Erst ein Impfstoff wird Corona besiegen können

"Wenn man 1:0 führt sollte man noch nicht den eigenen Torwart auswechseln." So mahnt Dr. Tim Grüttemeier vor voreilig leichtfertigem Umgang mit dem Corona-Virus. Weitere Lockerungen hin zu einer neue "Normalität" könne es erst mit verlässlichen Zahlen geben, wie sich die Infektion seit den ersten Maßnahmen entwickelt habe.
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Prof. Dr. Thomas Ittel (Bildmitte) sieht wie Dr. Tim Grüttemeier und Marcel Philipp positive Entwicklungen, aber auch Gefahren in der Corona-Pandemie. Foto: T. Förster

Prof. Dr. Thomas Ittel (Bildmitte) sieht wie Dr. Tim Grüttemeier und Marcel Philipp positive Entwicklungen, aber auch Gefahren in der Corona-Pandemie. Foto: T. Förster

"Die Engpässe sind ausgeblieben, wir haben uns gut vorbereiten können und wie nie zuvor an einem Strang gezogen." Zum Glück, wie Prof. Dr. Thomas Ittel, Vorstandsvorsitzender des Universitätsklinikums Aachen, unterstreicht. Denn das Aachener Uniklinikum habe neben den großen Kliniken in Freiburg und München bundesweit die meisten Menschen versorgen müssen, die mit COVID-19 infiziert seien. 30 Todesfälle sind in Aachens Uniklinikum im Zusammenhang mit dem Corona-Virus beklagt worden. "Etwa 30 Prozent der Menschen, die beatmet werden müssen, sterben bei uns. Im Vereinigten Königreich sind es 68 Prozent, in New York gar 89 Prozent", so Prof. Dr. Thomas Ittel. Das zeige, wie knapp man bislang an einer Katastrophe vorbeigeschrammt sei. Die Kollegen anderswo seien gleichsam medizinische Fachleute wie die Ärzte in Deutschland, jedoch habe es schlicht an ausreichender Kapazität gefehlt. "Wenn es weiter gut läuft, dann müssen wir etwa 18 bis 20 Personen gleichzeitig in Intensivbetten behandeln und weitere 20 Erkrankte auf Normal-Station", so Prof. Dr. Ittel. Ein Anstieg der Fallzahlen sei aber jederzeit möglich. Zudem gibt er zu bedenken, dass nicht nur Menschen an COVID-19 sterben, die eine Lungenerkrankung haben. "Wer nur Fieber-Symptome hat, entwickelt ein erschöpfendes Krankheitsbild, was gerade für ältere Menschen lebensgefährlich wird." Während ein Corona-Patient mit Lungenbeschwerden im Schnitt 68 Jahre alt sei, sei es bei den "Fieber-Erkrankten" ein Durchschnittsalter von 80 Jahren. Es sei also weiter Vorsicht geboten. "Wir werden unseren Krankenhaus-Betrieb normalisieren, aber die für Corona notwendigen Kapazitäten sicher noch neun bis zwölf Monate vorhalten müssen. Denn erst dann wird ein Impfstoff zur Verfügung stehen, wenn er denn wirkt", sieht Ittel viele Fragezeichen. Der Mund-Nasenschutz sei im Uniklinikum für Patienten und Mitarbeiter Pflicht. "Wir betreuen aktuell 3000 Betten in ganz Nordrhein-Westfalen über Telemedizin - ein Modell für die Zukunft", so Ittel. Die aktuell fallenden Infektionszahlen seien ein positives Zeichen, aber kein Grund, die Anstrengungen zurückzufahren, weiß auch Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp. Der große Druck, die vielen Einschränkungen zu lockern, riskiere den erzielten Erfolg. Die Maskenpflicht werde von den meisten Menschen akzeptiert - die 35 Euro Bußgeld nur das letzte Mittel, um die Bevölkerung zur Einsicht zu bewegen. Städteregionsrat Grüttemeier erklärte, dass mobile Teams noch stärker und engmaschiger Tests in den Alten- und Pflegeeinrichtungen vornehmen werden. 5000 Abstriche seien bereits erfolgt - 144 Bewohner und 99 Mitarbeiter positiv getestet. "Das zahlt uns niemand", versteht Grüttemeier nicht, warum bei solch wichtigen Maßnahmen über Geld diskutiert werden müsse. In den kommunalen Abstrichzentren sind unterdessen bislang 18000 Abstriche erfolgt. Kritik übte Grüttemeier auch am Schulministerium. "Wir brauchen klare Regelungen. Denn die Schulen kommen an ihre Grenzen, wenn peu á peu Kinder dort wieder teilweise hin sollen. Gerade Berufskollegs haben Probleme, an die keiner denkt." An Gymnasien sei die Praxis, zunächst Abiturienten und diejenigen, die im nächsten Jahr ihre Hochschulreife ablegen wollen, zu unterrichten, gut gewählt. Das sind ja dann nur zwei von acht Jahrgängen. Auch für Förderschulen gebe es noch keine Bestimmungen. In Kindertagesstätten lassen sich die Vorschriften gar nicht umsetzen, ergänzt OB Philipp. Die Beiden freuen sich jedoch, dass das Land die Elternbeiträge für OGS und Kindergärten für den Monat Mai aussetzt und die Kosten zur Hälfte trägt. Und die Menschen müssten endlich wissen, was nun eine Großveranstaltung sei, um planen zu können oder eben absagen zu müssen, fordert Grüttemeier klare Vorgaben vom Land.


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