Mario Zender

„Im ersten Moment war ich ungläubig“

Dem Leitenden Oberstaatsanwalt Mario Mannweiler ist nach eigenen Angaben ein Stein vom Herzen gefallen, als er über den DNA-Treffer im Mordfall Amy Lopez unterrichtet wurde.

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Koblenz.Der Mord an Amy Lopez scheint aufgeklärt – es ist ein Verbrechen, das selbst hartgesottene Ermittler nicht unberührt lässt. Und es hätte vermutlich bereits früher aufgeklärt werden können.
Von Mario Zender
Als ihn am Schwerdonnerstag die Nachricht erreichte, musste Mario Mannweiler zweimal lesen. Eine DNA-Übereinstimmung. Nach 32 Jahren. Im Mordfall Amy Lopez. „Im ersten Moment war ich ungläubig, das muss ich ehrlicherweise zugeben“, sagt der heutige Leitende Oberstaatsanwalt der Staatsanwaltschaft Koblenz. „Weil ich genau wusste, um welchen Fall es geht und welche Bedeutung er hat.“ Der Fall Amy Lopez. Ein Name, der die Menschen an Rhein und Mosel bis heute bewegt. Am 26. September 1994 wird die 24-jährige US-Studentin Amy Lopez unterhalb der Festung Ehrenbreitstein ermordet aufgefunden. Die junge Frau war auf Europareise – ein Geschenk ihres Vaters zum bestandenen Medizinstudium. Am Morgen wollte sie die Festung besichtigen. Zwischen 9 und 10 Uhr muss sie im sogenannten General-von-Aster-Zimmer auf ihren späteren Mörder getroffen sein.

Täter nahm Slip des Opfers mit

Was die Gerichtsmediziner feststellen, ist kaum in Worte zu fassen: Amy Lopez wird stranguliert. Ihr Schädel wird mit einem Stein zertrümmert. Mehrere Messerstiche fügen ihr tödliche Verletzungen zu. Sie wird sexuell missbraucht. Der Täter nimmt ihren Slip als Trophäe mit – offenbar, um jede mögliche Spur einer Zeugung auszuschließen. Zur Tatzeit sitzt Mario Mannweiler noch im Hörsaal. Er ist Jurastudent. Doch auch er verfolgt das Verbrechen in den Medien.„Der Fall hat die ganze Region bewegt. Es wurde überall darüber gesprochen.“ Niemand ahnt damals, dass sich sein beruflicher Weg Jahre später immer wieder mit diesem Verbrechen kreuzen wird. Fünf Jahre nach dem schrecklichen Mord vertritt der junge Staatsanwalt Mannweiler im Jahr 1999 die Anklage in einem Sexualstrafverfahren vor dem Landgericht Koblenz. Angeklagt ist ein damals 54-jähriger Mann. Tatvorwurf: versuchte Vergewaltigung einer 16-Jährigen in Koblenz. Der Täter war einschlägig vorbestraft, unter anderem 1968 und 1974 wegen Sexualdelikten. Der Mann wird zu sieben Jahren Haft verurteilt. Was weder Mannweiler noch die Kripo damals wissen: Der Verurteilte soll mutmaßlich fünf Jahre zuvor bereits zugeschlagen und die US-Amerikanerin ermordet haben. Ein Zusammenhang zum Mord an Amy Lopez lässt sich damals jedoch nicht herstellen. Es fehlt die entscheidende Spur. „Ich kann mich an die konkrete Verhandlung heute nicht mehr erinnern“, sagt Mannweiler offen. Erst durch einen alten Zeitungsartikel sei ihm bewusst geworden, dass es sich um denselben Mann handelt.

DNA-Spuren an Kleidung der Leiche gesichert

Schon 1994 sichern Ermittler eine minimale DNA-Spur an der Innenseite der Jeans von Amy Lopez – ein winziger Hautschuppenrest. Damals technisch nicht auswertbar. 1999 wird der nun Festgenommene nach seiner Verurteilung in die DNA-Analyse-Datei beim Bundeskriminalamt in Wiesbaden aufgenommen. Dort sind aktuell über eine Million Personen-DNA-Profile gespeichert. Doch eine Übereinstimmung gibt es nicht – weil es aus dem Mordfall noch kein verwertbares Profil gibt. Später wird sein Datensatz nach den gesetzlichen Löschfristen entfernt. „Das war rechtlich zwingend“, heißt es aus Ermittlerkreisen. „Daten dürfen nur gespeichert bleiben, solange sie erforderlich sind.“ Der Fall bleibt ungelöst. Jahr für Jahr. Jahrzehnt für Jahrzehnt.
Bei der Staatsanwaltschaft, sagt Mannweiler, habe es „an allen genagt“, dass dieses Verbrechen möglicherweise nie aufgeklärt werden könnte. Wie sehr es die Ermittler beschäftigte, zeigt auch die Tatsache, dass sich bei der heutigen Pressekonferenz einige ehemalige Ermittler unter die Journalisten gemischt hatten. Sie waren vor ihrer Pensionierung mit dem Fall betraut. Der Fall hatte auch sie nicht losgelassen, und deshalb waren sie noch einmal an ihre alte Wirkungsstätte im Polizeipräsidium gekommen, um den Ausführungen der jüngeren Kollegen zu lauschen, das der „Festungsmord“, wie er genannt wurde, offenbar gelöst ist.

Moderne Analysemethoden bringen die Wende

Die Wende kommt mit moderner Forensik. Experten des Hessischen Landeskriminalamts nehmen sich erneut der Asservate an. Kleidung, Spurensicherungsfolien – alles wird noch einmal untersucht. Rund 1.600 Proben werden präpariert. Und plötzlich: Aus einem minimalen, nicht sichtbaren Substanzrest lässt sich ein verwertbares DNA-Profil extrahieren. An der Innenseite der Hose von Amy Lopez wird DNA-Material gesichert. „Die kriminaltechnischen Möglichkeiten haben sich enorm weiterentwickelt“, erklärt Ermittlerin Simone Röder. „Was 1994 unmöglich war, ist heute machbar.“ Doch der erste Abgleich bringt Enttäuschung. Kein Treffer in der DNA-Datenbank. Die Cold-Case-Ermittler lassen nicht locker. Simone Röder übernimmt die Abteilung „Cold Case“ bei der Kripo Koblenz. Sie beißt sich mit ihrem Team an dem Fall fest, überprüft zahlreiche Aussagen und Spuren und dreht die alten Akten noch einmal auf links. In der Fernsehsendung „Aktenzeichen XY“ sucht sie im September vergangenen Jahres gemeinsam mit Moderator Rudi Cerne vor einem Millionenpublikum nach Zeugen. Auch über 200 alte Spurenakten werden erneut geprüft. Darunter der Mann, den Mannweiler 1999 angeklagt hatte. Er lebt inzwischen als Rentner in der Region, ist 81 Jahre alt. Die Ermittler sprechen ihn an. Er gibt freiwillig eine DNA-Probe ab. Ein Glücksfall. Denn bei der dünnen Indizienlage wäre eine richterliche Anordnung möglicherweise nicht ergangen. Dann kommt der Anruf, der alles verändert. Eine eindeutige Übereinstimmung – sowohl an der Innenseite der Jeans als auch an einer weiteren Spur am Oberschenkel des Opfers.

"Mir ist ein Stein vor Herzen gefallen"
 
„Mir ist ein Stein vom Herzen gefallen“, sagt Mannweiler. „Ich wusste zwar noch nicht, wie sich die Beweislage weiter verdichten würde. Aber es war endlich Bewegung in diesem Fall.“  Am Montag nehmen Ermittler den 81-Jährigen in einem Seniorenheim nahe Koblenz fest. Er wird der Haftrichterin vorgeführt und sitzt nun in Untersuchungshaft. Der Vorwurf: heimtückischer Mord zur Befriedigung des Geschlechtstriebs. Der Beschuldigte schweigt. „Auch für ihn gilt selbstverständlich die Unschuldsvermutung“, betont Mannweiler. „Der Tatnachweis ist noch nicht abschließend geführt.“ Die Ermittler rekonstruieren nun akribisch die Tatabläufe. Aufgrund des hohen Alters des Beschuldigten laufen die Arbeiten mit Hochdruck. Ziel ist eine zügige Anklage vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts Koblenz. Sollte sich der Vorwurf bestätigen, droht lebenslange Haft. Kurz nach der Tat hatte Amy Lopez’ Vater Koblenz besucht und in einem Gespräch mit dem damaligen Oberbürgermeister darum gebeten, niemals aufzugeben. Nun, 32 Jahre später, konnten die Ermittler ihm die Festnahme in einer Videokonferenz mitteilen. „Ich bin froh, dass er diese Nachricht noch erleben durfte“, sagt Chef-Staatsanwalt Mannweiler. 
Für die Kripo-Ermittler um Simone Röder und Chef-Staatsanwalt Mannweiler ist die Festnahme ein großer Erfolg. Ein fader Beigeschmack bleibt allerdings. Dafür können die Ermittler nichts – sondern der Gesetzgeber. Möglicherweise hätte der Fall nämlich bereits deutlich früher aufgeklärt werden können, wenn das damals erhobene DNA-Profil des Mannes weiterhin in der zentralen DNA-Analyse-Datei gespeichert gewesen wäre. Durch die gesetzlich vorgeschriebene Löschung der Daten fehlte beim späteren Abgleich zunächst genau jene Spur, die nun – Jahrzehnte später – zum entscheidenden Durchbruch führte. 

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