

»Die Idee vor 30 Jahren war, dass wir mit unserer Arbeit dazu beitragen gesellschaftliche Strukturen zu ändern, damit Gewalt gegen Frauen und Kinder nicht mehr oder nur schwerer möglich sind«, blickt Astrid Rund zurück. »Der Idealfall: Wir wollten überflüssig werden.« Dieser ist nicht eingetreten. Auch nach 30 Jahren ist das Team der Fachstelle für Frauen und Mädchen zum Thema sexualisierte Gewalt e.V. in Simmern als Anlaufstelle für Betroffen im Landkreis voll ausgelastet.
»Immerhin ist das Thema heute mehr im öffentlichen Bewusstsein«, sagt Petra Scholten. »Der Blick auf sexualisierte Gewalt hat sich insoweit verändert in der Gesellschaft, dass vielen klar ist: Die Schuld liegt nicht bei den Betroffenen, die Machtstrukturen sind schuld. Dadurch ist auch die Hemmschwelle gesunken, sich als betroffene Frau Unterstützung zu suchen«, sagt sie. Das sorgt natürlich auch dafür, dass die Anfragen an die Fachberaterinnen im Laufe der Jahre deutlich zugenommen haben.
Das Team des Frauennotrufs bedient zwei Beratungsbereiche. Die Fachstelle für Frauen und Mädchen unterstützt alle, die sexualisierte Gewalt und andere Formen der Gewalt aktuell erleben oder früher erlebt haben, betont Rund. Dabei geht es um alle Formen, von sexueller Nötigung und Belästigung über sexuellen Missbrauch, Vergewaltigung, Kindeswohlgefährdung bis hin zu Stalking und digitale Gewalt.
Die Beratungen erfolgen telefonisch sowie persönlich in den Räumen in Simmern. Auch die Begleitung und Weitervermittlung zu anderen zuständigen Einrichtungen und Institutionen, zu Rechtsanwälten und Ärzten, sowie die Begleitung zu Gerichtsverfahren gehören zur Arbeit des Teams. Die Angebote richten sich neben Betroffenen auch an Angehörige, Bezugspersonen und Fachkräfte.
»Seit 2014 gibt es zudem die Kinderberatungsstelle, die sich auf durch Gewalterfahrungen und sexualisierte Gewalt traumatisierte Kinder (männlich wie weiblich) konzentriert«, sagt Anne Lenhart. »Wir bieten Einzelberatungen an und begleiten die betroffenen Kinder persönlich. Außerdem stehen wir unterstützenden Bezugspersonen beratend zur Seite, sozialen Fachkräften und anderen Ratsuchenden rund ums Thema.«
Der Frauennotruf wird finanziell gefördert durch Landes- und Kreismittel. »Darüber sind wir dankbar«, sagt Rund. »Essentiell sind zudem Spenden und die Arbeit des Fördervereins. So geht ein großer Dank auch an unsere Unterstützer. Die Finanzierung ist aber leider nicht ausreichend Gerne würden wir mehr anbieten, besonders im Bereich der Prävention«, so Rund weiter, »wir sind natürlich auch hier aktiv und bieten auch Fortbildungen und Veranstaltungen für Institutionen oder Unternehmen an.«
Ein großer Wunsch des Teams wäre es, ihre Angebote dezentralisiert anbieten zu können. »Aktuell können wir nur im Ausnahmefall rausfahren. Anders ist eine effiziente Unterstützung mit den aktuellen Ressourcen nicht möglich«, sagt Scholten. »Eine mobile Beratung wäre aber sinnvoll mit Blick auf die Fläche und den ÖPNV unseres sehr ländlich geprägten Landkreises.«
Es war ein langer Atem nötig, um den Frauennotruf Rhein-Hunsrück zu gründen, erinnern sich Astrid Rund und Anne Günster. Der Gründung ging das ehrenamtliche Engagement vieler Frauen voraus. Bei »Courage« (Bildungs- und Begegnungsstätte für Frauen e.V.) war das Thema sexualisierte Gewalt gegen Frauen und das Beratungsangebot für Betroffene ein Schwerpunkt. In der ersten Sitzung des Frauenforums 1994, einer Arbeitsgemeinschaft aller Frauenverbände im Kreis, wurde unisono die Einrichtung eines Notrufs für vergewaltigte und sexuell missbrauchte Frauen und Mädchen gefordert. 1996 ging dann der Frauennotruf Rhein-Hunsrück an den Start.
Nach 30 Jahren ist für Astrid Rund im Sommer Schluss beim Frauennotruf; der Ruhestand wartet. Eine Nachfolgerin ist bereits gefunden. Und was wünscht sich die 66-jährige für die Zukunft des Frauennotrufes im Kreis? »Dass der Frauennotruf weiter ausreichend finanziert wird, damit zumindest der aktuelle Bestand der Arbeit gesichert ist. Schön wäre ein Ausbau unserer Möglichkeiten. Dafür muss das Thema sexualisierte Gewalt gegen Frauen und Kinder auch in der Politik verankert bleiben.« An der Notwendigkeit des Frauennotrufs im Kreis hat sich nichts geändert.
Wer den Frauennotruf unterstützen will, kann dies als Mitglied des Fördervereins oder mit einer Spende tun. Info zum Förderverein und dem Frauennotruf unter: www.frauennotruf-rheinhunsrueck.de




