Mit Anne Frank lachen und weinen

Hetzerath. Ein ergreifendes Plädoyer für Toleranz und Menschlichkeit: Im Rahmen der 950-Jahr-Feierlichkeiten von Hetzerath hat die Theatergruppe des Ortes „Das Tagebuch der Anne Frank“ aufgeführt. 1300 Menschen haben die stets ausverkauften Vorstellungen gesehen.

Zwei Jahre intensive Probenarbeit liegen hinter der Schauspieltruppe um Ottmar Hauprich.  Was der Regisseur mit seinen Darstellern, Kulissenbauern und Technikern auf die Bühne gebracht hat,  ist ein beeindruckendes und intensives Theatererlebnis. Durch die Verknüpfung mit der Wanderausstellung des Berliner Anne Frank Zentrums sowie Vorträgen und Filmvorführungen im Hetzerather Bürgerhaus, ist daraus ein groß angelegtes Gesamtprojekt  gegen das Vergessen der Naziverbrechen geworden. Wenn auch der zentrale Kern das Leben der Anne Frank ist, das 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen ausgelöscht wurde, ist das Projekt thematisch äußerst aktuell. „Wir sagen Nein zu allen Arten von Verletzungen menschlicher Würde. Wir möchten Verantwortung übernehmen für die Bildung einer globalen Gemeinschaft in Gleichheit aller Menschen mit Toleranz für die Vielfalt“, erklärt Ottmar Hauprich.

Auch in Hetzerath gab es jüdische NS-Opfer

Mit seiner Inszenierung von „Das Tagebuch der Anne Frank“, einem Stück der Autoren Frances Goodrich und Albert Hackett in der Neufassung von Wendy Kesselmann, muss es gelungen sein, alle Skeptiker, die an der Stückauswahl gezweifelt hatten, zu überzeugen.  Die fünf ausverkauften Vorstellungen mit 1300 Zuschauern und stehenden Ovationen haben Hauprich Recht gegeben. „Ich wollte etwas finden, um die ganze Dorfgeschichte zu zeigen“, erklärt er, warum er die Geschichte von Anne Frank zum Hetzerather Dorfjubiläum auf die Bühne gebracht hat. Denn auch in Hetzerath gab es eine jüdische Familie, die Opfer der Nationalsozialisten wurde.  

Glaubhaft und nah

In der Vorbereitung hat sich Hauprich intensiv mit den acht Menschen auseinander gesetzt, die sich in einem Hinterhaus in Amsterdam zwei Jahre lang versteckt hielten, um der Deportation zu entgehen, letztlich aber den Hitlerschergen nicht entkamen. Um ihr Schicksal nachzuvollziehen und ihnen nahe zu sein, hat er die Konzentrationslager aufgesucht, in denen sie ermordet wurden. Der Inszenierung gelingt es, diese Nähe zu den Figuren auf das Publikum zu übertragen. Während der zweieinhalbstündigen Aufführung wird im Zuschauerraum mit den Eingesperrten geweint und gelacht. Zu diesem inneren Schulterschluss trägt die in jeder Rolle gelungene Besetzung bei - allen voran Katharina Tibo-Stemper als Anne Frank, die trotz ihrer 33 Jahre die 13-jährige Jugendliche glaubhaft verkörpert.

Dramatik, Komik, Spannung

Die Inszenierung fesselt mit einer Mischung aus Dramatik, Situationskomik, Spannung und sogar einer Liebesgeschichte zwischen Anne und Peter (Kevin Zimmer), dem Sohn des Ehepaars van Daan, mit dem sich Familie Frank das enge Versteck teilt. So wie die Entwicklung der Beziehung von Anne und Peter sind auch die Konflikte, die sich zwischen den Personen abzeichnen, gut herausgearbeitet – der Mutter-Tochter-Konflikt, die Rivalität der beiden Mütter und die Zwistigkeiten des Ehepaars van Daan (großartig: Daniela Minnebeck und Daniel Zimmer). Gelungen ist auch die  Darstellung der Persönlichkeit von Otto Frank (Dieter Briesch), Annes Vater, der als ruhender Pol immer bemüht ist, die sich verschärfende Situation unter den acht Personen auszugleichen. Welche Herausforderung ihre Situation für die Charaktere darstellt, wird durch dramaturgische Kniffe deutlich nachvollziehbar: wiederkehrende Szenen wie das Tischdecken oder das zu Bett gehen transportieren die Langeweile und das ewige Warten. Die einzige Verbindung nach draußen ist ein Radio. Einspieler von Originalaufnahmen aus den Kriegsjahren (Technik: Stefan Schneider, Oliver Thommes, Matthias Hauprich, Andreas Berg)  schaffen Authentizität und Nähe zu den historischen Geschehnissen.  

Aufführung begeistert Zuschauer

Dass es kein Happy End geben wird, ist jedem klar. Trotzdem kommen Witze vor, die man der Inszenierung aber nicht übel nehmen kann, spiegeln sie doch die Wirklichkeit. Liegt es doch nah, dass es in der langen Zeit, in der die acht Menschen zusammengelebt haben, auch komische Situationen gab.

Das Stück endet tragisch. Gerade hat mit der erlösenden Nachricht, dass die Alliierten nicht mehr weit sind, Hoffnung die Verzweiflung abgelöst, als die SS das Versteck aufspürt. Emotional gelingt der Aufführung hier der Höhepunkt. Am Ende bleibt tiefe Betroffenheit.    

Hauprich ist stolz auf das Resultat der harten Arbeit, die seine Schauspieler aufgebracht haben, um das schwierige Stück auf die Beine zu stellen: „Diese Leute haben große Klasse bewiesen“, lobt er. Das Publikum dankt es im Stehen mit lang anhaltendem Applaus und zahllosen persönlichen Glückwünschen.

 Sybille Schönhofen

 

 

 

 

 

 

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