

„Der Glaube war für mich immer präsent, ich bin mit ihm aufgewachsen“, sagt Stahl und wirkt dabei ebenso entspannt wie aufgeweckt. „In meinem Leben kam ich noch nie an den Punkt, daran zu zweifeln. Obwohl es immer mal wieder Phasen gab, in denen ich überlegt habe, wie ich denn genau zu der Institution Kirche stehe, habe ich mich in meinem Glauben immer geleitet und geschützt gefühlt. Da war immer wieder eine Sehnsucht, die ich als göttliche Stimme verstehe, die mich in meinen Lebensentscheidungen geleitet hat“, erzählt Stahl, die neben Praktischer Theologie auch Religionspädagogik und Soziale Arbeit studiert hat. Wie sie ihr Leben gestaltet, sei zudem von ethischen Überzeugungen geprägt. Als langjährige Vegetarierin liegt ihr das Thema Schöpfungserhalt und der achtsame Umgang mit allen Lebewesen am Herzen. „Bewusster Konsum, Umwelt- und Tierschutz gehören für mich zur christlichen Verantwortung dazu.“
Pia Stahl formuliert schnell und präzise. Wenn sie um ihre Einschätzung gebeten wird, legt sie für zwei kurze Atemzüge die Stirn in Falten, bevor sie antwortet. Während ihres Studiums an der Katholischen Hochschule Freiburg absolvierte sie zwei Auslandssemester an der Katholischen Universität Cochabamba (Bolivien), wohnte in dieser Zeit bei einer Ordensgemeinschaft und studierte Pastoraltheologie. „Die Sehnsucht nach Bolivien war schon immer groß“, schwärmt Stahl, die schon in jungen Jahren in ihrer Heimatpfarrei aktiv war: als Messdienerin, Gruppenleiterin auf Ferienfreizeiten und als lokal Verantwortliche für die Sternsinger*innenaktion. „Ich hatte die Möglichkeit, an unterschiedlichen Orten in Bolivien zu leben, unter anderem im Amazonasgebiet. Eine ganz neue Erfahrung, Kirche zu erleben.“ Mehrere Wochen war sie mit einer Seelsorgerin unterwegs, um im schwer zugänglichen Hinterland gelegene Gemeinden zu besuchen. Dort ist der Priesterbesuch noch rarer als der einer Ordensfrau. „Die Ordensschwester war mit besonderen Rechten ausgestattet, durfte zum Beispiel das Sakrament der Taufe und der Ehe spenden“, berichtet sie. Daher lässt Stahl das in konservativen Kreisen propagierte Argument, der globale Süden würde sich sperren, wenn es darum geht, Frauen mehr Verantwortung in der Kirche zu übertragen, nicht gelten. „Ich habe es dort anders erlebt,“ sagt sie mit einer gewissen Prägnanz in der Stimme, die reflektiert, stabil und zugewandt anmutet.
Was man denn von den Gemeinden am Amazonas lernen könne? Die Antwort kommt diesmal wie aus der Pistole geschossen: „Die Ehrenamtlichen halten das Gemeindeleben am Laufen und tragen viel Verantwortung.“ Auch in den deutschen Diözesen würden die Räume und Entfernungen in katholischen Strukturen immer größer. „Das hat zur Konsequenz, dass bereits bestehende Strukturen vor Ort und besonders die Ehrenamtlichen gestärkt werden müssen. Es kann also auch Vorteile haben, wenn Räume größer werden“, wägt sie ab.
Diese Frau ruht in sich und ist zugleich dermaßen auf Zack, dass man noch mehr über ihre Sicht auf Gott und die Welt erfahren möchte. Ihre Freizeit verbringt Stahl übrigens gern mit Hunden oder beim Ausdauersport. Mit dem Tierschutz-Hund ihrer Eltern, der sich anfangs noch nicht mal berühren lassen wollte, kuschelt sie dank viel Geduld, Training und Zuwendung inzwischen entspannt auf der Couch. „War ein langer Weg“, schmunzelt sie. Als ausgebildete Rettungsantitäterin und DLRG-Rettungsschwimmerin liebt sie das Wasser, wandert gern, trainiert derzeit für den Marathon und hat schon an zwei Triathlons teilgenommen.
Wie es denn nun weitergehen solle nach der Beauftragung zur Gemeindereferentin Ende August? „Ich mache derzeit die Erfahrung, dass ich Themen aber auch Grenzen setzen kann in meiner Arbeit. Künftig werde ich mit 50 Prozent Stellenanteil auf Ebene des Pastoralen Raums arbeiten.“ Das Bild von der Gemeindereferentin, die ausschließlich innerhalb der Pfarrei tätig ist, sei überholt und verändere sich derzeit. „Wir müssen an vielen Stellen effizienter arbeiten und weite Räume abdecken. Meinen Schwerpunkt möchte ich auf die Jugendarbeit legen.“ Darunter fällt zum Beispiel die Messdiener*innenarbeit und die Firmvorbereitung. „Dafür haben wir hier ein großartiges Konzept mit flexiblen Modulen, das die Jugendlichen anregt, über ihre Beziehung zu Gott, aber auch zu sich selbst nachzudenken.“ Heutzutage stünden viele Jugendliche unter enormem Druck, nicht zuletzt durch Social Media. Damit zurechtzukommen, sei in diesem Alter besonders schwierig. „Deshalb ist es wichtig, zu lernen, wie man mit solchen Einflüssen von außen umgeht.“ Ein Aspekt der Firmvorbereitung, die auch soziale Projekte wie etwa Foodsharing beinhaltet, thematisiere zum Beispiel, wie man menschenfeindliche Ideologien erkennt, sich davon distanziert und stattdessen sozial und solidarisch miteinander lebt. Auch in Glaubensfragen sei ein kritischer Blick hilfreich. „Immer Ja und Amen sagen reicht nicht. Es braucht Beteiligung und Diskurs für einen lebendigen Glauben“, ist sich Stahl sicher, die am liebsten in Stille, mitten in der Natur, umgeben von Fels und Wasser betet. „Dazu möchte ich schauen, was ich mit meinen eigenen Charismen in den Feldern Weltkirche und Queerpastoral entwickeln kann“, sagt Stahl, die auch Mitglied im Arbeitskreis Queer im Bistum Trier ist. Ihr gehe es darum, Angebote zu schaffen und Haltung zu vermitteln. Es bringe nichts, an einem „Es ist schon alles gut“-Bild festzuhalten. Die junge Frau wünscht sich, dass Kirche sich weiterentwickelt und offen ist für alle, frei nach dem Grundsatz: Komm wie Du bist. Und Du darfst sein, wie Du bist! „Die Bergpredigt – ‚Liebe deine Nächsten!‘ – ist für mich die Grundlage von allem. Daher kann ich es auch nicht verstehen, wenn bestimmte Menschen – gerade in der Kirche – ausgeschlossen oder ungerecht behandelt werden.“
Am Samstag, 29. August, um 9 Uhr wird sie gemeinsam mit drei weiteren Frauen im Trierer Dom für den Dienst in der Seelsorge beauftragt. Alle Interessierten sind herzlich zum Gottesdienst eingeladen. (ih)
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