Claudia Neumann

Studie mit Trierer Beteiligung: Zahl der Demenzfälle könnte stark steigen

Trier. Forscher rechnen bis 2060 mit mehr als zwei Millionen Erkrankten in Deutschland. Prävention könnte die Entwicklung deutlich bremsen.

Die Zahl der Menschen mit Demenz in Deutschland könnte in den kommenden Jahrzehnten deutlich zunehmen. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Untersuchung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO), die gemeinsam mit den Universitäten Trier, Rostock und Köln erstellt wurde.

Nach den Berechnungen wird die Zahl der Demenzerkrankten bei weiter steigender Lebenserwartung von derzeit rund 1,3 Millionen auf bis zu 2,1 Millionen im Jahr 2060 anwachsen. Die Prognosen basieren auf einem neuartigen Simulationsverfahren, das von der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Forschungsgruppe MikroSim FOR2559 entwickelt wurde.

An der Universität Trier leitet Prof. Dr. Ralf Münnich aus der Wirtschafts- und Sozialstatistik die Forschungsgruppe. „In unserem Mikrosimulationslabor entwickeln wir Modelle, die Prädiktionen zu allen erdenklichen demografischen Fragen für Deutschland bis hinab auf Haushaltsebene erlauben“, erklärt Münnich.

Prognosen bis auf Kreisebene möglich

Das neue Verfahren ermöglicht Vorhersagen bis hinunter auf die Ebene einzelner Landkreise und kreisfreier Städte. Dafür ergänzten die Forschenden ihre Modelle um epidemiologische Kennzahlen zu Demenzhäufigkeit, Neuerkrankungen und Sterblichkeit aus Daten des WIdO. Die verschiedenen Zukunftsszenarien wurden gemeinsam mit Experten aus den Bereichen Demografie und neurodegenerative Erkrankungen an den Universitäten Rostock und Köln entwickelt.

Die Ergebnisse zeigen deutliche Unterschiede zwischen jüngeren, städtischen Regionen und älteren, ländlichen Gebieten. Während für München im Jahr 2060 ein Anteil von 1,7 Prozent Demenzerkrankten an der Bevölkerung prognostiziert wird, liegt dieser Wert im brandenburgischen Landkreis Elbe-Elster bei 6,2 Prozent. Damit wäre der Anteil dort rund dreieinhalbmal so hoch.

Zudem untersuchten die Wissenschaftler die Auswirkungen des Rückgangs der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter auf die Versorgung von Menschen mit Demenz. Während 2020 auf 100 Erwerbstätige 2,6 Menschen mit Demenz kamen, geht die ungünstigste Prognose für das Jahr 2060 von 4,7 Erkrankten pro 100 Erwerbstätigen aus. In einzelnen Kreisen könnte dieser Wert sogar auf fast 21 steigen.

Die Prognosen beruhen auf einer eng gefassten Demenzdefinition, bei der reversible Fälle ausgeschlossen wurden. Nach Angaben der Forscher handelt es sich daher um konservative Schätzungen, die eher die untere Grenze der zu erwartenden Fallzahlen darstellen.

Prävention kann Entwicklung deutlich bremsen

Gleichzeitig zeigt die Untersuchung, dass sich die Entwicklung durch Präventionsmaßnahmen deutlich abschwächen ließe. Dazu zählen unter anderem Maßnahmen gegen Bluthochdruck und Diabetes, die Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, der Verzicht auf Rauchen, mehr Bildung, die Behandlung von Hörstörungen sowie die Vermeidung sozialer Isolation.

„Durch Prävention und eine gute Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, den Verzicht auf das Rauchen, mehr Bildung, die Behandlung von Hörstörungen und die Vermeidung sozialer Isolation kann einer Demenzentwicklung vorgebeugt werden“, erklärt Helmut Schröder, Geschäftsführer des Wissenschaftlichen Instituts der AOK.

Unter optimalen Bedingungen könnte die Zahl der Demenzerkrankten bis 2060 nach den Berechnungen bei 1,3 bis 1,5 Millionen stabilisiert werden. Auf 100 Erwerbstätige kämen dann noch 2,9 Menschen mit Demenz. Das Gefälle zwischen städtischen und ländlichen Regionen würde jedoch bestehen bleiben.

In der Forschungsgruppe FOR 2559 „Sektorenübergreifendes kleinräumiges Mikrosimulationsmodell“ wird ein Mikrosimulationsmodell der Bevölkerung Deutschlands auf Personen- und Haushaltsebene entwickelt. Das Projekt wird von Arbeitsgruppen der Universität Trier und der Universität Duisburg-Essen in Zusammenarbeit mit dem Statistischen Bundesamt und dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung durchgeführt.

Die Studie ist online abrufbar unter: https://doi.org/10.1007/s10654-026-01392-4