Stephanie Baumann

Tuning-Treffen in Wittlich eskaliert: Über 1000 Menschen - Angriffe auf die Polizei - Bilder der Verwüstung

Wittlich. Was sich in der Nacht von Samstag auf Sonntag im Gewerbegebiet von Wittlich abgespielt hat, dürfte in der Region Trier für lange Zeit in Erinnerung bleiben. Mehr als 1.000 Menschen, Hunderte Fahrzeuge, vermummte Personen auf Hallendächern und Lastwagen, brennende Reifen, massive Sachbeschädigungen und Angriffe auf Polizeibeamte. Am Sonntagmorgen, 20. September, zeigt sich auf dem betroffenen Firmengelände das ganze Ausmaß der nächtlichen Ereignisse.

Bild: Florian Blaes

Nachdem das Polizeipräsidium Trier bereits am frühen Sonntagmorgen über ein außergewöhnliches, nicht genehmigtes Tuning-Treffen informiert hatte, bietet sich am Tag danach ein erschreckendes Bild. Auf einem riesigen Firmengelände im Gewerbegebiet von Wittlich, unweit der Autobahnen A1 und A60, sind am Vormittag zahlreiche Einsatzkräfte der Kriminalpolizei unterwegs.

Spurensicherung, Kriminaltechniker und weitere spezialisierte Polizeikräfte versuchen, die noch vorhandenen Spuren der vergangenen Nacht zu sichern. Über mehrere Stunden dauern die polizeilichen Maßnahmen an. Das betroffene Gelände bleibt währenddessen gesperrt.

Hunderte Vermummte auf Hallendächern und Lastwagen

Was hier in der Nacht geschehen sein muss, lässt sich anhand der zurückgelassenen Spuren und der inzwischen im Internet kursierenden Bilder und Videos erahnen.
Nach Angaben der Polizei befanden sich mehrere hundert Fahrzeuge und schätzungsweise eine vierstellige Zahl von Menschen auf dem Firmengelände. Bereits gegen 23 Uhr am Samstagabend, 19. September, hatte die Polizei Kenntnis von dem nicht genehmigten Treffen erhalten.

Offenbar hatten sich zahlreiche Teilnehmer gewaltsam Zugang zu dem Gelände verschafft. Schranken wurden beschädigt, Beleuchtungseinrichtungen zerstört und Firmenfahrzeuge in Mitleidenschaft gezogen.

Auf Bildern und Videos, die in den sozialen Medien kursieren, sowie auf Bildmaterial, das unserer Redaktion zur Verfügung gestellt wurde, sind Hunderte Menschen zu erkennen, die sich auf dem riesigen Hallendach und auf abgestellten Lastwagen und Aufliegern aufhalten. Viele von ihnen sind vermummt.
Auf dem Gelände selbst versammeln sich ebenfalls Hunderte Menschen in einem großen Kreis. Mittendrin zahlreiche Fahrzeuge aus der Tuning- und Driftszene.

Was folgt, ist eine nächtliche Veranstaltung mit gefährlichen Fahrmanövern, durchdrehenden Reifen, Rauch und Pyrotechnik. Der Morgen danach: Reifenabrieb, Müll, Pyrotechnik und zerstörtes Firmeneigentum.Am Sonntagmorgen ist von der nächtlichen Menschenmenge nichts mehr zu sehen. Geblieben ist ein Gelände, auf dem die Spuren der vergangenen Stunden kaum zu übersehen sind. Auf dem Asphalt zeichnet sich ein riesiger Kreis aus schwarzem Reifenabrieb ab. Unzählige Reifenspuren verlaufen über die Fläche und zeigen, wo die Fahrzeuge in der Nacht ihre Drifts durchgeführt haben.

Rundherum liegt Müll. Alkoholische Getränke, Getränkedosen, Pizzakartons, Essensreste, Süßigkeitenverpackungen und zahlreiche weitere Hinterlassenschaften verteilen sich über das Gelände.Besonders auffällig sind die enormen Mengen an abgebrannter Pyrotechnik. Überall finden sich Reste von Feuerwerkskörpern, die während des Treffens gezündet worden sein sollen. Darunter offenbar auch pyrotechnische Gegenstände, deren Verwendung in Deutschland in dieser Form nicht erlaubt ist.

In Hecken und Büschen liegen beschädigte und teilweise zerfetzte Reifen. Auf dem Asphalt sind weitere Reifenreste und Spuren der extremen Fahrmanöver zu erkennen. Auch die abgestellten Lastwagen wurden offenbar nicht verschont. Nach den Eindrücken vor Ort wurden Feuerlöscher aus Fahrzeugen entnommen und mutwillig versprüht, offenbar auch im Zusammenhang mit brennenden Reifen.

Ein beschädigtes Fahrzeug soll nach dem Treffen einfach zurückgelassen worden sein. Nach offizieller Mitteilung der Polizei wurden im gesamten Einsatzverlauf insgesamt zwei Fahrzeuge sowie weitere Beweismittel sichergestellt.

Erste Polizeistreife wird massiv angegriffen – Großaufgebot rückt an

Besonders schwer wiegen die Ereignisse rund um den Polizeieinsatz. Wie das Polizeipräsidium Trier in seiner offiziellen Mitteilung erklärt, wurden die ersten eintreffenden Polizeibeamten unmittelbar von vermummten Personen attackiert. Auch die Einsatzfahrzeuge wurden angegriffen und beschädigt. Die zunächst vor Ort befindlichen Kräfte mussten sich daraufhin zurückziehen. Anschließend zog die Polizei zahlreiche weitere Einsatzkräfte aus umliegenden Dienststellen sowie der Bereitschaftspolizei zusammen.

Ein Großaufgebot rückte nach Wittlich aus. Kontrollstellen wurden eingerichtet, um die abreisenden Teilnehmer zu überprüfen und die Anreise weiterer Personen zu verhindern. Auch ein Polizeihubschrauber sowie eine Drohne des Landkreises kamen zum Einsatz, um die Lage aus der Luft beurteilen zu können. Im Rahmen der Maßnahmen kontrollierte die Polizei insgesamt 70 Personen und Fahrzeuge.

Die Feuerwehr Wittlich war ebenfalls in der Nacht im Einsatz. Auf dem Gelände waren unter anderem Mülleimer in Brand gesetzt und Feuerwerkskörper abgebrannt worden. Die Feuerwehr unterstützte die Einsatzmaßnahmen und kümmerte sich um Brandstellen.

Führt die Spur zu einer Tuning-Gruppierung aus Belgien?

Während die Polizei am Sonntagvormittag noch mit der Spurensicherung beschäftigt ist, tauchen in den sozialen Medien immer mehr Bilder und Videos der nächtlichen Veranstaltung auf. Dabei rückt auch eine mutmaßliche Gruppierung aus der belgischen Tuning- und Driftszene in den Fokus. Unter dem Namen „Build 4 Drift“, kurz „B.4.D.“, finden sich im Netz Hinweise auf eine Szene, die möglicherweise mit dem Treffen in Wittlich in Verbindung steht.

Nach den bislang vorliegenden Eindrücken und Hinweisen könnten zahlreiche Teilnehmer aus Belgien und Frankreich angereist sein. Ob die genannte Gruppierung tatsächlich für die Organisation des Treffens verantwortlich war und welche Personen konkret an den Straftaten beteiligt waren, ist bislang nicht offiziell bestätigt.

Die Ermittlungen zur Herkunft der Teilnehmer, zur Organisation der Veranstaltung und zu den Verantwortlichen stehen noch am Anfang. Warum ausgerechnet das Gewerbegebiet von Wittlich für ein Treffen dieser Größenordnung ausgewählt wurde, ist derzeit ebenfalls unklar.

Geschäftsführer und Mitarbeiter schockiert – Aufräumarbeiten  am Sonntagmittag

Am Sonntagmittag treffen schließlich auch der Geschäftsführer des betroffenen Unternehmens und Mitarbeiter auf dem Firmengelände ein. Die Betroffenen zeigen sich schockiert über das Geschehene und darüber, in welchem Zustand das Firmeneigentum nach der vergangenen Nacht zurückgelassen wurde.

Neben den offensichtlichen Verschmutzungen und den zahlreichen Reifenspuren müssen nun auch die Schäden an Fahrzeugen, technischen Einrichtungen, Schranken und weiteren Teilen des Geländes erfasst werden. Erst nach Abschluss der polizeilichen Maßnahmen können die eigentlichen Aufräumarbeiten beginnen.

Für die Mitarbeiter bedeutet dies, dass sie sich an einem Sonntag mit den Folgen einer Veranstaltung beschäftigen müssen, mit der ihr Unternehmen nichts zu tun hatte. Wie hoch der gesamte entstandene Sachschaden ist, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht beziffern.

Ermittlungen wegen Landfriedensbruchs und Sachbeschädigung

Die Polizei hat inzwischen Ermittlungen wegen des Verdachts des Landfriedensbruchs, verschiedener Sachbeschädigungen sowie weiterer Straftaten und Ordnungswidrigkeiten eingeleitet.Dabei dürfte insbesondere die Auswertung der zahlreichen Bilder und Videos eine wichtige Rolle spielen.

Auch die gesicherten Fahrzeuge, die Spuren auf dem Firmengelände und die Erkenntnisse aus den nächtlichen Polizeikontrollen könnten zur Identifizierung einzelner Beteiligter beitragen. In der gesamten Region Trier sorgen die Ereignisse unterdessen für Erstaunen und Entsetzen. Ein nicht genehmigtes Treffen mit einer solchen Teilnehmerzahl, massiven Sachbeschädigungen und Angriffen auf Einsatzkräfte hat in Wittlich eine Dimension erreicht, die weit über ein gewöhnliches Treffen der Tuningszene hinausgeht.

Polizei richtet Hinweisportal ein

Zur Gewinnung von Hinweisen aus der Bevölkerung hat die Polizei ein Hinweisportal eingerichtet. Hier können Zeugen Hinweise abgeben sowie vorhandenes Bild und Videomaterial an die Polizei übermitteln. Die Hinweise können auch anonym hochgeladen werden.

Das Hinweisportal ist unter folgendem Link zu erreichen: https://rlp.hinweisportal.de/2026092010/de/upload

Text: Florian Blaes