Michael Nielen

Tuba, Talkrunden und ein Stadtbahn-Traum

Mechernich. Beim Jahresempfang unter dem Motto »Made in Mechernich« setzten Stadt und Bundeswehr auf ein neues Format – mit Erfolg. Der Sonntagvormittag wurde sehr unterhaltsam ...
Zwei, die sich verstehen und bei aller guten Laune auch ernste Themen ansprachen: Die Gastgeber Jochen Schnabel (li.) und Michael Fingel.

Zwei, die sich verstehen und bei aller guten Laune auch ernste Themen ansprachen: Die Gastgeber Jochen Schnabel (li.) und Michael Fingel.

Bild: Michael Nielen

Statt langer Reden gab es Talkrunden, statt Monologe echten Dialog – und statt Pflichtapplaus ehrliche Begeisterung. Der gemeinsame Jahresempfang von Stadt Mechernich und Bundeswehr in der Aula des Gymnasiums am Turmhof kam an. Moderator Ronald Larmann sorgte mit Witz und Schlagfertigkeit dafür, dass seine Gäste redeten – und das Publikum zuhörte. Musikalisch rahmte das Tuba-Ensemble des Heeresmusikkorps Koblenz den Vormittag ein und bewies dabei eine erstaunliche Bandbreite: von klassischen Stücken bis hin zu Taylor Swifts »You belong to me«.

In der ersten Talkrunde blickte Michael Fingel, Bürgermeister der Stadt Mechernich, auf seinen Wahlkampf und die ersten Monate im Amt zurück. Besonders die Begegnungen in den 44 Ortschaften des Stadtgebiets hätten ihn beeindruckt: »Was mir in allen Ortschaften entgegenkam, war Herzlichkeit, Zusammenhalt, auch ein gewisses Wir-Gefühl.« Eine Fahrradtour durch Kallmuth brachte die Erkenntnis: »Das war so der Moment, wo ich realisiert habe, was das für eine große Ehre ist, Bürgermeister sein zu dürfen.«

Trotz positiver Eindrücke blickt Fingel auf eine arbeitsreiche Amtszeit. Die »ganz große Herausforderung« sei die Stabilisierung des Haushalts – als Grundlage für wichtige Projekte wie das Eifeltor, das Schwimmbad und das neue Kinder- und Jugendparlament. Und gibt es einen besonderen Traum? »Was für eine Geschichte wäre das, wenn man so eine kleine Stadtbahn hätte, die dann quasi durch die Stadt fährt und die Leute kostenlos von A nach B bringt«, schmunzelte Fingel.

An Fingels Seite stand Jochen Schnabel, Oberstleutnant und Standortältester der Bundeswehr in Mechernich, an der zum »Rednerpult« umfunktionierten Werkbank. Er verdeutlichte, wie sehr die globalen Konflikte auch vor Ort zu spüren sind: »Wir merken das. Die Soldaten fragen mich, wie das weitergeht. Was müssen wir tun? Was ist eigentlich, wenn Krieg ist?«

Der Standort Mechernich spielt als logistische Drehscheibe eine zentrale Rolle für die gesamte Bundeswehr. Materialien werden hier kalibriert, instand gesetzt und gelagert. Schnabel betonte die Bedeutung dieser Arbeit: »Wir sind relevant, wir sind verteidigungswichtig in unseren Fähigkeiten. Das Material kommt hier an und geht direkt raus wieder an die Truppe.« Für die kommenden Jahre ist ein massiver infrastruktureller Aufwuchs geplant – mit neuen Dienstposten und der Erneuerung von Zaunanlagen.

Ein konkretes Sicherheitsproblem beschäftigt den Standort: Drohnenüberflüge. Schnabel warnte davor, die Gefahr zu unterschätzen: »Wer jetzt denkt, dass diese kleinen Drohnen uns nicht schaden können – klein oder groß spielt gar keine Rolle. Das Problem ist, dass sie da sind. Und sie sind fast täglich da.«

Dies hat Auswirkungen auf die Bevölkerung, etwa bei der Nutzung von Wanderwegen rund um die Liegenschaften. Sperren wolle man die Wege nicht, betonte Schnabel – aber man müsse sie dem veränderten Sicherheitsprofil anpassen. Dabei lobte er das Verständnis der Bevölkerung: »Die Mechernicher und die Touristen spielen alle super mit.«

Ehrenamt, Sport und Nachwuchssorgen

In einer zweiten Talkrunde berichteten Vertreter aus Vereinsleben, Musik, Rettungswesen und Sport über das Ehrenamt. Björn Wassong, Ortsbürgermeister von Weyer, beschrieb das außergewöhnliche Gemeinschaftsgefühl seines Ortes. Ein Highlight steht 2026 an: das 100-jährige Jubiläum des SV Concordia Weyer, unter anderem mit einem Benefizspiel gegen die Traditionsmannschaft des 1. FC Köln und einem Open-Air-Konzert mit den »Bläck Fööss«.

Stephan Hüllenkrämer, Dirigent und Vorsitzender des Musikvereins Eicks, berichtete von der Herausforderung, Musiker im Alter von zehn bis 74 Jahren zu motivieren – und von gemeinsamen Reisen, etwa in Mechernichs Partnerstadt Nyons oder zu Folklore-Festivals in Spanien. In diesem Jahr feiert der Verein sein 70-jähriges Bestehen.

Besorgniserregende Zahlen präsentierte Stephan Rau von der DLRG: Rund 50 Prozent der Grundschüler können nicht schwimmen. Der Mitgliederzuwachs seit Corona – auf fast 600 Personen – und 1850 ehrenamtliche Stunden zeigen das Engagement des Vereins. Rau betonte: Der Erhalt der Eifel-Therme sei für eine qualitativ hochwertige Ausbildung unverzichtbar.

Stefan John, Vorsitzender des Stadtsportbundes, setzte einen Schwerpunkt auf den Behindertensport. Geplant sind zudem Termine für das Sportabzeichen sowie ein Fußballcamp für Jugendliche in Kooperation mit dem 1. FC Köln.

Follower, Weltmarke und Content

Die dritte Talkrunde drehte sich um Kreativität und Zukunft. Noel Dederichs, der heute auf TikTok 1,5 Millionen und auf YouTube 1,4 Millionen Abonnenten erreicht, begann seine Karriere mit einer Spielkonsole: »Das Schöne ist, das ist eigentlich eine Spielkonsole, aber der hat eine verbaute Kamera und Internetfunktion und darüber habe ich dann irgendwie so ein bisschen mehr die Liebe zu Film machen entwickelt.« Sein Hobby wurde längst zum Beruf – und zum Familienbetrieb. Mutter Katja Dederichs stieg ein, weil sie als achtfache Mutter genug »Content« habe, wie sie selbst lacht. Noel macht keinen Hehl daraus, was der Beruf verlangt: »Es ist mehr als ein Fulltimejob. Es ist 24/7.«

Leon Doppelgarten berichtete, wie sein Bruder Luis ihr gemeinsames Modelabel »No/Faith Studios« quasi auf dem Schulpausenhof mit bedruckten T-Shirts aus der Taufe hob. Der Durchbruch kam mit einem Pop-up-Store in Köln, vor dem die Kunden stundenlang anstanden. Heute ist das Unternehmen im Zikkurat in Firmenich beheimatet und arbeitet mit Weltmarken wie Puma zusammen.

Trotz Erfolgen in Tokio und Paris bleibt die Eifel das Herzstück der Marke. Leon Doppelgarten erklärt: »Wir sind hier aufgewachsen. Das gibt der ganzen Sache auch so eine DNA. Die Leute finden das einfach spannend.«

Landrat Markus Ramers zeigte sich beeindruckt und bekannte, dass er Social Media nicht nur dazu nutzt, politische Inhalte zu vermitteln, sondern auch die handelnden Menschen vorzustellen. »Karnevals-Content läuft tatsächlich besser, als wenn ich über Finanzen im Kreishaushalt etwas mache«, schmunzelte er. Ramers sieht die Aufgabe der Politik darin, Rahmenbedingungen für Kreativität zu schaffen – etwa durch den Neubau des Berufskollegs mit »offenen Lernlandschaften«. Dass der Kreis Euskirchen inzwischen nach Köln die am stärksten wachsende Region in Nordrhein-Westfalen sei, führt er auf die Menschen vor Ort zurück: »Das ist so eine tolle Mischung aus Bodenständigkeit, aber gleichzeitig auch aus Innovationskraft, weil Menschen einfach anpacken.«

Der Jahresempfang endete mit der Unterzeichnung der Partnerschaftsurkunde zwischen der Stadt Mechernich und der Bundeswehr - und das Tuba-Ensemble spielte gleich zwei »Nationalhymnen«: die offizielle und »Glück auf« – die Hymne der Stadt Mechernich.

Fazit des Bürgermeisters Michael Fingel: »Es geht nur gemeinsam voran, und man sollte halt nicht immer nur auf sich selber schauen.«


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