Zwischen Humor, Haltung und Verletzlichkeit: Tan Caglar über Comedy, Grenzen und Depression
Humor darf viel – aber nicht alles. Der Comedian Tan Caglar spricht über die Frage, wer über wen Witze machen darf, warum Betroffenheit keine automatische Narrenfreiheit bedeutet und wie der Weg in den Rollstuhl ihn in eine schwere Depression führte. Offen erzählt er im Interview mit unserer Tandem-Redaktion, wo für ihn Grenzen verlaufen – auf der Bühne wie im Leben.
Das Interview führten: Nico Lautwein, Robert Syska (WochenSpiegel) und Martina Faßbender (TACHELES)
Text: Julia Borsch
WochenSpiegel/Tacheles: Die Frage, wer über wen lachen oder Witze machen darf, wird kontrovers diskutiert. Wo hört für dich der Spaß auf?
Tan Caglar: Grundsätzlich darf man Künstlern Humor nicht verbieten. Jeder darf erst einmal über alles sprechen. Problematisch wird es dort, wo ich als Zuschauer spüre: Da spricht jemand über etwas, wovon er keine Ahnung hat, oder macht sich über Menschen lustig statt über Situationen. Sobald es ein Opfer gibt, das sich nicht wehren kann, wird es heikel. Dann ist es für mich nicht mehr lustig.
WochenSpiegel/Tacheles: Darfst du als Rollstuhlfahrer mehr als andere Comedians?
Tan Caglar: Nein. Nur weil ich betroffen bin, habe ich nicht automatisch das Recht, darüber Witze zu machen. Die größte Kunst ist, dem Publikum das Gefühl zu geben: Ihr dürft darüber lachen – und zwar ohne schlechtes Gewissen. Dass ich selbst im Rollstuhl sitze, hilft manchmal, Hemmungen abzubauen. Aber entscheidend ist immer die Haltung hinter dem Witz.
WochenSpiegel/Tacheles: Hat sich dein eigener Umgang mit Humor verändert? Gibt es vielleicht Witze, die du heute nicht mehr bringen würdest?
Tan Caglar: Ja. Am Anfang dachte ich, ich müsse immer stark sein und dürfe keinen Tiefstatus spielen, also keine Witze auf eigene Kosten machen. Mir wurde sogar gesagt, das würde sonst in Mitleid kippen. Diese Angst ist schnell verschwunden. Ich habe gemerkt: Wenn ich nicht über mich selbst lachen kann, kann ich das auch von anderen nicht erwarten.
WochenSpiegel/Tacheles: Comedy soll Menschen zusammenbringen. Achtest du deshalb besonders darauf, dass deine Auftrittsorte barrierefrei sind?
Tan Caglar: Ja, auf jeden Fall. Ich bekomme oft Nachrichten von Menschen mit Behinderung, die keinen Platz mehr bekommen, weil es meist nur sehr wenige Rollstuhlplätze gibt. Das ist besonders bitter, wenn man zu einem Comedian im Rollstuhl möchte und selbst nicht reinkommt.
Oft liegt das an alten Theaterbauten und an Veranstaltern, die nur eingeschränkte Lösungen anbieten. Rollstuhlfahrer werden dann an den Rand gesetzt oder von ihren Begleitpersonen getrennt, was sich ausgrenzend anfühlt. Dabei ließen sich Plätze viel besser im Publikum verteilen. Es hat sich zwar etwas getan, aber im Vergleich zu anderen Ländern besteht noch großer Nachholbedarf – auch rechtlich und politisch.
WochenSpiegel/Tacheles: Du sitzt seit du 25 Jahre alt bist im Rollstuhl und sprichst offen über Depressionen. Wie hat sich das angefühlt?
Tan Caglar: Ich habe vier, fünf Jahre unter schweren Depressionen gelitten. Ich habe mich komplett zurückgezogen, Gesellschaft gemieden, Panik bekommen. Nichts hat mehr Spaß gemacht, alles wirkte grau. Ein Alarmsignal war der Moment, in dem ich angefangen habe zu verstehen, warum Menschen nicht mehr leben wollen. Da wusste ich: Jetzt muss etwas passieren.
WochenSpiegel/Tacheles: Woran merkt man, dass es mehr ist als eine schlechte Phase?
Tan Caglar: Wenn dieser Zustand Wochen anhält. Wenn du morgens aufwachst und dich fragst, wie du den Tag überstehen sollst. Schlafen war für mich das Beste, weil ich dann nicht denken musste. Abends war ich völlig erschöpft, obwohl ich nichts gemacht hatte.
WochenSpiegel/Tacheles: Was hat dir geholfen, da wieder herauszukommen?
Tan Caglar: Meine Eltern und Rollstuhlbasketball. Der Sport hat mir Struktur, Anerkennung und Selbstwert zurückgegeben. Du denkst, alles ist vorbei – und plötzlich stehst du wieder vor Menschen, wirst gefeiert. Comedy kam erst später, als ich mit mir selbst im Reinen war.
Humor, sagt Caglar, könne verbinden – wenn er aus einer ehrlichen Haltung heraus entsteht. Die Grenzen seien selten klar definiert, aber spürbar. „Wenn wir gemeinsam lachen können, ohne jemanden zu verletzen, dann funktioniert Comedy so, wie sie gedacht ist.“
Infokasten/Hintergrund:
Der deutsch-türkische Comedian Tan Caglar wurde mit Spina bifida, einer angeborenen Rückenmarkserkrankung, geboren. Er entwickelte früh eine Leidenschaft für Basketball und spielte mit 18 Jahren in der regionalen Oberliga bei Eintracht Hildesheim.
Mit 25 Jahren kam er in den Rollstuhl, zog sich aufgrund von Depressionen zwei Jahre aus dem öffentlichen Leben zurück und fand 2009 über den Rollstuhlbasketball zurück zum Sport.
Er spielte sechs Jahre als Profi bei Hannover United, später bei den Baskets 96 Rahden, und gehörte zum erweiterten Kader der deutschen Nationalmannschaft.
Seit 2012 setzt sich Tan Caglar für Inklusion ein, moderiert Veranstaltungen und ist Keynote Speaker. Er arbeitete als Model und nahm 2016 als erstes Model im Rollstuhl an der Berliner Fashion Week teil.
Ab 2017 machte sich der Comedian mit eigenen Stand-up-Programmen einen Namen und erhielt 2018 den Publikumspreis des Stuttgarter Besens.
Seit 2021 ist Tan Caglar als Schauspieler in ARD-Produktionen zu sehen, darunter als erster Arzt im Rollstuhl bei „In aller Freundschaft“ sowie in mehreren Tatort-Folgen. Zudem ist er Podcast-Host und moderiert seit Mai 2023 die Doku-Reihe „Selbstbestimmt“.

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