Mario Zender

Dieser 81-Jährige hat heute den Mord an Amy Lopez gestanden

Koblenz. Rentner Hans Joachim Sch. hat nach eigenen Angaben die amerikanische Touristin vor 31 Jahren an der Festung Ehrenbreitstein in Koblenz ermordet.
Von Mario Zender

Koblenz. Es ist ein Fall, der Koblenz seit mehr als drei Jahrzehnten beschäftigt. Jetzt sitzt ein 81-Jähriger im großen Saal 128 des Koblenzer Landgerichts – angeklagt wegen des Mordes an der jungen US-Amerikanerin Amy Lopez. Zum Prozessauftakt ließ Hans Joachim Sch. über seinen Verteidiger, Rechtsanwalt Volker Klein, erklären, dass er die Tat umfassend einräume. Er wolle »reinen Tisch machen«. Selbst äußerte sich der Angeklagte vor Gericht weder zur Tat noch zu seiner Person.
Das Interesse an diesem Prozess ist gewaltig. Bereits rund eine Stunde vor Öffnung des Gerichtssaals warteten etwa 100 Menschen vor dem Landgericht. Nicht alle bekamen einen der begehrten Zuschauerplätze. Kamerateams, Fotografen und zahlreiche Journalisten begleiteten den Auftakt eines Verfahrens, das einen mehr als 30 Jahre alten Mordfall endgültig aufklären soll.
Als der heute 81-jährige Angeklagte in den Gerichtssaal gebracht wurde, war von dem Mann, der sich Anfang der 1990er-Jahre brutal an Frauen verging, äußerlich kaum noch etwas zu erkennen. Gebückt und auf einen Rollator gestützt bewegte sich Hans Joachim Sch. durch den Saal. Er trug eine rote Jogginghose und ein graues T-Shirt aus der Justizvollzugsanstalt. An seiner rechten Hand: noch immer sein Ehering. Seine Frau war vor mehr als zwei Jahren gestorben. Danach lebte Sch. unauffällig in einer Seniorenresidenz in Vallendar.
Doch hinter dem Bild eines gebrechlichen alten Mannes steht eine Vergangenheit, die es in sich hat. Der Angeklagte ist insgesamt achtmal vorbestraft. Darunter befinden sich auch schwere Sexualdelikte wie Vergewaltigung und eine Entführung im Zusammenhang mit einer Vergewaltigung. Viele Jahre seines Lebens verbrachte er bereits hinter Gittern.
Eine Ausbildung zum Kellner hatte Sch. begonnen, war jedoch durch die Prüfung gefallen. Trotzdem arbeitete er später weiter als Kellner. Zur Zeit des Mordes an Amy Lopez absolvierte er eine Umschulung zum Tischler in Kruft. Normalerweise fuhr er dafür täglich mit dem Fahrrad von Koblenz nach Kruft.
Bereits in den Tagen vor der Tat habe der damals 49-Jährige Vergewaltigungsfantasien gehabt, räumte er bei der Untersuchung durch den Sachverständigen Dr. Gerhard Buchholz ein. Am Tag der Tat sei er mit dem Fahrrad in Koblenz unterwegs gewesen, um ein geeignetes Opfer zu suchen. Von zu Hause nahm er ein Klappmesser mit. Außerdem hatte er Metallhandschellen dabei, die er sich in Koblenz gekauft hatte.
Dann sah er Amy Lopez. Die junge Amerikanerin war mit Gepäck unterwegs. Für Sch. sei damit klar gewesen, dass es sich um eine Touristin handeln musste. Er beobachtete, wohin sie ging. Als Amy sich auf den Weg in Richtung Festung Ehrenbreitstein und der dortigen Jugendherberge machte, fuhr Sch. mit seinem Fahrrad voraus und wartete auf sie.
Zunächst sprach er sie auf Deutsch an, dann auf Englisch. Er fragte, wohin sie wolle. Amy erklärte ihm, dass sie zur Jugendherberge auf der Festung Ehrenbreitstein unterwegs sei. Sch. behauptete daraufhin, sie sei auf dem falschen Weg – obwohl die junge Frau bereits ein Stück in Richtung Festung hinaufgegangen war.
Sie vertraute dem vermeintlich hilfsbereiten Mann.
Gemeinsam gingen sie wieder hinunter. In der Nähe des sogenannten General-Aster-Zimmers soll Sch. die junge Amerikanerin schließlich in einen abgelegenen Bereich geführt haben. Dort zog er nach seinen Angaben das Messer, bedrohte Amy und legte ihr die mitgebrachten Handschellen an. Ihre Hände waren auf dem Rücken gefesselt.
Was danach geschah, schilderte der Angeklagte dem forensischen Sachverständigen in erschreckender Offenheit. Er zog Amy die Kleidung aus und wollte sich an ihr vergehen. Nach den Erkenntnissen des Verfahrens missbrauchte er sein Opfer sexuell – sowohl vor als auch nach ihrem Tod.
Amy Lopez muss in ihren letzten Minuten enorme Qualen erlitten haben. Nach den späteren Feststellungen der Rechtsmedizin wurde neunmal mit einem Messer auf sie eingestochen. Zudem soll Sch. ihr dreimal mit einem Stein gegen den Kopf geschlagen und sie mit einem Gürtel oder einem Seil gedrosselt haben.
Danach versuchte er, Spuren verschwinden zu lassen.
Nach seiner Schilderung gegenüber dem Sachverständigen nahm er unter anderem die Unterhose des Opfers, ihre Handtasche und einen Gürtel an sich, den er zuvor mit dem Messer durchtrennt hatte. Mit dem Fahrrad fuhr er anschließend zum Rheinufer im Bereich der KD-Anlegestelle. Dort warf er die Gegenstände in den Rhein.
Als er später weiterfuhr, bemerkte er nach eigenen Angaben bereits zahlreiche Polizeifahrzeuge im Bereich der Festung. Er bekam Angst, entdeckt zu werden. Statt nach Hause zu fahren, machte er sich auf den Weg in die Koblenzer Goldgrube. Dort traf er zwei Bekannte, die er während einer früheren Unterbringung in Andernach kennengelernt hatte. Rund drei Stunden blieb er dort. Erst danach fuhr er nach Hause.
Dort führte er nach außen offenbar ein völlig anderes Leben. Er war verheiratet und beschrieb gegenüber dem Sachverständigen seine Ehe als geregelt. Auch das Sexualleben mit seiner Frau sei nach seinen Angaben gut gewesen.
Mehr als drei Jahrzehnte später will der heute 81-Jährige nun mit seiner Vergangenheit abschließen. Sein Verteidiger verlas am ersten Prozesstag eine Erklärung: Der Angeklagte räume den Mord umfassend ein und wolle »reinen Tisch machen«. Weitere Angaben vor Gericht – auch zu seinem persönlichen Lebensweg – werde er jedoch nicht machen.
Gegenüber dem forensischen Sachverständigen sprach Sch. auch über seinen Glauben. In der Justizvollzugsanstalt habe er gebeichtet. Er würde zudem gerne Gottesdienste besuchen. An Ostern habe er zur Messe gehen wollen. Der Weg von seinem Trakt zur Kirche innerhalb der JVA sei für ihn körperlich jedoch zu weit gewesen. Das habe er sehr bedauert.
Die Familie von Amy Lopez verfolgt das Verfahren aus den USA. Ihr Vater und ihr Bruder werden in Koblenz anwaltlich als Nebenkläger vertreten. Nach Angaben ihres Rechtsbeistandes erwägen beide, zum Abschluss des Verfahrens nach Deutschland zu kommen.
Für die Familie wäre es das Ende eines jahrzehntelangen Wartens auf eine Antwort auf die Frage, wer Amy Lopez das Leben nahm. Für Hans Joachim Sch. ist es die späte Konfrontation mit einer Tat, die mehr als drei Jahrzehnte zurückliegt – und die ihn nun als gebrechlichen 81-Jährigen noch einmal vor Gericht gebracht hat.
Auf die Spur des heute 81-Jährigen kamen die Ermittler durch eine Speichelprobe, die im Rahmen der Ermittlungen von zahlreichen Personen genommen worden war.
Mithilfe moderner Analysemethoden im Bereich der DNA-Spuren, die zum Tatzeitpunkt noch nicht zur Verfügung standen, konnten am Hosenbund und am Oberschenkel des Opfers zwei DNA-Spuren gesichert werden. Diese stimmen mit der DNA des Angeklagten in so vielen Merkmalen überein, dass die Staatsanwaltschaft davon ausgeht, dass sie »mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit« von ihm stammen.
Warum der Mann freiwillig eine DNA-Probe abgegeben hatte? »Weil er endlich Klarheit haben wollte«, sagte sein Anwalt. Die Tat habe ihn »extrem belastet«, weshalb er sich der Verantwortung habe stellen wollen.
»Es wird eine Verurteilung wegen Mordes«, legte sich Verteidiger Klein nach dem ersten Verhandlungstag fest. Wie diese konkret aussehen werde, bleibe abzuwarten. Sollte eine besondere Schwere der Schuld festgestellt werden, »dann bleibt er eben im Gefängnis und wird da vermutlich auch sterben«, so der Rechtsanwalt des 81-Jährigen.
Die Familie des Opfers war durch ihre Anwälte zum Prozessauftakt vertreten. Demnach erhofft sich die Familie eine lückenlose Aufklärung und eine lebenslange Freiheitsstrafe. Das Urteil soll im September fallen.