Die europäische Literaturgeschichte wird neu geschrieben

Digital Humanities an Uni Trier bereiten Literatur neu auf

Stadt Trier. Prof. Dr. Christof Schöch von der Universität Trier treibt die Digitalisierung der Literaturwissenschaft voran. Er hat ein weltweites Netzwerk etabliert, in dem die europäische Literaturgeschichte neu untersucht wird, umfassender als es jemals zuvor möglich war.

Die Digitalisierung macht vor der Wissenschaft nicht Halt. Für die Geisteswissenschaften ist daraus eine völlig neue Forschungsdisziplin empor gewachsen, die Digital Humanities. Wissenschaftler wie Christof Schöch erforschen digitale Methoden, die den Geisteswissenschaften nützlich sein sollen. Mit Knotenpunkt an der Universität Trier hat er jetzt ein weltweites Netzwerk gegründet, das die europäische Literaturgeschichte mit digitalen Methoden neu aufarbeitet. Damit führt Schöch die Literaturwissenschaft in eine Umbruchsphase.

100 Forscher in 30 Ländern

Inzwischen sind 30 Länder und etwa 100 Forschende Teil der Initiative des Professors, der gleichzeitig Co-Direktor des Trier Center for Digital Humanities (TCDH) ist. Unter dem Projektnamen "Distant Reading for European Literary History" krempeln Informatiker und Literaturwissenschaftler aus verschiedenen europäischen Ländern gemeinsam die Literaturgeschichte um. Statt sich auf herausragende Werke, wie Goethes "Faust" oder Lessings "Nathan der Weise" zu konzentrieren, wollen sie große Textmengen möglichst vieler, auch unbekannter Autoren erfassen und sprachübergreifend untersuchen.

Der Erfinder des historischen Romans

Beispielsweise hat der Brite Walter Scott nach einhelliger Expertenmeinung den historischen Roman erfunden, der heute durch bekannte Autoren wie Ken Follet zu den meistverkauften Büchern zählt. In dem neuen Netzwerk stellen sie sich jetzt Fragen wie, was macht überhaupt einen historischen Roman aus? Wie ist er damals von Großbritannien in andere Länder gekommen? Welche europäischen Autoren haben ihn wie und wann weiterentwickelt? Nur wenige Romane des 19. Jahrhunderts werden heute noch viel gelesen, die meisten sind in Vergessenheit geraten. Was läßt dann manche Romane über die Jahrhunderte hinweg lesenswert bleiben? Und gibt es dabei Unterschiede zwischen den verschiedenen europäischen Literaturen?

Empirischer Blick auf Literaturwissenschaft

Täglich werden hunderte Romane veröffentlicht. Ein Wissenschaftler allein kann die pure Textmenge, die für solche sprachübergreifenden und grenzüberschreitenden Fragestellungen nötig ist, gar nicht bewerkstelligen. Die etablierte Literaturwissenschaft hat sich deswegen gern mit herausragenden Autoren und einzelnen Werken beschäftigt. Der europäische Vergleich fehlt und vielleicht sind sogar andere Autoren in Vergessenheit geraten, die eigentlich auch als epochenprägend verstanden werden müssen. Die Leistung von Algorithmen geht in bestimmten Bereichen über die des Menschen hinaus, erklärt der promovierte Romanist Christof Schöch: "Wir verstehen Literaturgeschichte als ein hochkomplexes System, das kann man nicht an Einzeltexten festmachen. Man muss einen empirischen, datenbasierten Blick darauf werfen. Zugleich ist die algorithmische Modellierung literaturgeschichtlicher Zusammenhänge auch eine der großen Herausforderung des Fachs." Eben weil etablierte Literaturwissenschaft und digitale Literaturwissenschaft auf unterschiedlichen Analyseebenen operieren, können sie sich damit gut ergänzen.

Diskurs zwischen etablierten und neuen Literaturwissenschaftlern

Unter der Leitung von Schöch digitalisieren Wissenschaftler in Europa, aber auch in Israel, Australien, Brasilien oder den USA Romane in verschiedenen europäischen Sprachen. Sie entwickeln Tools, die Texte vergleichbar machen und mit denen Computer Texte anhand festgelegter Merkmale durchforsten. Die neuen Methoden modellieren die traditionellen Konzepte der Literaturwissenschaft und hinterfragen sie dabei zugleich, sodass ein Diskurs zwischen etablierten und den neuen, digitalen Literaturwissenschaftlern entsteht. In einer Arbeitsgruppe sorgt Schöch als Vorsitzender des Distant Reading-Netzwerks für den Austausch mit der etablierten Literaturwissenschaft. Vielleicht steht am Ende ein neues Konzept für den populären Roman, das bisher unbekannten Autoren in Spanien oder Kroatien Tribut zollt.

Digital Humanities als Brücke

Finanziert wird das Netzwerk von COST Association (European Cooperation in Science and Technology) als sogenannte COST Action. Sie steht jedem offen und befindet sich weiter auf Wachstumskurs. Schon jetzt prägt Christof Schöch über Trier hinaus mehr als nur seine Fachdisziplin. Der begeisterte Verfechter der digitalen Forschung begreift die noch junge Wissenschaft der Digital Humanities als eine Brücke, die alle anderen Geistes- und Kulturwissenschaften mit neuen Forschungsmethoden bereichert: "Ich bin davon überzeugt, dass wir durch die digitalen Methoden vieles neu schreiben können. Das ist eine Chance, weil wir einen ganz anderen Blick auf große Entwicklungen bekommen."

RED

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