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Hospizhelfer der Nestwärme schaffen Freiräume für Familien

Seit einem Jahr ist Hospizhelferin Marianne Dratschmidt bei der Familie Betz "zu Gast". Dort unterstützt sie hauptsächlich Mutter Dorothe, deren Sohn an Muskelschwund leidet.
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V.l.n.r.: Marianne Dratschmidt (58), Marius (22) und Dorothe Betz (50). Foto: Kreller

V.l.n.r.: Marianne Dratschmidt (58), Marius (22) und Dorothe Betz (50). Foto: Kreller

Marius ist 22 Jahre alt und Sohn von Dorothe und Markus Betz. Seit seiner Geburt leidet er an Muskelschwund, einer unheilbaren Krankheit, die sowohl sein Leben als auch das Leben seiner Eltern maßgeblich bestimmt. Denn Marius ist fast vollständig auf fremde Hilfe angewiesen, insbesondere seine Mutter ist bis auf einige Stunden am Tag in die Pflege eingespannt. Das hinterlässt Spuren und nagt an der Substanz, nicht nur körperlich. Vielen fällt es in dieser Situation nicht leicht, Hilfe zu suchen, wohlmöglich auch deswegen, weil neben regelmäßigen Besuchen von Orthopäden und Therapeuten noch zusätzlich Menschen in den geschützten Raum der Betroffenen eindringen. Es droht der Verlust von Privatsphäre. Daher kostet es Überwindung, diesen Schritt zu gehen. Bei der Familie Betz war es ein Schlüsselerlebnis: Nachdem Marius eine für ihn lebensbedrohliche Lungenentzündung überstanden hatte, wandte sich Dorothe Betz an den Hospizverein Trier. "Ich brauchte einen Gesprächspartner", erklärt sie. "Jemanden, dem ich einfach mal alles erzählen kann." Der Verein stellte den Kontakt zu Nestwärme her; dort geriet Dorothe Betz mit Marianne Dratschmidt an eine erfahrene Hospizhelferin.

Nestwärme vermittelt

Die richtige Chemie sei sofort da gewesen. Die 58-jährige gebürtige Norddeutsche wuchs im Ruhrgebiet auf und leitete mehrere Jahre lang als examinierte Erzieherin einen Kindergarten. Nach der freiwilligen Berufsaufgabe wandte sie sich der ehrenamtlichen Tätigkeit zu und stieß bei ihrer Institutionensuche auf den Verein Nestwärme, der sie zunächst als Familienpatin einsetzte. "Ich habe mich bewusst dafür entschieden, Menschen aus Deutschland zu helfen", sagt Dratschmidt. Kontakt zu Kindern und Eltern sei nach wie vor ihr Wunsch gewesen. Der ausschlaggebende Impuls war dann ein Schicksalsschlag im familiären Umfeld. "Da ist mir bewusst geworden, dass nichts selbstverständlich ist." Durch die in dieser Zeit gewonnenen Eindrücke habe sie sich intensiv mit den Themen Tod, Sterben und Sterbehilfe auseinandergesetzt. Ein Prozess, der letztendlich in der Hospizhilfe mündete.

Angehörige im Mittelpunkt

Zweimal im Monat schaut sie jeweils für anderthalb Stunden bei der Familie Betz vorbei. "Wir besprechen Themen, die den Eltern oder dem Kind auf der Seele liegen. Es fällt dabei nicht so schwer, eine neutrale Person zu schonen", sagt Dratschmidt. Damit meint sie das nachvollziehbare Phänomen, dass innerhalb der Familie unangenehme Themen wie beispielsweise der bevorstehende Tod des zu pflegenden Familienmitglieds oder die eigenen Ängste nicht thematisiert werden. Das führt zu Spannungen, auch unter den Eltern. Es kommt vor, dass Mütter die Rolle als Ehefrau verlassen und sich als Betreuer des kranken Kindes zurückziehen. Und gerade bei mehreren Kindern fallen nicht selten die gesunden "hinten runter". Dratschmidt: "Eine wichtige Aufgabe ist das Auffangen der Geschwister. Sie sind oft davon betroffen, dass das eingeschränkte Kind im Fokus steht.« Auch für sie sind die Hospizhelfer da und verschaffen sowohl den Eltern als auch ihnen neue Freiräume: "Auszeiten".

Begleiteter Erstkontakt

Über alles kann gesprochen werden. Es muss nicht immer die erkrankte Person im Mittelpunkt stehen. Oft sind es profane Dinge, über die man sich austauscht. Wichtig ist eine gemeinsame Vertrauensbasis. Beim ersten Kontakt zwischen Hospizhelfer und Familie ist deswegen ein Moderator dabei. Auch diese Aufgabe liegt im Tätigkeitsbereich von Marianne Dratschmidt. Sie nennt das "Familienzusammenführung".

Benefizkonzert in Daun

Marius selbst hat keine Berührungsängste. Der FC-Kaiserslautern-Fan steckt sich kleine Ziele. "Alle sind realistisch", sagt Dorothe Betz. Erst kürzlich meldete sich ein Musikverein aus Daun, der für Marius ein Benefizkonzert veranstalten möchte. Die TMG-Singers, ein Lehrer-Eltern-Schülerchor des Thomas Morus Gymnasiums in Daun, veranstalten am Samstag, 4. März, ein Kirchenkonzert in Daun. Mit im Boot sind ein befreundeter Chor aus Hermeskeil, ein Blechbläsertentett, ein Flötenquintett und ein Organist. Mit dem Erlös soll der Familie der Besuch des Disneyland Paris ermöglicht werden. "Es ist ein schönes Gefühl, wenn es heißt, wir machen das nur für euch", resümiert Betz. Und Marius freut sich darauf, denn es geht ihm den Umständen entsprechend gut. "Er hat hat die Gabe, ein positiver Mensch zu sein", sagt seine Mutter.

Helfer werden

Mehr Informationen rund um das Thema ambulanter Kinderhospizdienst sowie die Möglichkeit zur Bewerbung gibt‘s hier. JK


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