Frederik Scholl

Wie Maschinen die Schafe veränderten

Kuchenheim. Die neue Sonderausstellung »Von der Wolle – eine Geschichte von Tieren, Maschinen und Menschen von 1800 bis heute« in der Tuchfabrik Müller zeigt, wie eng Tiere, Maschinen, Menschen und globale Märkte miteinander verbunden waren und sind.

Kuratorin Dr. Christiane Lamberty freut sich auf viele Besucher in der neuen Sonderausstellung »Von der Wolle – eine Geschichte von Tieren, Maschinen und Menschen von 1800 bis heute«.

Kuratorin Dr. Christiane Lamberty freut sich auf viele Besucher in der neuen Sonderausstellung »Von der Wolle – eine Geschichte von Tieren, Maschinen und Menschen von 1800 bis heute«.

Bild: Scholl

Vom Schaf bis zum fertigen Tuch: Diesen Weg zeigt die Tuchfabrik Müller des LVR-Industriemuseums ohnehin seit vielen Jahren. Mit der neuen Sonderausstellung »Von der Wolle – eine Geschichte von Tieren, Maschinen und Menschen von 1800 bis heute« richtet das Museum aktuell den Blick noch weiter zurück – und zugleich in die Gegenwart.

Auf rund 550 Quadratmetern widmet sich die Ausstellung der wechselvollen Geschichte des Rohstoffs Wolle. Rund 200 Exponate, überwiegend aus der museumseigenen Sammlung, erzählen von feinen Schafrassen, frühen Textilmaschinen, Mode, Mangelwirtschaft, Ersatzstoffen, globalen Lieferketten und neuen Ideen für nachhaltige Nutzung.

Recherche brachte viel Neues ans Licht

»Wenn man hier in der Fabrik ist, sieht man den Weg von der Wolle bis zum fertigen Tuch. Bei den Recherchen haben wir aber gemerkt, dass da noch sehr viel mehr zu entdecken ist«, sagt Dr. Christiane Lamberty, Kuratorin der Ausstellung. Besonders überrascht seien viele Besucher darüber, dass die Wolle früher keineswegs selbstverständlich aus der Region kam. »Die Leute denken bei alten Maschinen oft: Früher hat man bestimmt regional gearbeitet. Das ist aber nicht so«, erklärt Lamberty. Schon vor 100 Jahren sei Wolle in großen Mengen aus Übersee gekommen.

Bereits um 1800 stieg europaweit die Nachfrage nach besonders feiner Wolle. Neue Textilmaschinen stellten präzise Anforderungen an Faserlänge und Kräuselung. Schafrassen wurden gezielt gezüchtet, um den Bedürfnissen der Industrie zu entsprechen. Gleichzeitig zeigt die Ausstellung, wie sehr Mode und Markt die Entwicklung bestimmten. So war der Kaschmirschal um 1800 ein begehrtes Luxusgut. Weil echte Kaschmirwolle extrem teuer war, wurde nach Alternativen gesucht. Feine Schafwolle konnte die teure Ziegenwolle imitieren – und brachte etwa in Sachsen hohe Gewinne.

Ein zentrales Exponat ist ein Vorspinnkrempel eines Aachener Tuchfabrikanten aus dem Jahr 1860. Die Maschine steht für die komplexen Verarbeitungsschritte, die nötig waren, bevor aus Wolle ein Garn entstehen konnte. »Mit der Industrialisierung stellte sich heraus, dass die sehr feine Wolle eigentlich viel zu fein war, um maschinell verarbeitet zu werden«, sagt Lamberty. Die Folge: Schafe wurden erneut an die Anforderungen der Maschinen angepasst.

Im 20. Jahrhundert geriet Wolle zunehmend unter Druck. Kunstfasern, Zellwolle und Reißwolle veränderten den Markt. Ab 1933 verschärften Rohstoffknappheit und die Autarkiepläne der Nationalsozialisten die Situation. Reine Wolle wurde immer seltener in ziviler Kleidung eingesetzt. Lamberty verweist auf Uniformstoffe: »1934 ist eine Uniform noch zu 100 Prozent aus Wolle. 1939, vor Kriegsbeginn, sind es nur noch 70 Prozent.« Der Rest bestand bereits aus Ersatzmaterialien. Das habe Folgen gehabt: »Wenn so ein Mantel nass wurde, hing er wie ein nasser Sack.«

Nach dem Krieg hatten viele Menschen entsprechend schlechte Erfahrungen mit Wolle gemacht. Kratzige Kleidung, Verfilzung und Mottenbefall prägten das Image. Synthetische Fasern galten dagegen als modern und pflegeleicht. Erst mit der Umweltbewegung der 1970er Jahre begann sich der Blick auf Wolle langsam wieder zu verändern.

Naturmaterial wieder neu entdeckt

Heute wird das Naturmaterial neu entdeckt. Tragekomfort, Langlebigkeit und biologische Abbaubarkeit sprechen für Wolle. Gleichzeitig stellen sich Fragen nach Tierwohl, Haltungsmethoden und CO2-Bilanz. Der globale Wollmarkt wird von großen Produzenten in Australien und Neuseeland geprägt. Regionale Initiativen suchen dagegen nach neuen Wegen, Schafhaltung und Wollnutzung nachhaltiger zu verbinden.

Auch das greift die Ausstellung auf. Sie zeigt, dass Wolle längst nicht nur in Kleidung steckt. Tennisbälle, Klaviertasten, technische Filze, Feuerwehruniformen, Reisebekleidung und sogar Mikroskopaufnahmen machen deutlich, wie vielseitig das Material ist. Ein Reisekleid von 1880 zeigt, dass Wolle durch richtige Bearbeitung Wetterschutz bieten konnte. Historische Schafmodelle verweisen auf die Vielfalt teils ausgestorbener Rassen.

An einer Fühlstation lässt sich erleben, dass Wolle nicht gleich Wolle ist. »Es gibt nicht nur Schafwolle. Man kann einfach testen: Fühlt sich das eher borstig an oder weich?«, erklärt Lamberty. Infos:

www.industriemuseum.lvr.de