Thomas Förster

Europa: mal ein »Riese« und mal ein »Zwerg«

Mützenich. »Wie lebt man Europa in einer Grenzgemeinde?« Darüber diskutierten im Mützenicher Schützenhaus gleich mehrere »Europa-Kenner«.

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Auf Einladung von Jaqueline Huppertz diskutierten (v.r.) Patrick Lobis (Leiter der Vertretung der Regionalvertretung der Europäischen Kommission in Bonn), Dr. Mark Speich (Staatssekretär für Bundes-, Europa- und internationale Angelegenheiten NRW, Mitglied des Europäischen Ausschusses der Regionen) und Karl-Heinz Lambertz (Präsident des Parlaments der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens, Mitglied des Europäischen Ausschusses der Regionen) über die Stärken und Schwächen Europas und die Folgen für Menschen in »Grenzregionen«. Foto: Fö

Auf Einladung von Jaqueline Huppertz diskutierten (v.r.) Patrick Lobis (Leiter der Vertretung der Regionalvertretung der Europäischen Kommission in Bonn), Dr. Mark Speich (Staatssekretär für Bundes-, Europa- und internationale Angelegenheiten NRW, Mitglied des Europäischen Ausschusses der Regionen) und Karl-Heinz Lambertz (Präsident des Parlaments der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens, Mitglied des Europäischen Ausschusses der Regionen) über die Stärken und Schwächen Europas und die Folgen für Menschen in »Grenzregionen«. Foto: Fö

Foto: Thomas Förster

Mützenich (der). Gerade in Mützenich, dem man historisch betrachtet durchaus eine besondere Nähe zu Belgien nachsagen kann. Dort, wo die Statue des »Kaffeeschmugglers« die geschichtsträchtige Grenze markiert. Wo könnte authentischer über das Zusammenleben der Menschen in Grenzgebieten diskutiert und geurteilt werden?, fragte Jacqueline Huppertz. Hier, in Mützenich, verstehe man sich, helfe sich und verfolge gemeinsame Interessen. »Und hier feiert man über die Grenze hinweg«, sagte sie.

Huppertz erinnerte bewusst an die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, als Belgien geplant habe, die deutsche Enklave Mützenich zu annektieren. Im Jahre 1949 dann seien diese Pläne nicht mehr weiter verfolgt worden. Heute wolle man versuchen zu klären, wo wir stehen, wo wir hinwollen, ob wir mehr Europa brauchen, oder ob wir mit weniger Europa auskommen. Und es gelte zu prüfen, was uns Europa kostet und was es uns bringen könnte, je weiter die Einigung voranschreite.

Karl-Heinz Lambertz, ein »alt-erfahrener Gestalter der europäischen Politik«, ging in seiner Rede kurz auf das von seiner Vorrednerin erwähnte »Schmugglerdenkmal« ein und gestand: »Das ist Grenzgeschichte.« Europa, der zweitkleinste Kontinent, was ist das eigentlich?, ließ Lambertz folgen. Europa sei voller Staatsgrenzen. Wenn Grenzen offen werden, sehe man den Nachbarn aus einer anderen Perspektive. Trotz dieser vielen Grenzen sei es wichtig zu erfahren, was an den Grenzen geschehe. Was besser werden kann und besser werden muss, denn es gebe auch »Baustellen«, die nicht zu übersehen seien. »Auch in unserer Grenzregion«, verschwieg Lambertz nicht. In der Corona-Pandemie seien verschiedene Grenzen zeitweise geschlossen worden.

Für Lambertz keine Frage: Grenzen bringen Probleme mit sich. Er ging gezielt auf den Neubau des Himo-Zentrum in Imgenbroich ein, wo belgische Handwerker nicht zum Einsatz gekommen seien, weil nur »deutsche Meister« gefragt waren. Da müsse noch einiges gelöst werden. Man müsse von der Idee wegkommen, Europa sei irgendwo. Wichtig seien die Menschen in den Dörfern und Städten, wie sie sich als Europäer fühlen. »Europa ist stark, wir sollten begreifen, dass ‚wir‘ Europa sind und wichtig genommen werden«, gab er mit auf den Weg. Man stehe vor großen Herausforderungen. »Kein Staat kann alle Herausforderungen alleine bewältigen. Das geht nur gemeinsam«, weiß der Kenner nur allzu gut.

Nach ausführlichen Diskussionen an drei Tischen waren die Experten über die Ergebnisse nicht mal sonderlich erstaunt. Hilmar Weber diskutierte mit Bürgern aus dem belgischen Eupen und aus der Dorfgemeinschaft Mützenich. Ein gewichtiges Thema waren hier die unterschiedlichen Steuersätze, bei denen eine Angleichung gewünscht wird. An Tisch zwei waren Schülerinnen und Schüler des Inda-Gymnasiums Kornelimünster beteiligt. Deren Schulleiter Arthur Bierganz trug Analysen und Anregungen vor, dazu gehörten die offenen Grenzen und die Sprache, die beim Französisch Probleme mit sich bringe. Angeregt wurde eine zentrale europäische Sprache. Recht, Kultur, Bildung, Arbeit, Kirche und Sport waren an Tisch drei Thema. Hier kam der Vorschlag, ukrainische Flüchtlinge als »Europäer« zu integrieren.

Karl-Heinz Lambertz und Jacqueline Huppertz zeigten sich von den Ergebnissen stark beeindruckt. Man habe Schönes und weniger Schönes gehört, sagte Lambertz. Nicht alles sei längst perfekt. Alles was gut sei, sei nicht selbstverständlich. Nichts komme von alleine. Man müsse jeden Tag versuchen, Grenzen zu überwinden, kooperieren und dazu lernen. »Wir müssen Europa stärker machen, uns auf das Wesentliche konzentrieren. Die Rolle in Europa wird nie fertig werden«, bilanzierte Karl-Heinz Lambertz abschließend.