

Ein schwerer Reaktorunfall im französischen Atomkraftwerk Cattenom, radioaktive Stoffe breiten sich über die Grenzen hinweg aus und zahlreiche Menschen suchen Schutz und Hilfe: Was wie das Szenario eines Katastrophenfilms klingt, wurde am Samstag in Konz zur Grundlage einer groß angelegten Katastrophenschutzübung. Rund 140 Einsatzkräfte und etwa 100 freiwillige Statisten probten den Betrieb einer Notfallstation. Dabei ging es nicht nur um Messgeräte und Dekontamination, sondern vor allem um die Frage, wie gut die Region auf einen möglichen nuklearen Ernstfall vorbereitet ist.
Deutschland hat seine letzten Atomkraftwerke abgeschaltet. Für die Menschen in der Großregion Trier bedeutet das allerdings nicht, dass ein schwerer Reaktorunfall keine Gefahr mehr darstellen könnte. Das französische Kernkraftwerk Cattenom liegt in unmittelbarer Nachbarschaft zu Luxemburg, dem Saarland und Rheinland-Pfalz. Sollte es dort zu einem schweren Unfall mit Freisetzung radioaktiver Stoffe kommen, könnten je nach Wetterlage und Windrichtung große Teile der Grenzregion betroffen sein.
Besonders im Fokus steht dabei der Landkreis Trier-Saarburg mit seinen rund 160.000 Einwohnern. Aber auch die Stadt Trier, weitere Landkreise in Rheinland-Pfalz, das Saarland und Luxemburg müssten sich auf mögliche Auswirkungen einstellen.
Wie würde die Bevölkerung informiert? Wo könnten Menschen überprüfen lassen, ob sie mit radioaktiven Stoffen in Berührung gekommen sind? Und wie ließe sich eine größere Anzahl Betroffener innerhalb kurzer Zeit untersuchen und versorgen?
Mit diesen Fragen beschäftigten sich die Verantwortlichen bei einer umfangreichen Übung auf dem Gelände des Schulzentrums am Sportplatz in Konz. Dort entstand für einen Tag eine komplette Notfallstation, wie sie im Fall eines schweren Zwischenfalls im Kernkraftwerk Cattenom eingerichtet werden könnte.
Das angenommene Szenario: Nach einem Reaktorunfall sind radioaktive Stoffe freigesetzt worden, eine radioaktive Wolke zieht in Richtung der Region Trier und Menschen verlassen das möglicherweise gefährdete Gebiet.
Bereits im Vorfeld waren freiwillige Statisten gesucht worden. Rund 100 Menschen meldeten sich, um bei der Übung die Rolle der betroffenen Bevölkerung zu übernehmen. Sie erreichten das Gelände mit ihren Autos oder zu Fuß und wurden dort von den Einsatzkräften empfangen.
Was auf den ersten Blick nach einer gewöhnlichen Registrierung aussah, war Teil eines genau festgelegten Ablaufs. Insgesamt elf Stationen mussten die Betroffenen durchlaufen beziehungsweise je nach Untersuchungsergebnis ansteuern. Hinzu kamen ein Informationszentrum, eine Abschnittsleitung, Bereiche für Erste Hilfe, psychosoziale Notfallversorgung und Verpflegung sowie verschiedene Einrichtungen für die eingesetzten Helfer.
An Station eins begann die Verkehrslenkung. Hier wurden die ankommenden Personen informiert und den vorgesehenen Bereichen zugewiesen. Ziel war es, auch bei größerem Andrang geordnete Abläufe sicherzustellen und unnötige Wartezeiten oder gegenseitige Behinderungen zu vermeiden.
An Station zwei folgte die erste wichtige Untersuchung. Mit speziellen Kontaminationsnachweisgeräten kontrollierten die Einsatzkräfte, ob sich radioaktive Stoffe auf der Kleidung oder der Haut befanden. Die Ergebnisse wurden auf Erhebungsbögen festgehalten, die den weiteren Weg durch die Notfallstation bestimmten. Zusätzlich erhielten die Menschen Plastikbeutel zur Aufbewahrung ihrer Wertsachen.
Wer bei der Kontrolle als möglicherweise kontaminiert eingestuft wurde, musste anschließend den Dekontaminationsbereich aufsuchen. Dieser erstreckte sich über die Stationen drei bis sieben. Dort ging es darum, vorhandene radioaktive Verunreinigungen zu entfernen. Dazu gehörten unter anderem das Ablegen möglicherweise belasteter Kleidung und das gründliche Duschen. Anschließend kontrollierten die Einsatzkräfte erneut mit Messgeräten, ob die Dekontamination erfolgreich gewesen war oder weitere Maßnahmen erforderlich waren.
Mit dem Entfernen äußerer Verunreinigungen war die Untersuchung jedoch noch nicht abgeschlossen. An den Stationen acht und neun stand die mögliche Strahlenbelastung im Mittelpunkt. Dabei wurde abgeschätzt, welcher äußeren Strahlung eine Person ausgesetzt gewesen sein könnte und ob möglicherweise radioaktive Stoffe in den Körper gelangt waren. Auch eine strahlenmedizinische Begutachtung gehörte zu diesem Abschnitt.
Für diese sogenannte Dosisrekonstruktion waren die Einsatzkräfte im Vorfeld in ein entsprechendes Computerprogramm des Bundesamtes für Strahlenschutz eingewiesen worden. Die Ergebnisse sollen helfen, mögliche gesundheitliche Risiken einzuschätzen und über weitere medizinische Maßnahmen zu entscheiden. Personen, bei denen eine weitergehende Behandlung notwendig wäre, könnten von der Notfallstation aus an geeignete Krankenhäuser weitergeleitet werden.
Die Stationen zehn und elf bildeten schließlich den Bereich für die weitere Betreuung und den Ausgang. Darüber hinaus sah das Konzept zusätzliche Hilfsangebote vor. Menschen, die durch ein solches Ereignis psychisch belastet wären, könnten Unterstützung durch speziell ausgebildete Kräfte erhalten. Wer nach dem Verlassen des gefährdeten Gebietes keine Unterkunft hätte, könnte ebenfalls Hilfe und eine Vermittlung erhalten.
Im Informationszentrum würden die Besucher über die aktuelle Lage, mögliche Gefahren und die Angebote der Notfallstation informiert. Auch die Pressearbeit sowie eine freiwillige Registrierung und ein Suchdienst für bestimmte Personengruppen gehören zu den vorgesehenen Aufgaben.
Wichtig ist dabei: Die Notfallstation stellt grundsätzlich ein freiwilliges Angebot an die Bevölkerung dar. Im tatsächlichen Ereignisfall würde eine Beschilderung im Landkreis den Weg zum vorgesehenen Standort am Schulzentrum Konz weisen.
Wie aufwendig der Weg durch eine solche Einrichtung sein kann, erlebte Sabrina Weber aus Thomm. Sie gehörte zu den freiwilligen Statisten und wurde bei der ersten Untersuchung als kontaminiert eingestuft. Damit musste sie den vollständigen vorgesehenen Dekontaminationsablauf durchlaufen.
Einsatzkräfte kontrollierten sie mit speziellen Messgeräten, erklärten die nächsten Schritte und leiteten sie durch die unterschiedlichen Bereiche. Schließlich musste sie ihre Kleidung ablegen und duschen. Danach folgte eine weitere Messung, mit der festgestellt werden sollte, ob die angenommene radioaktive Verunreinigung beseitigt worden war.
Für Sabrina Weber war das eine interessante Erfahrung. Sie wollte vor allem herausfinden, was im Fall eines tatsächlichen Reaktorunfalls auf sie zukommen würde. Wo müsste sie sich melden? Wie würden die Untersuchungen ablaufen? Was müsste sie selbst tun und welche Unterstützung könnte sie erwarten? Diese Fragen waren für sie ausschlaggebend, sich freiwillig an der Übung zu beteiligen. Eine grundsätzliche Angst vor einem möglichen Reaktorunfall habe sie im Alltag allerdings nicht.
Ähnliche Beweggründe hatte Frau Ketten aus Saarburg, die ebenfalls als Statistin teilnahm. Sie wollte wissen, wie die Notfallstation organisiert ist und welche Schritte betroffene Menschen im Ernstfall erwarten würden.
Besonders positiv empfand sie den Umgang der Einsatzkräfte mit den Teilnehmern. An den einzelnen Stationen sei ihr erklärt worden, welche Maßnahmen durchgeführt würden. Sie habe sich jederzeit gut informiert und versorgt gefühlt.
Ganz ohne Sorgen betrachtet sie das Thema Atomkraft allerdings nicht. Die Katastrophen von Tschernobyl und Fukushima hätten schließlich gezeigt, welche Folgen schwere Reaktorunfälle haben können. Eine gewisse Besorgnis sei deshalb durchaus vorhanden, eine ständige Angst jedoch nicht. Auch für sie steht die Hoffnung im Vordergrund, dass es niemals zu einer vergleichbaren Katastrophe im französischen Kernkraftwerk Cattenom kommen wird.
Für die beteiligten Organisationen war die Großübung eine besondere Herausforderung. Rund 140 Einsatzkräfte waren an den verschiedenen Stationen und in den unterschiedlichen Aufgabenbereichen tätig. Beteiligt waren neben Feuerwehr und Katastrophenschutz auch Hilfsorganisationen, das Technische Hilfswerk, medizinisches Fachpersonal, Notfallseelsorger und Vertreter des Landesamtes für Brand- und Katastrophenschutz.
Die Verantwortung für den Betrieb einer solchen Notfallstation liegt im Ernstfall beim Landesamt für Brand- und Katastrophenschutz. Von dort würde auch die Alarmierung erfolgen und die Kreisverwaltung mit dem Aufbau der Einrichtung beauftragt.
Die praktische Umsetzung erfordert jedoch das Zusammenwirken zahlreicher Organisationen. Jede Einheit muss ihre Aufgaben kennen, gleichzeitig müssen die Übergänge zwischen den verschiedenen Stationen funktionieren. Entsprechend umfangreich war die Vorbereitung.
Bereits im Vorfeld fanden mehrere Planungstreffen zwischen der Kreisverwaltung Trier-Saarburg, dem Landesamt und den Führungskräften der beteiligten Katastrophenschutzeinheiten statt. An unterschiedlichen Standorten im Landkreis wurden Informationsveranstaltungen und Schulungen durchgeführt.
Eine wichtige Aufgabe übernahm dabei Florian Weier, stellvertretender Leiter des Gefahrstoffzuges, Fachbereichsleiter Dekontamination und stellvertretender Leiter des CBRN-Bereichs im Landkreis Trier-Saarburg. Er schulte unter anderem die Einsatzkräfte und die Verantwortlichen der einzelnen Stationen.
Besonderes Augenmerk lag auf dem Umgang mit der Strahlenschutzmesstechnik. Denn im Ernstfall müssen mögliche Kontaminationen zuverlässig erkannt, Messergebnisse richtig eingeordnet und die daraus folgenden Maßnahmen koordiniert werden.
Die Übung diente somit nicht allein dazu, den Aufbau der Notfallstation zu überprüfen. Ebenso wichtig war die Frage, ob die vorgesehenen Abläufe unter realistischen Bedingungen funktionieren und an welchen Stellen noch Verbesserungen notwendig sind.
Bei der abschließenden Pressekonferenz machten die Verantwortlichen deutlich, welchen Stellenwert die Übung für den Katastrophenschutz besitzt. Landrat Stefan Metzdorf unterstrich, dass eine gute Vorbereitung entscheidend sei, auch wenn niemand hoffe, jemals mit einem tatsächlichen Reaktorunfall konfrontiert zu werden.
„Ich hoffe, dass es niemals so weit kommt“, sagte Metzdorf. Dennoch sei es ausgesprochen wichtig, die Abläufe regelmäßig zu üben und dabei mögliche Schwachstellen zu erkennen.
Für ihn sei die Veranstaltung ein Beispiel gelebter Verantwortung. Es gehe nicht darum, die Bevölkerung zu verunsichern oder Panik auszulösen. Vielmehr müsse man den Menschen zeigen, dass für außergewöhnliche Gefahrenlagen entsprechende Vorbereitungen getroffen werden. „Unsere Aufgabe ist es, die Menschen zu schützen“, betonte der Landrat.
Die Übung sei deshalb ein wichtiger Baustein für die Bevölkerung und zugleich eine Gelegenheit, bestehende Konzepte kritisch zu überprüfen. Was funktioniere bereits gut? Welche Abläufe könnten verbessert werden? Und welche Erkenntnisse müssten für künftige Einsätze berücksichtigt werden?
Metzdorf dankte ausdrücklich allen Beteiligten, insbesondere den hauptamtlichen und ehrenamtlichen Kräften, die sich in die Vorbereitung und Durchführung eingebracht hatten. Sein Fazit fiel positiv aus: „Diese Übung hat gezeigt: Wir sind handlungsfähig.“
Auch René Schubert, Präsident des Landesamtes für Brand- und Katastrophenschutz, hob die Bedeutung der Großübung hervor. Sein Dank richtete sich besonders an die freiwilligen Statisten. Erst durch deren Teilnahme sei es möglich geworden, die Abläufe mit einer größeren Anzahl von Menschen unter realistischen Bedingungen zu testen.




