Robert Syska

Solwodi: Beratungsbedarf wegen Gewalterfahrungen steigt

Boppard. Die Frauenrechtsorganisation Solwodi hat im vergangenen Jahr einen zunehmenden Bedarf an Beratung und Betreuung von Frauen verzeichnet, die Opfer von Gewalt geworden sind.

Insgesamt 2096 Frauen suchten im vergangenen Jahr die Hilfe der Solwodi-Fachberatungsstellen. Das entspricht einen Anstieg um 9,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Dieser Anstieg an Kontaktaufnahmen zeige, dass dringender politischer Handlungsbedarf herrscht, so die Hilfsorganisation. Spürbar sei aber auch, dass durch die Corona Lockerungen im letzten Jahr wieder mehr Frauen die Möglichkeit offenstand, sich Hilfe zu suchen oder mit anderen auszutauschen.
Dabei gab es bei den Herkunftsländern der Klientinnen zum Vorjahr kaum Veränderungen – die meisten Frauen kamen aus Nigeria (194 Erstkontakte), die oft betroffen von Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Aus-beutung waren. Ebenfalls ist ein leichter Anstieg von Frauen aus anderen westafrikanischen Ländern wie etwa Ghana erkennbar. Auch aus osteuropäischen Herkunfts-ländern, wie etwa Rumänien (127 Erstkontakte) und Bulgarien (106 Erstkontakte) stammen viele Frauen, die SOLWODI kontaktierten. Nach wie vor ist die Zahl aus Deutschland (163 Erstkontakte) hoch, weil andere Anlaufstellen oft nur einge-schränkt zugänglich waren. Die Machtübernahme durch die islamistische Taliban in Afghanistan führte darüber hinaus zu einem Anstieg von Erstkontakten (96 Erstkontakte) aus diesem Land.
In den letzten Jahren alarmierend angestiegen sind die Kontaktaufnahmen von Frauen bezüglich Zwangsheiraten und der sogenannten "Ehrgewalt". 2021 wurden Solwodi insgesamt 107 drohende Zwangsheiraten (2020 gesamt: 97) und 81 erfolgte Zwangsheiraten (2020 gesamt: 30) gemeldet. Dabei schwingt immer die Angst vor potenziellen Konsequenzen, beispielsweise Opfer eines Femizids zu werden, mit. 2021 kam es zu insgesamt 112 Kontaktaufnahmen durch Klientinnen wegen einer "Ehrenmordbedrohung" aus ihrem direkten Umfeld (2020 gesamt: 74 Fälle). Diese "Ehrgewalt" basiert auf der Idee, dass die "Ehre" der Familie vom Handeln der Frau abhängig ist. Sobald die Frau nicht mehr den patriarchalen Ansichten entspricht, hat sie die Familie entehrt. In der Regel ist die "Ehrgewalt" keine Tat einer Einzelperson, vielmehr ist das weitere Umfeld wie Cousins, Onkel, Brüder usw. involviert. Problematisch ist auch, dass viele Femizide als Suizid oder Unfall getarnt werden beziehungsweise von den Medien gar nicht benannt, sondern als "Familiendrama" bezeichnet werden. Daran anknüpfend steigen die Fälle häuslicher Gewalt an. Die Solwodi-Sozialarbeiterinnen wurden 2021 insgesamt 455-mal wegen Gewalt in der Ehe und Beziehungen (2020 gesamt: 404) kontaktiert sowie 256-mal wegen Gewalt und Bedrohung durch die Familie (2020 gesamt: 193). "Neben Schulschließungen, finanziellen Problemen, beengten Wohnverhältnissen belasten allgemeine Sorgen und Ängste in Bezug auf COVID-19 die Familien weiterhin und führen zu einer Eskalation der Gewalt.", so Dr. Decker. Neben Vergewaltigungen, Misshandlungen und anderen Eheproblemen (Sorgerecht, Vaterschaftsanerkennung) wurden auch Minderjährige zu Opfern von Vergewaltigungen. Solwodi fordert, um Frauen in Not effektiv helfen zu können, eine höhere Förderung der Fachberatungsstellen und einen Ausbau der Kapazitäten in Schutzeinrichtungen. Dies betrachtet Solwodi als notwendigen und überfälligen Schritt, denn qualifizierte Hilfe sowie eine ressourcenorientierte und kultursensible Beratung sind notwendig, um gemeinsam mit den Frauen neue Perspektiven zu entwickeln.