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Edith Billigmann

Der Musterschüler

Frisange (edi). Louis Linster ist nicht nur "Chef des Jahres 2024", sondern auch jüngster Sternekoch Luxemburgs.

Zum Inhalt:

  • Muttis Musterschüler
  • Léas eigene Welt
  • Vom Loslassen
  • Die unendliche Geschichte
  • "Ich war schon als Mädchen emanzipiert."

Damit tritt er in die Fußstapfen seiner Sterne- und Hauben-dekorierten Mutter Léa Linster, die seit 35 Jahren unangefochten als weltweit einzige Frau den Titel "Bocuse d‘Or" tragen darf.

"Eine ungewöhnliche Auszeichnung für einen so jungen Koch", gibt sich der Restaurant- und Gastroführer Gault Millau überrascht, selbst beeindruckt von so viel Beharrlichkeit, Kreativität und Beständigkeit sowie Entwicklungspotenzial. Damit schließt Louis in die Riege der vier Hauben auf und befindet sich nun auf Augenhöhe mit "Ma Lange Sourit", "La Distillerie ", "Mosconi" und "Fani". Bereits seit 2022 trägt Louis den Titel "Jungchef des Jahres", seine Frau und Restaurantleiterin Njomza Musli darf sich "Gastgeberin des Jahres 2023" nennen.

Seit 2017 führt der heute 33-Jährige das "Léa Linster" als Chefkoch, 2019 hatte er das Lokal in Frisange von seiner Mutter übernommen.

 

Muttis Musterschüler

Wie so viele berühmte Köche auch, gehört Louis zu den Autodidakten. Sein Vorbild und zugleich seine Lehrmeisterin: die eigene Mutter. Dass er einmal beruflich in der Küche landen sollte, das war in seiner Lebensplanung nicht vorgesehen. Als guter Schüler hatte er nach dem Abitur die Wahl der Qual. Koch werden wollte er nicht. Und so wurde Betriebswirtschaftslehre schließlich das Studienfach, dem er sich in Lausanne auch einige Semester widmete. Doch dann kam der Ruf der Mutter, die in der Küche dringend Hilfe brauchte. Und Louis kam, half aus - und entwickelte so viel Spaß an der Sache, dass er nicht mehr zurück ins trockene Studium wollte.

Doch wer wechselt schon freiwillig in einen Knochen- Job, bei dem ein 16-Stunden- Tag die Regel und nicht die Ausnahme ist, zudem wohl wissend, dass Familie und Beruf selten unter einen Hut zu bringen sind? Aus eben diesem Grund hatte er sechs Jahre im Internat verbracht. "Ich kenne es nicht anders", antwortet Louis achselzuckend und lässt keinen Zweifel daran, dass er es genauso meint, wie er sagt.

Schon als Kind hatte er den Köchen über die Schulter und in die Töpfe geschaut, war bei den großen Events der berühmten Mutter live dabei gewesen und hatte sich mit eigenen Gerichten ausprobieren dürfen. Damals schon konnte er stundenlang tüfteln, bis er das gewünschte Ergebnis hatte.

 

Léas eigene Welt

Dass er diesen außergewöhnlichen Weg geschafft hat, hat viel mit Léa Linster und ihrem Selbstverständnis als Frau und Mutter zu tun. "Louis wurde ohne Zwischenhändler erzogen", formuliert sie lachend und meint damit, dass sie Männern nie einen festen Platz in ihrem Leben gegeben hat. "Ganz bewusst", betont sie. "Weil ich unabhängig bleiben und mein Kind alleine erziehen wollte." Sich als Mutter nach den harten Arbeitstagen auch noch einem Ehemann widmen zu müssen - der Gedanke sei für sie fremd gewesen.

"Ich bin in einem Café groß geworden, war schon als Mädchen emanzipiert", lässt sie ihre ungewöhnliche Kindheit und Jugend Revue passieren. "Mir hatte gefallen, wie Männer damals gelebt haben: frei, selbstbestimmt und bestimmend. Das wollte ich auch - für mich und später auch für meinen Sohn."

Ihm die Freiheit und das Selbstbewusstsein gegeben zu haben, selbst über sein Leben und das, was er liebt, entscheiden zu können, mache sie unglaublich stolz.

 

Vom Loslassen

Das untrügliche Zeichen, dass Léa Linster nervös wird, sendet ihre Nasenspitze. Die wackelt und zuckt dann so lange, bis sich die Spannung wieder abgebaut hat, zuletzt geschehen am 14. Februar 2017, dem Valentinstag, der traditionsgemäß die Restaurant-Saison einläutet. Da nämlich hatte ihr Sohn eigenverantwortlich Küche und Bewirtung übernommen und sie hatte ihn einfach gewähren lassen. Mit Erfolg. Seitdem hat sie sich im Loslassen geübt, was zwei Jahre später in der Übergabe des Restaurants an ihren Sohn gipfelte.

Doch wer nun glaubt, dass sich die quierlige Köchin in den Ruhestand verabschiedet hat, der sieht sich getäuscht. Denn als ambitionierte Botschafterin für bewussten Genuss und hochwertige Lebensmittel vermittelt sie nun ihr Wissen in speziellen Kochkursen, mit maximal sechs Personen extra klein gehalten. "Es muss passen", sagt sie und meint damit weniger die Küche. "Vor allem menschlich", fügt sie hinzu. Ansonsten sei es schade um die Zeit.

 

Die unendliche Geschichte

In Léa Linster steckt ganz viel Vater. Er hatte der jungen Nachwuchsköchin schon früh freie Hand gegeben und sie in ihren Emanzipations- und Unabhängigkeitsbestrebungen unterstützt. "Von ihm habe ich die Lebensfreude, von meiner Mutter das Durchhaltevermögen ", analysiert sie sich selbst und ihre Stärken.

 

"Ich war schon als Mädchen emanzipiert."

Bereits mit 16 Jahren kocht sie ihr eigenes Menü, verdient sich Taschengeld mit Serviceleistungen an der elterlichen Tankstelle und lernt die Sprachen und den Umgang mit ausländischen Gästen. Nach dem Abi studiert sie Jura. Warum, das weiß sie nicht so recht. "Ich wollte irgendwas machen, das man leicht wieder beenden kann", erzählt sie lachend.

Diese Leichtigkeit verliert sie kurz, als der Vater stirbt. Doch sie erinnert sich an ihre kindliche Ansage: "Wenn ich groß bin, hole ich für unser Restaurant einen Stern." 1982 übernimmt sie das gesamte Anwesen in Frisange. Der große Umbau beginnt, das Restaurant nennt die selbstbewusste Frau "Léa Linster". Bald schon hält sie das Meisterdiplom in den Händen und darf bei den größten Köchen jener Zeit hospitieren. Es fallen Namen wie Paul Bocuse, Joel Robuchon, Frédy Girardet und Eckart Witzigmann.

Es ist der Anfang einer unglaublichen Erfolgsgeschichte. Nur fünf Jahre später erfüllt sich ihr Versprechen. Das "Léa Linster" holt sich seinen ersten Stern, den es seitdem nicht mehr verloren hat. Und auch beim berühmten Kochwettbewerb "Bocuse d‘Or" schreibt sie Geschichte. Als erste und bis heute weltweit einzige Frau gewinnt sie den Oskar der Kochkunst.

Kein Wunder, dass die Namensliste hochrangiger Gäste, die bei ihr gespeist haben, lang ist: Gekocht hat sie für Lady Di, den spanischen König Felipe, Ex-Bundeskanzlerin Angela Merkel, den US-Rapper Snoop Dogg und Luxemburgs großherzogliche Familie. Auch Alfred Biolek und Schauspieler Michael Caine zählte sie zu ihren Gästen.

 

"Léa Linster"

Louis Linster steht für eine moderne französische Küche mit Elementen aus aller Welt.

www.lealinster.lu


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