Mario Zender

Der Tag, an dem Emily starb

Jetzt spricht erstmals die Mutter des toten Mädchens. Exklusiv im WochenSpiegel erzählt sie vom »schlimmsten Tag ihres Lebens«.

Video: Mario Zender

Ein dreijähriges Kind stirbt im Mai im Eifelort Urmersbach. Eine schwere Kopfverletzung durch stumpfe Gewalt attestiert der Gerichtsmediziner. Derjenige, der dem kleinen Mädchen mutmaßlich diese Verletzungen zufügte, nahm sich das Leben. Es war der Nachbar. Ein Drama, das im Frühjahr die ganze Region erschütterte. Jetzt spricht erstmals die Mutter des toten Mädchens. Exklusiv im WochenSpiegel erzählt sie vom »schlimmsten Tag ihres Lebens«.
Von Mario Zender
Masburg/Urmersbach. Es ist ein Bild aus glücklichen Tagen. Jenny B. steht in ihrem Wohnzimmer, auf ihrem Rücken sitzt ein kleines Mädchen. Die Arme um den Hals der Mutter geschlungen. Das Kind lächelt in die Kamera – unbeschwert, vertraut. Es ist ein Spiel, ein alltäglicher Moment: Huckepack, mitten im Leben. Nichts deutet darauf hin, dass dieses Glück endlich ist. Dass dieses Lachen verstummen wird.
Das Mädchen auf dem Foto heißt Emily. Es starb am 8. Mai vergangenen Jahres im Alter von nur drei Jahren. Seit diesem Tag kämpft ihre Mutter um Antworten – und gegen böse Unterstellungen in den sozialen Netzwerken.
Man merkt Jenny B. die Anspannung an, wenn sie über das schreckliche Geschehen im Haus des Kindsvaters in Urmersbach spricht. 
Ihre Hände zittern, ihre Stimme ist brüchig, als sie von dem Tag erzählt, an dem sie den Anruf ihres Ex-Lebensgefährten erhielt. »Er rief mich an, als ich gerade mit dem Auto unterwegs zur Motorrad-Fahrschule war, und sagte, dass ich sofort nach Urmersbach kommen müsse. Emily werde reanimiert.« Für Jenny B. beginnt mit diesem Anruf eine Odyssee, die ihr ganzes Leben verändern sollte. Der Nachbar Magnus K. soll dem Kind im Haus ihres Ex-Lebensgefährten die tödlichen Verletzungen zugefügt haben. Ein tragischer Unglücksfall – oder ein Verbrechen mit Vorsatz? Auf diese Frage hat die Mutter der Dreijährigen bis heute keine Antworten. Denn Nachbar Magnus K. hat sich das Leben genommen. 
Jeden Tag ans Grabd
Ein kleiner Schutzengel steht zwischen Blumen und Kerzen auf dem Grab. Er blickt nach unten, als würde er wachen. Daneben ein weißes Herz mit einem Namen: Emily K. Darunter Daten, die viel zu kurz für ein Kinderleben sind.
Jenny B. (27) kniet vor dem Grab ihrer Tochter. Sie kommt jeden Tag hierher. Bei Regen, bei Kälte – auch dann, wenn sie kaum Kraft hat, die Wohnung zu verlassen. »Ich kann nicht anders«, sagt sie. »Ich  muss  hierher.« Der Friedhof in Masburg ist still an diesem Nachmittag. Jenny streicht über die Erde, richtet eine Kerze, schaut auf die kleinen Gegenstände, die Freunde und Verwandte dagelassen haben: Spielzeug, bemalte Steine, kleine Figuren. Ein Windrad dreht sich im leichten Luftzug.
Seit dem 8. Mai 2025 ist sie jeden Tag hier und gedenkt ihrer Tochter. Es gibt keinen Moment, sagt sie, in dem Emily nicht da ist: beim Aufwachen, beim Einschlafen, beim Blick in das Kinderzimmer, das unverändert geblieben ist. Spielsachen liegen noch dort, wo Emily sie zuletzt zurückgelassen hat. Nur das Lieblingsstofftier fehlt – eine kleine pinke Katze. Sie liegt bei Emily im Grab.
»Man sagt oft, die Zeit heilt Wunden«, sagt Jenny. »Aber das stimmt nicht. Man lernt nur, mit dem Schmerz zu leben.«
Falsche Verdächtigungen
Was die 27-Jährige besonders belastet, sind nicht nur die Erinnerungen – sondern auch das, was von außen kommt: Kommentare. In sozialen Netzwerken liest Jenny Dinge, die sie kaum erträgt. Unter Beiträgen über den Tod ihrer Tochter schreiben Menschen, die sie nicht kennen: »Die Eltern müssten in den Knast« oder »Warum hat niemand aufgepasst?«  Jenny liest diese Sätze – und versteht sie nicht. »Ich war an diesem Tag nicht dort«, sagt sie. »Emily war bei ihrem Vater. Das war sein Umgangsrecht. Ich konnte meinem Kind nicht helfen, weil ich gar nicht da war.« Trotzdem treffen die Worte sie. Jeden Tag aufs Neue. »Die Leute wissen nicht, was passiert ist«, sagt sie. »Und sie wissen nicht, was danach kommt.«
Sie ärgert sich über das schnelle Urteilen, über die Gewissheit fremder Menschen, die aus der Distanz Schuld verteilen. »Man lebt sowieso schon mit Fragen«, sagt sie. »Und dann kommt so etwas noch dazu.«
Auch positive Erlebnisse
Neben den verletzenden Kommentaren gab es aber auch viele helfende Reaktionen – von Freunden, Nachbarn oder völlig unbekannten Menschen. Trost, Gespräche, praktische Hilfe. »Es hat sich ein Mann gemeldet, der einen Steinmetzbetrieb führt«, erzählt Jenny. »Er hat mir angeboten, den Grabstein kostenlos herzustellen und zu installieren. Das fand ich wirklich bemerkenswert.«
Nach dem Tod ihrer Tochter habe sie sich oft allein gelassen gefühlt. Hilfe müsse man sich selbst suchen, sagt sie. Unterstützung komme nicht automatisch. Mehrere angefragte Psychologen hätten abgesagt, bei anderen habe es Termine erst nach monatelanger Wartezeit gegeben.
Gleichzeitig müsse man mit Krankengeld zurechtkommen, Anträge stellen, funktionieren – obwohl man innerlich kaum noch steht.
»Es ist, als würde die Welt erwarten, dass man irgendwann einfach weitermacht«, sagt sie. »Aber wie soll das gehen?« Was bleibt, ist der Gang zum Friedhof. Jeden Tag. Der Schutzengel. Das Grab. Der Name ihrer Tochter. Jenny steht auf, wischt sich die Hände an der Jacke ab. Bevor sie geht, bleibt sie noch einen Moment stehen. Dann sagt sie leise: »Bis morgen, mein Schatz.«  Und kommt am nächsten Tag wieder. 
Jeder Tag endet für Jenny B. mit Fragen über Fragen zum schrecklichen Tod des kleinen Mädchens – zu viele, um zur Ruhe zu kommen. 
Früh wies sie die Polizei auf aus ihrer Sicht bestehende Widersprüche in Zeugenaussagen hin. Wie lange war Magnus K. wirklich allein mit dem Kind im Fitnessraum? Waren es nur wenige Sekunden, wie der Vater ausgesagt haben soll – oder rund fünf Minuten, wie ein weiterer Nachbar angibt? Minuten, die über Leben und Tod entschieden haben könnten. »Ich bin von der Polizei enttäuscht«, sagt die 27-Jährige im Gespräch mit dem WochenSpiegel.
»Ich hätte mir intensivere Ermittlungen gewünscht, die diese Widersprüche vielleicht aufgeklärt hätten.«
Erheblicher Drogenkonsum 
Erschütternd sind die Ergebnisse der toxikologischen Untersuchungen vom Blut von Nachbar Magnus K.
Recherchen des WochenSpiegel zeigen: Der mutmaßlich Verantwortliche für den Tod des Kindes hatte zum Tatzeitpunkt eine extrem hohe Dosis Amphetamin im Blut. Im Sektionsbericht der Uniklinik Mainz wird bei Magnus K. ein Amphetaminwert von 5200 Nanogramm pro Milliliter Blut angegeben – so hoch, dass der Gerichtsmediziner vermerkt, es handele sich lediglich um einen Circa-Wert, da der gemessene Wert oberhalb des kali-brierten Messbereichs lag.
Zusätzlich fanden die Gerichtsmediziner Rückstände von Ketamin in einer Konzentration von 730 ng/ml. Ketamin ist ein schnell wirkendes Schmerz- und Narkosemittel, das in der Notfallmedizin als unverzichtbar gilt, in der Drogenszene jedoch wegen seiner halluzinogenen Wirkung verbreitet ist. Der Wirkstoff wird unter anderem auch in der Tiermedizin eingesetzt, etwa bei Pferden. Darüber hinaus wurden 1,4 ng/ml »THC« sowie 3,2 ng/ml »HHC« nachgewiesen. Es ist daher davon auszugehen, dass Magnus K. auch Cannabis konsumiert hatte. Aus medizinischer Sicht handelt es sich um einen hochgefährlichen, potenziell tödlichen Substanzmix.
Polizeieinsatz mit »Taser«
Vieles deutet darauf hin, dass Magnus K. nach der Tat sterben wollte. Nachdem das Kind regungslos im Fitnessraum lag, ging er in sein Haus. Am Fenster unterhielt er sich längere Zeit mit einer herbeigerufenen Polizeibeamtin, die versuchte, ihn zur Aufgabe zu bewegen. 
»Erschießen Sie mich«, forderte er die Beamtin mehrfach auf. Diese trug eine Bodycam, das gesamte Gespräch wurde auf Video aufgezeichnet. 
Später hielten die Einsatzkräfte den Ablauf in einem 25-seitigen Vermerk fest. Als die Beamten den Zugriff starteten, setzten sie noch einen Distanz-Elektroimpulsgerät (Taser) ein. Jürgen Fachinger, Pressesprecher der Polizei Koblenz: »Die Einsatzkräfte sahen sich beim Betreten der Wohnung der Gefahr eines Angriffs einer in einem psychischen Ausnahmezustand befindlichen Person mit einem Messer ausgesetzt.« Als Magnus K. das Eindringen der Einsatzkräfte bemerkte, nahm er sich das Leben. Um 20.29 Uhr vermerkten die Einsatzkräfte seinen Tod. Acht Minuten später folgte die Nachricht aus dem Krankenhaus in St. Augustin: Auch die kleine Emily konnte nicht gerettet werden.
War der Tod der Dreijährigen ein Unfall beim Hantieren mit Gewichten – oder ein Verbrechen? Kurz nach der Tat konnte die Staatsanwaltschaft Koblenz beides nicht ausschließen. In einer Presseerklärung hieß es damals: »Ob die tödlichen Verletzungen auf einen Unfall oder auf eine Gewalttat zurückzuführen sind, lässt sich nicht klären.«
Heute, neun Monate nach dem schicksalhaften Tag, gibt es mehr Klarheit. Auf Anfrage des Cochemer WochenSpiegel teilt der Leitende Oberstaatsanwalt Mario Mannweiler mit, dass das abschließende Obduktionsgutachten die »anfängliche Hypothese eines möglichen fahrlässigen Unfallgeschehens in der Gesamtschau des Verletzungsbildes nicht gestützt« habe.
Konkret bedeutet dies: Die Ermittler schließen einen Unfall als Ursache für den Tod der kleinen Emily aus. Mutmaßlich wurde das Kind von Magnus K. vorsätzlich getötet.  Weitere Einzelheiten will die Staatsanwaltschaft nicht mitteilen.  Vermutlich muss Jenny B. sich damit abfinden, dass niemals vollständig ans Licht kommen wird, was im Fitnessraum des Hauses in der Hauptstraße in Urmersbach genau geschah. Bleiben werden ihr die vielen schönen Erinnerungen an ihre Tochter Emily – und an ein viel zu kurzes Leben.
__
HINWEIS:

Normalerweise berichtet der WochenSpiegel nicht über Suizide. Dies entspricht den Vorgaben des Pressekodex. Ausnahmen gelten, wenn es sich um Ereignisse der Zeitgeschichte oder um Vorfälle von erhöhtem öffentlichem Interesse handelt.
Dies ist hier der Fall, da sich der Vorfall in der Öffentlichkeit ereignete und ein großes öffentliches Interesse hervorrief.
Sollten Sie selbst von Suizidgedanken betroffen sein, suchen Sie bitte professionelle Hilfe. Diese erhalten Sie jederzeit bei der TelefonSeelsorge unter 116 123 oder unter www.telefonseelsorge.de 
 

Weitere Nachrichten aus dem Kreis Cochem-Zell

UNTERNEHMEN DER REGION

Meistgelesen