Andreas Bender

Wälder im Hunsrück unter Druck: Warum Förster Schöneberg vor einfachen Antworten warnt

Buch/Kreis. Langanhaltende Dürreperioden, extreme Hitze oder Starkregen: Der Klimawandel stellt unsere Wälder vor große Herausforderungen. Förster Alexander Schöneberg erklärt, warum die Zukunft des Waldes auch von einer differenzierten Betrachtung der Forstwirtschaft abhängt.

Weisergatter zeigen, wie gut sich der Wald natürlich verjüngen kann: Hier wachsen rund 90 junge Eichen pro Quadratmeter. Daneben findet man gar keine Jungpflanzen, höchstens Farne und Sträucher, wie Förster Alexander Schöneberg erklärt.

Weisergatter zeigen, wie gut sich der Wald natürlich verjüngen kann: Hier wachsen rund 90 junge Eichen pro Quadratmeter. Daneben findet man gar keine Jungpflanzen, höchstens Farne und Sträucher, wie Förster Alexander Schöneberg erklärt.

Bild: Andreas Bender

Der Wald verändert sich sichtbar. »Seit etwa 2018 erleben wir nahezu jedes Jahr Wetterextreme«, sagt Alexander Schöneberg. »Bäume sterben ab, Bestände brechen zusammen, ganze Waldflächen verlieren innerhalb weniger Jahre ihr gewohntes Erscheinungsbild.« Der Förster leitet das rund 1 900 Hektar große kommunale Forstrevier Buch, das die Gemeinden Buch, Bell, Hollnich, Lahr, Mastershausen, Uhler und Zilshausen umfasst.

Gleichzeitig warnt der Förster davor, die Ursachen für den Zustand der Wälder zu stark zu vereinfachen. »Die sichtbaren Schäden werden schnell mit der konventionellen Forstwirtschaft in Verbindung gebracht, obwohl die Schäden in engem Zusammenhang mit dem Klimawandel stehen. Es entsteht mitunter der Eindruck, die Forstwirtschaft selbst sei die Hauptursache«, beschreibt er die öffentliche Diskussion.

»Das halte ich für eine gefährliche Verkürzung. Die Ursachen des Klimawandels sind global und liegen vielfach außerhalb Deutschlands – seine Folgen sind inzwischen jedoch unmittelbar vor unserer Haustür sichtbar«, erklärt er. »Ein großes Problem ist, wie heute über Wald diskutiert und berichtet wird – insbesondere in sozialen Medien. Hier werden komplexe Zusammenhänge meist auf sehr einfache Botschaften reduziert, die zu oft nur einen Teilaspekt darstellen.«

Schöneberg verweist darauf, dass nachhaltige Waldbewirtschaftung in Deutschland eine lange Tradition habe. Bereits im 18. Jahrhundert wurde der Begriff der Nachhaltigkeit in der Forstwirtschaft geprägt. Die Grundidee: Es soll nicht mehr Holz entnommen werden, als dauerhaft nachwachsen kann. Diese Idee gilt bis heute in der Forstwirtschaft.

Die Nutzung von Holz ist nicht grundsätzlich ein Widerspruch zum Klimaschutz. »Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob Holz genutzt werden darf. Die entscheidende Frage ist, wie Holz genutzt wird«, sagt Schöneberg. Eine regionale und nachhaltige Nutzung des Rohstoffs könne Teil einer modernen Klimaschutzstrategie sein. Denn Holz ist weltweit ein wichtiger Rohstoff – vom Baustoff bis zum Brennholz. »Ohne eine wirtschaftliche Teilnutzung der heimischen Wälder müsste mehr Holz importiert werden, was der Nachhaltigkeit abträglich wäre.«

Klar ist, dass sich auch die Forstwirtschaft verändern muss, um sich den neuen klimatischen Bedingungen anzupassen. Tatsächlich sind die Forstämter schon lange bemüht, einen zukunftsfähigen Wald aufzubauen. Denn der Wald erfüllt mehrere Funktionen gleichzeitig. Im Bundeswaldgesetz sind die Funktionen des Waldes verankert: Nutzung, Schutz und Erholung.

Ein wichtiger Baustein ist dabei der Waldumbau, um vielfältigere und widerstandsfähigere Wälder zu schaffen. »Wir brauchen unterschiedliche Baumarten, Altersklassen und Strukturen«, erklärt Schöneberg. So könne der Wald besser auf Veränderungen reagieren. Daher spielen Monokulturen seit Jahrzehnten keine Rolle mehr bei der Waldverjüngung. Weitere Maßnahmen, wie das regelmäßige Anlegen von Waldtümpeln, um in trockenen Jahren länger und mehr Wasser in den Wäldern zu halten, werden ebenfalls seit Jahren umgesetzt.

»Ein Wald lässt sich allerdings nicht innerhalb einer Legislaturperiode verändern«, sagt Schöneberg. Was heute gepflanzt oder gefördert werde, könne erst viele Jahrzehnte später vollständig bewertet werden. So gibt es nicht nur im Bucher Forstrevier ehemalige Kahlflächen, auf denen die Natur sich selbst entwickeln darf. »Wir haben auch einige Baumarten gepflanzt, lassen aber nun der natürlichen Entwicklung freien Lauf. So können wir beobachten, was sich gut entwickelt.«

Für den Waldumbau ist auch die Entnahme einzelner Bäume notwendig. Junge Bäume benötigen ausreichend Licht, um wachsen zu können. »Wer jede Holzentnahme automatisch mit ‚Waldzerstörung‘ gleichsetzt, übersieht diesen wichtigen waldbaulichen Zusammenhang«, erklärt der Förster. Entscheidend sei nicht, möglichst viel Holz zu entnehmen, sondern gezielt und nachhaltig zu bewirtschaften.

Eine weitere wichtige Rolle spiele die Jagd, sagt Schöneberg. Ohne angepasste Wildbestände werde die Naturverjüngung des Waldes und somit die Entwicklung klimastabiler Mischwälder für die Zukunft erschwert. Naturverjüngung bedeutet, dass neue Bäume im Wald ganz von selbst aus den Samen vorhandener Altbäume wachsen. »Wenn die jungen Pflanzen unmittelbar wieder verbissen werden, haben wir am Ende zwar Licht im Bestand – aber keine gewünschte Waldverjüngung«, so Schöneberg. Es brauche ein Gleichgewicht, damit Tiere genügend Nahrung finden und gleichzeitig genug junge Bäume eine Chance haben zu wachsen.

»Leider haben wir in vielen Revieren eine Überpopulation. Das sehe ich aktuell als wichtigste Stellschraube: Wenn wir klimaresiliente Wälder wollen, muss die natürliche Verjüngung eine Chance haben«, betont Alexander Schöneberg. »Aber hier stoßen Förster in der Praxis immer wieder an Grenzen – insbesondere dort, wo Jagdbezirke verpachtet sind und die Interessen von Waldbesitz, Jagd und Waldumbau nicht immer deckungsgleich sind«, ergänzt er.

Aktuell werden in vielen Waldgebieten Weisergatter aufgestellt, die zum einen verdeutlichen, wie eine Naturverjüngung aussehen kann, und zum anderen zeigen, was die Natur zu leisten vermag, wenn man sie lässt. Dazu Schöneberg: »Auf einen Quadratmeter kommen hier rund 90 junge Eichen [Foto Titel, Anm. d. Red.] – das wären hochgerechnet etwa 900 000 Eichen pro Hektar. Wenn sich auf einer Waldfläche nur rund 30 Prozent dieser Jungpflanzen etablieren könnten, klappt es mit dem Aufbau zukunftsfähiger Wälder und der Waldbesitzer spart jedes Jahr Kosten im hohen fünfstelligen Bereich.«

Ergänzend sei erwähnt, dass Förderungen für kommunale Wälder im Zusammenhang mit einer natürlichen Verjüngung des Waldes stehen. Wird diese nicht gewährleistet, können Förderungen nicht nur eingestellt werden, sondern müssen mitunter auch rückwirkend zurückgezahlt werden.

Einen sachlichen Dialog und mehr Differenzierung in der Debatte über unsere Wälder, das wünscht sich Alexander Schöneberg. »Die Forstwirtschaft ist nicht automatisch der Schuldige für jeden abgestorbenen Baum. Aber sie ist auch nicht frei von Verantwortung«, sagt er. Fehler müssten benannt und Bewirtschaftungsformen weiterentwickelt werden.

Am Ende geht es nicht darum, einzelne Gruppen verantwortlich zu machen, sondern gemeinsam Lösungen zu finden. »Es geht darum, welchen Wald wir unseren Kindern und Enkeln hinterlassen«, betont Schöneberg. Dieser Wald werde anders aussehen als der heutige – die Aufgabe bestehe darin, ihn trotzdem vielfältig, stabil und lebendig zu erhalten.