Michael Nielen

Geschichten zwischen Wirklichkeit und Fiktion

Bad Münstereifel. Kreative Energie, volle Konzentration und spürbare Begeisterung: In der vierten Lit.Eifel-Schreibwerkstatt am St.-Michael-Gymnasium tauchten Schüler in die Welt des Erzählens ein.
Unter Anleitung von Claudia Hoffmann (mitte) und Ralf Hillen entstanden Texte und Illustrationen.

Unter Anleitung von Claudia Hoffmann (mitte) und Ralf Hillen entstanden Texte und Illustrationen.

Bild: Lit.Eifel

Schon in den ersten Minuten ist klar: Hier braucht niemand ein Warm-up. Zwischen aufgeklappten Notizbüchern, Tablets und Skizzenblättern liegt von Beginn an eine ansteckende Energie in der Luft. Erfahrene Teilnehmer sitzen neben neuen, erste Ideen fliegen durch den Raum. Es wird gelacht, diskutiert, ausprobiert. Figuren entstehen, Beziehungen werden ausgelotet, erste Szenen nehmen Gestalt an – konzentriert und mit spürbarer Lust am Erzählen. Die vierte Lit.Eifel-Schreibwerkstatt am St.-Michael-Gymnasium Bad Münstereifel nimmt Fahrt auf.

Gearbeitet wird in sehr unterschiedlichen Konstellationen: allein, zu zweit, in kleinen Teams. Jede Geschichte folgt ihrer eigenen Logik, ihrem eigenen Ton. Und doch verbindet sie ein gemeinsames Setting, das von Anfang an Spannung erzeugt.

»CTRL Delete« – ein Begriff aus dem Alltag, vertraut und beiläufig. In den Geschichten der Lit.EifelTeilnehmer wird daraus mehr als eine Tastenkombination. Ausgangspunkt sind Situationen, in denen etwas aus dem Ruder läuft: Bilder tauchen auf, deren Ursprung unklar bleibt. Ein Video verbreitet sich schneller als jede Erklärung. Erinnerungen widersprechen sich, scheinbare Gewissheiten geraten ins Wanken.

Die Schüler steigen ohne Zögern in diese fragile Welt ein. Sie erzählen von Gerüchten, von digitalen Spuren, von dem Moment, in dem aus einer Vermutung plötzlich eine Wahrheit wird – zumindest für viele. Dabei geht es nicht um Technik, sondern um Wahrnehmung. Um Vertrauen. Und um die Frage, was Bestand hat, wenn sich etwas nicht einfach löschen lässt.

Texte werden geprüft, Szenen neu gebaut, Perspektiven gewechselt. Vorschläge werden diskutiert, verworfen, weiterentwickelt. »Mir hilft die Schreibwerkstatt sehr, weil ich hier wirklich dranbleiben kann«, erzählt Nika. »Zuhause fehlt mir dafür oft die Motivation.«

Parallel dazu entstehen Bilder. Illustratoren greifen Stimmungen auf, verdichten Atmosphären, setzen Kontraste. Manchmal ist es eine Zeichnung, die einer Geschichte eine neue Richtung gibt, manchmal ein Satz, der ein Bild herausfordert. »Ich finde es schön, dass wir zusammen schreiben konnten – und das mit Leuten, die sich auskennen«, sagt Melina. Schreiben und Illustrieren treten in einen lebendigen Dialog.

Ein Text setzt dabei einen besonderen Twist: Das 400-jährige Schuljubiläum des St.-Michael-Gymnasiums wird zu einem raffinierten erzählerischen Faden – nicht erklärend, nicht historisch, sondern eingebettet in eine fiktive Gegenwart, in der Vergangenheit mitschwingt. In einer anderen Geschichte treibt die KI ihr diabolisches Spiel – nicht als Effekt, sondern als ernstzunehmender Gegenspieler innerhalb der Handlung.

In Bad Münstereifel ist die Lit.Eifel-Schreibwerkstatt seit Jahren fest verankert. »Dass sie bereits zum vierten Mal bei uns stattfindet, ist für unsere Schule ein großer Gewinn«, sagt Anke Krause vom St.-Michael-Gymnasium. »Gerade die Mischung aus unterschiedlichen Jahrgängen und Ausdrucksformen zeigt, wie viel Kreativität hier freigesetzt wird. Es gelingt Claudia Hoffmann und Ralf Hillen jedes Mal aufs Neue, Schüler fürs Schreiben und Illustrieren zu begeistern.« Am Ende liegen neun Geschichten vor, der Band mit rund 260 Seiten ist inzwischen gelayoutet. Unterschiedliche Handschriften, unterschiedliche Zugriffe – und doch eine klare Linie: Dieses Buch erzählt starke, eigenständige Geschichten. Geschichten, die verführen, irritieren, verunsichern. In denen Bilder täuschen dürfen, Hinweise in die Irre führen und Gewissheiten kippen.

Genau darin zeigt sich, was diese Schreibwerkstatt auszeichnet. Das Erzählen bleibt nicht im Text stehen. Wer hier Geschichten entwickelt, lernt zugleich, im echten Leben genauer hinzusehen: Bildern nicht blind zu vertrauen, Erklärungen zu prüfen, Widersprüche auszuhalten. Nicht als Unterricht, sondern als Erfahrung – im Schreiben, im Zeichnen, im gemeinsamen Weiterdenken.

Oder, wie Werkstattleiterin Claudia Hoffmann es formuliert: »Künstliche Intelligenz kann vieles – aber nicht ersetzen, warum wir erzählen. Und schon gar nicht, wie Geschichten Menschen berühren.«


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