltges die Öffnungszeiten aus Altersgründen bereits stark reduziert. Im November des vergangenen Jahres sorgte dann ein Sturz der 89-jährigen Gastwirtin mit Krankenhausaufenthalt und anschließendem Umzug in ein Seniorenheim für die endgültige Schließung der Traditionsgaststätte.

Die Geschichte der Gastwirtschaft beginnt 1904 mit ihrer Eröffnung als »Restauration von Heinrich Kronauer«. Der junge Familienvater, dessen Vater Adam bereits eine Gastwirtschaft in der Nachbarschaft betrieben hatte, erwarb mit Ehefrau Katharina das Haus in der Freien Reichsstraße 13 und baute es zur Gaststätte mit Fremdenzimmern und angeschlossenem Sämereienhandel um.


Käthe Thieltges beschreibt ihren Großvater als mutigen und entscheidungsfreudigen Mann, der in den Folgejahren stetig in seinen Betrieb investierte. So erfolgte 1924 der Anbau der Kegelbahn sowie eines Dorfsaals, der viel Platz für Familienfeierlichkeiten aller Art schuf. Den Sämereienhandel baute Kronauer nach und nach zu einer Gärtnerei aus.


In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich die Gastwirtschaft, die nach dem Tod Heinrich Kronauers 1949 von dessen ältester Tochter Maria und deren Ehemann Peter Thieltges weitergeführt wurde und fortan als »Gasthaus Thieltges-Kronauer« firmierte, zu einem Fixpunkt des dörflichen Geschehens. Später übernahm dann Käthe Thieltges gemeinsam mit ihrem Bruder Heinz den elterlichen Betrieb. Heinz Thieltges ist vielen Dreiser Bürgern nicht nur als Gastwirt und Gärtner in guter Erinnerung geblieben. Auch als Kunstmaler, Fotograf, Organist und Leiter mehrerer Chöre hat er das gesellschaftliche Leben im Ort und darüber hinaus wesentlich mitgeprägt. Der frühe Tod des umtriebigen und engagierten Gastwirts im Jahr 1995 hinterließ eine nicht zu schließende Lücke in der Dorfgemeinschaft und seine Schwester Käthe alleine im heimischen Betrieb zurück.


Die rüstige Gastwirtin erinnert sich an so manche Anekdote und in ihren Erzählungen werden Tanz- und Kegelabende, Hochzeits- und Faschingsfeiern wieder lebendig. Bei der Fußballweltmeisterschaft 1954 stand bei Thieltges-Kronauer das erste Fernsehgerät im Ort und beim Triumph der »Helden von Bern« platzte die Gastwirtschaft aus allen Nähten.


In den Folgejahren musste der Fernseher an den Wochenenden des Öfteren im Saal platziert werden, da bei Ausstrahlung der Fernsehshows mit Hans Joachim Kulenkampff und Peter Frankenfeld der Schankraum zu wenig Platz für alle Gäste bot.
Zu einem Höhepunkt im dörflichen Leben entwickelte sich das mobile Kino, das in den 1970er Jahren regelmäßig bei Thieltges-Kronauer Station machte. Während nachmittags die Dreiser Jugend den Saal füllte, um sich Karl-May-Verfilmungen anzuschauen, wurden abends die weniger jugendfreien Filme gezeigt.


In der Freien Reichsstraße 13 ist es jetzt ruhig geworden. Das Gasthaus Thieltges-Kronauer ist Geschichte. Wo jahrzehntelang getanzt und gefeiert wurde, entsteht bereits in Kürze neuer Wohnraum. Die Erinnerungen an diese Zeit bleiben in Dreis und Umgebung lebendig. . .«