

Der Lokalhistoriker Andreas Züll hat ihre Schicksale dokumentiert und seinen Gedenkband nun dem Kaller Gemeindearchiv übergeben. Die Übergabe fand im Kloster Steinfeld statt.
»Ich finde es sehr wichtig, dass man den Opfern einen Namen gibt«, sagte Kalls Bürgermeister Emmanuel Kunz, der die Arbeit des Lokalhistorikers ausdrücklich würdigte.
Der Bürgermeister, der selbst Historiker ist, betonte, dass die Verbrechen des Nationalsozialismus auch in der Gemeinde Kall tiefe Risse hinterlassen hätten – in Familien, in Dörfern, in der Region. »Diese Namen kommen nicht aus fernen Großstädten. Sie kommen aus Kall, aus Sötenich, aus Keldenich. Und gerade dieser persönliche Bezug ist wichtig – auch heute, mehr als 80 Jahre nach Kriegsende.«
Der Band ist der zweite seiner Art. Bereits 2020 hatte Züll die Kriegstoten des Ersten Weltkriegs für die Gemeinde Kall dokumentiert. Das neue Gedenkbuch zu den Toten des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs versteht sich auch als Namensbuch: Es erfasst die militärischen und zivilen Kriegstoten der Gemeinde Kall – einschließlich jener Ortschaften, die heute nicht mehr zur Gemeinde gehören – sowie Opfer der NS-Herrschaft: Euthanasietote, Zwangsarbeiter, jüdische Familien und Menschen, die in Konzentrationslagern ums Leben kamen. »Anspruch auf Vollständigkeit kann es nicht erheben«, räumt Züll ein, »aber ich wollte es so komplett wie möglich machen.«
Die Zahlen sprechen für sich: 677 Schicksale sind dokumentiert – 482 Militärtote und 195 Ziviltote. Besonders hart getroffen waren Kall, Wahlen und Steinfeld. Züll ist in Kall aufgewachsen: »Mein Elternhaus steht in einem Bombentrichter. Das sieht man noch heute auf dem Luftbild.« Besonders erschütternd seien die Schicksale der vielen jungen Männer: »Die meisten waren um die 18, 19 Jahre alt.«
Züll musste auch seine eigene Familiengeschichte in dem Band verewigen – das seines Großonkels Adolf aus Kall, einer der wenigen dokumentierten Vermissten. »Bei den Rückzugsgefechten bei Witebsk ist er in den Sümpfen gefallen und man hat ihn nicht begraben können.« Rund eine Million deutsche Soldaten gelten in Osteuropa noch heute als vermisst.
Die Recherche führte Züll ins Kaller Standesamt, in Pfarrarchive – Steinfeld erwies sich als »echter Glücksfall«, weil dort der Pfarrer Totenzettel in die Kirchenbücher eingeklebt hatte – sowie in das Bundesarchiv in Berlin. Für die Einsicht in gesperrte Unterlagen müsse man einen Benutzungsantrag stellen und ein berechtigtes Interesse nachweisen. »Kriminell spannend war da nichts«, sagt Züll über das, was er in den Akten gefunden hat, »aber schrecklich genug.« Eine erste fertige Fassung des Bandes hatte die Flut 2021 vernichtet, noch bevor sie der Öffentlichkeit hätte vorgestellt werden können. Fünf Jahre und viele Überarbeitungen später existieren nun drei Exemplare: eines für den Autor, eines für das Gemeindearchiv und eines für seinen Mitforscher. Wer das Werk einsehen möchte, kann das ab sofort in der Gemeindebibliothek Kall tun. Die Bibliotheksleiterin Michelle Wagner freute sich: »Wir haben viele Besucher, die gezielt nach geschichtlichen Themen fragen. Für uns ist das ein echter Gewinn.«
»Wir haben gesehen, wie schnell solche Unterlagen verloren gehen können«, sagt Züll. Umso wichtiger sei es, dass die Namen der Opfer nun bewahrt sind – im Archiv, in der Bibliothek und im Netz. Namen aus der Gemeinde Kall. Namen, die nicht vergessen werden dürfen.




