Michael Nielen

»Du steigst nicht zweimal in denselben Fluss«

Schleiden. Wenn der Journalist Stephan Everling abends von einem Termin nach Hause kommt, beginnt für ihn nicht selten der eigentliche kreative Teil des Tages. Dann verschwindet er in seinem Studio – manchmal bis tief in die Nacht.
Pinsel und Gitarre, Malerin und Musiker, Frau und Mann - Maf Räderscheidt und Stefan Everling laden zur Reise in ihre Welt ein ...

Pinsel und Gitarre, Malerin und Musiker, Frau und Mann - Maf Räderscheidt und Stefan Everling laden zur Reise in ihre Welt ein ...

Bild: Michael Nielen

»So wie wir leben, kann Stephan bis nachts um zwei elektrisch dröhnend laut Gitarre spielen – und niemand stört das. Der liebe Gott findet es irgendwie okay und die Tiere im Nationalpark haben sich auch schon daran gewöhnt«, sagt seine Frau Maf Räderscheidt mit einem Lächeln. Für beide ist diese Freiheit ein Geschenk – und die Grundlage für Projekte, die sich jeder Schublade entziehen.

Stephan Everlings Weg zur Musik und zu seinem neuen Album »Live Moments« war alles andere als gradlinig. »Ich bin ja von Hause aus kein Journalist, sondern eigentlich Musiker«, sagt er. In den 90er Jahren lief es gut, vor allem in Köln. »1997 ging es richtig los.« Doch ein Unfall in der Familie änderte alles. »Da habe ich es aufgegeben und 15 Jahre gar nichts gemacht.« Erst nach und nach fand er zurück zur Musik.

Regelmäßige Bandprojekte sind für ihn jedoch kaum machbar. »Ich habe oft Abendtermine. Ich kann nicht regelmäßig mit Leuten zusammenspielen.« Also suchte er nach einer Lösung – und fand sie in der Technik. »Ich muss mit mir alleine gemeinsam spielen«, formuliert er augenzwinkernd.

Als Gitarrist nutzt er moderne Looper und Effekte bis ins Detail. Ein Gerät ermöglicht ihm sechs unabhängige Stereo-Loops gleichzeitig. »Du kannst Ebenen starten, verändern, wieder rausnehmen – ohne Ende Möglichkeiten. Sozusagen der Bobby McFerrin auf der Gitarre.« Alles entsteht live. »Ich arbeite nicht mit Overdubs. Ich schneide einfach alles mit. Die guten Sachen bleiben.«

Und die finden sich auf seinem neuen Album wieder – nicht mehr auf CD. »CD macht keiner mehr.« Seine Musik ist auf den bekannten Streamingplattformen abrufbar, einfach unter dem Link https://ditto.fm/live_moments schauen.

Seine Musik stilistisch einzuordnen ist schwer; sie ist einfach zu vielfältig. Dennoch - er bewegt sich zwischen Ambient und experimenteller Improvisation, mit klaren Wurzeln im Jazz. »Ich komme aus der der Jazzrock und Freejazz-Ecke, .« Doch das Entscheidende ist für ihn der Moment: »Ich weiß in 90 Prozent der Fälle nicht, was rauskommt.«

Diese Offenheit prägt auch ein neues gemeinsame Projekt mit seiner Frau Maf Räderscheidt. Das Bemerkenswerte daran verdeutlicht die bekannte Künstlerin an einem Beispiel: »Ich gehe auf eine Bühne, ohne jegliches Manuskript und weiß überhaupt nicht, was ich sagen werde. Das ist auch ziemlich unangenehm, weil ich denke: Mir wird nichts einfallen.« Doch sobald die Musik von Stephan Everling einsetzt, öffnet sich eine innere Tür. »Ich rede, wie ich male. Ich mache eine Tür auf und bin in meinem inneren Selbst.« Was dann geschieht, ist ein Dialog aus Klang und Wort. »Du erzählst dir gegenseitig eine Geschichte«, erklärt Everling. »Ich merke, sie holt Luft, schlage ihr eine Phrase vor – sie nimmt sie auf.«

Räderscheidt ergänzt: »Dann spielt Stephan etwas ganz Holdes, und plötzlich findet meine Protagonistin ein Ei. Das zerbricht, ein Engel schlüpft heraus. Wird die Musik wilder, wird der Engel zur Fledermaus.« Beide reagieren aufeinander wie Jazzmusiker im freien Spiel.

»Das Herz im Jazz ist der Bass«, erklärt Everling. »Du hörst aufeinander.« Genau dieses Zuhören macht den Kern ihres Projektes aus. Es gibt keinen doppelten Boden, keine festgelegten Texte. Mehrfach haben sie dieses Format bereits live präsentiert – bei Ausstellungseröffnungen, im Theatrino in Belgien und bei einer bewegenden Performance in einer Kapelle in Nettersheim zum Jahrestag der Flut. Damals ergänzt durch Trompete und Tanz. »Die Leute saßen da alle heulend«, erinnert sich Räderscheidt. Everling ließ mit seinem Looper aus einzelnen Tönen einen akustischen Regen anschwellen – bis hin zum Sturm.

Für beide ist dieses Zusammenspiel mehr als nur ein Auftritt. »Es ist im Grunde wie guter Sex«, sagt Everling. »Wir sind hinterher völlig fertig – und wunderbar zufrieden.« Räderscheidt formuliert es poetischer: »Komm mit in unsere Welt. Steig in einen Zug ohne Wände, ohne Angst. Wenn du aus diesem Wunder aussteigst, ist dein Leben reicher als vorher.« Ein Album der beiden ist in Arbeit und soll im Frühjahr erscheinen. Live-Termine sind geplant, Konkretes steht noch nicht fest. Sicher ist nur eines: Jede Aufführung ist einzigartig. »Du steigst nicht zweimal in denselben Fluss«, sagt Stephan Everling. Und genau das macht den Reiz aus.