Thomas Förster

Franziskaner verlassen ihr Kloster

Nach knapp sechs Jahrzehnten schließt die Deutsche Franziskanerprovinz ihr Konvent in Vossenack – beschleunigt durch eine Missbrauchsstudie, die schwere Schatten auf die Geschichte des Ordens am Standort wirft.
Die Franziskaner verlassen Vossenack - der Fortbestand des Franziskus-Gymnasiums steht dadurch jedoch keineswegs in Frage. Das Internat wird schon länger anderweitig genutzt und für das Kloster wird an einem Zukunftsmodell gearbeitet.

Die Franziskaner verlassen Vossenack - der Fortbestand des Franziskus-Gymnasiums steht dadurch jedoch keineswegs in Frage. Das Internat wird schon länger anderweitig genutzt und für das Kloster wird an einem Zukunftsmodell gearbeitet.

Bild: Franziskus-Stiftung Vossenack

Vossenack (Fö). Zum 31. August hebt die Deutsche Franziskanerprovinz ihre Niederlassung in Vossenack auf. Die Präsenz der Franziskaner in Vossenack reicht fast sechs Jahrzehnte zurück: Seit der Aufnahme des Schul- und Internatsbetriebs im Jahr 1967 prägten sie das Leben am Franziskus-Gymnasium und am Franziskus-Internat pädagogisch, kulturell und seelsorglich mit. Wo einst mehr als zwei Dutzend Patres und Brüder lebten, das Gymnasium leiteten, unterrichteten und das Internat betreuten, leben heute noch drei Ordensbrüder.

Den unmittelbaren Ausschlag für die vorzeitige Schließung gab eine Missbrauchsstudie. Die im Februar veröffentlichte unabhängige Aufarbeitungsstudie zu sexualisierter Gewalt in der Deutschen Franziskanerprovinz untersuchte und dokumentierte auch Ereignisse und Vorwürfe im Zusammenhang mit den pädagogischen Einrichtungen in Vossenack. Dies führte auch zu personellen Konsequenzen, sodass die Voraussetzungen für das Fortbestehen einer tragfähigen Brüdergemeinschaft vor Ort nicht mehr gegeben waren.

Bereits im Jahr 2019 waren die Trägerschaft der Einrichtungen sowie das Eigentum an den Gebäuden auf die Franziskus-Stiftung Vossenack übergegangen. »Für die Zukunft der klostergebäude befinden wir uns aktuell in einem ergebnisoffenen Entwicklungsprozess«, erklärt Geschäftsführer Alexander Fischer. »Gemeinsam mit kommunalen Partnern sowie interessierten Dritten prüfen wir verschiedene Optionen einer Nachnutzung, die sowohl zum schulischen Umfeld als auch zu den baulichen Gegebenheiten passen müssen.« Konkrete Entscheidungen seien hierzu noch nicht getroffen. Auch ein Rückbau einzelner Gebäudeteile werde derzeit mitgedacht.

Fischer weiter: »Die Bühne des sogenannten Klosterkulturkeller wollen wir auf jeden Fall auch für schulische Veranstaltungen nutzen. Beispielhaft seien hier Präsentationsübungen oder kleinere Aufführungen genannt.«

Der Abgang des Konvents bedeutet damit keineswegs das Ende von Schule und Internat – wohl aber das endgültige Ende franziskanischer Ordenspräsenz an diesem Ort. Franziskaner

Provinzialminister Bruder Markus Fuhrmann OFM findet dafür nachdenkliche Worte: »Der Abschied von Vossenack fällt uns nicht leicht. Viele Brüder haben dort über Jahrzehnte hinweg gelebt und gewirkt. Gleichzeitig wissen wir um die Verantwortung, die aus den Erkenntnissen der Aufarbeitung erwächst. Dankbarkeit für das Gute, das Menschen in Vossenack erfahren haben, und die Anerkennung des Leids der Betroffenen dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden.« Die Provinz bekennt sich zu ihrer Verantwortung gegenüber den Betroffenen und will den begonnenen Weg der Aufarbeitung, Anerkennung des Leids und Prävention auch ohne Präsenz vor Ort konsequent fortsetzen.

Ein offizieller Abschiedsgottesdienst findet am Sonntag, 12. Juli, um 11 Uhr in der Klosterkirche statt. Dazu sind ehemalige und derzeitige Schüler, Lehrer, die Gottesdienstgemeinde sowie alle Interessierten eingeladen.

Austauschforum zur Missbrauchsstudie

Unter den Leitgedanken: »Verstehen – Verantwortung übernehmen – Wege finden« lädt die Franziskus-Stiftung am Dienstag, 20. Oktober, 19 Uhr, zum zweiten Austauschforum zur Missbrauchsstudie der Deutschen Franziskanerprovinz ins Aula des Gymnasiums ein.

Die Veröffentlichung der Studie hat viele Menschen am Standort Vossenack tief erschüttert und zahlreiche Fragen, Erinnerungen und Gesprächsbedarfe ausgelöst. »An diesem Abend möchten wir erneut Raum für Austausch, für aufmerksames Zuhören und für gemeinsame Einordnung eröffnen … und dabei, wo möglich, einen weiteren Schritt nach vorne gehen«, so Alexander Fischer.

Begleitet wird das Forum von Dr. Robert Köhler, Mitglied der Begleitgruppe zur Missbrauchsstudie der Franziskaner. Er bringt langjährige Erfahrung in der Aufarbeitung sexualisierter Gewalt im kirchlichen Kontext ein und steht für Fragen zur Verfügung.