Stephanie Baumann

"Es geht um mehr als schöne Häuser"

Bernkastel-Wittlich. Leerstände, demografischer Wandel und neue Wohnbedürfnisse stellen viele Dörfer vor große Herausforderungen. Mit dem Projekt »Starke Kerne – Starke Region« will der Landkreis Bernkastel-Wittlich nun gezielt gegensteuern.

Jennifer Heimann koordiniert die Initiative »Starke Kerne – Starke Region«.  Kontakt: Tel. 06571 / 14-2158.

Jennifer Heimann koordiniert die Initiative »Starke Kerne – Starke Region«. Kontakt: Tel. 06571 / 14-2158.

Bild: Mike Winter, Kreisverwaltung

Ziel ist es, Ortskerne langfristig zu stärken und die Dörfer als lebenswerte Wohn- und Begegnungsorte weiterzuentwickeln. Gefördert wird das Vorhaben von 2026 bis 2028 im Rahmen des Bundesprogramms »RegioStrat – Strategische Regionalentwicklung« mit rund 405.000 Euro. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Ortskerne besser genutzt und weiterentwickelt werden können. Dazu sollen u.a. Leerstände, Baulücken und Entwicklungspotenziale erfasst sowie Gemeinden und Eigentümer unterstützt werden.
Das Projekt setzt auf eine enge Zusammenarbeit von Kommunen, Verwaltung und Bürgerschaft. Projektleiterin Jennifer Heimann koordiniert das Vorhaben bei der Kreisverwaltung.

Im Interview mit unserer Zeitung spricht sie über die Herausforderungen vieler Dörfer, Chancen der Innenentwicklung und die Frage, wie Ortskerne wieder attraktiver werden können.

Wochenspiegel: Viele Dörfer kämpfen mit Leerständen, wegziehenden jungen Menschen und immer weniger Leben im Ortskern. Wo sehen Sie derzeit die größten Herausforderungen für die Ortsgemeinden im Landkreis Bernkastel-Wittlich? 
Jennifer Heimann: "Die größte Herausforderung ist, dass viele Entwicklungen gleichzeitig wirken: Leerstände, Sanierungsstau, demografischer Wandel und rückläufige Angebote im Ortskern. Viele Gemeinden haben gute Ideen, allerdings fehlen oft Zeit, Daten, Förderwissen oder konkrete Umsetzungshilfen. Genau hier setzt das Projekt an."

Das Projekt setzt bewusst auf die Nutzung bestehender Gebäude statt auf immer neue Baugebiete am Ortsrand. Wie kann diese Innenentwicklung konkret funktionieren – und welche Vorteile bringt sie Bürgern und Gemeinden?
"Innenentwicklung bedeutet: zuerst schauen, welche Potenziale im Ort bereits vorhanden sind. Also leerstehende Häuser, ungenutzte Scheunen, Baulücken oder mindergenutzte Flächen. Wenn diese wieder genutzt werden, bleiben Ortskerne lebendig, Infrastruktur wird besser ausgelastet und neue Flächen am Ortsrand müssen nicht erschlossen werden. Das spart Kosten, schützt die umliegende Landschaft und stärkt gleichzeitig das Dorf als Lebensmittelpunkt."

Viele Eigentümer scheuen Sanierungen wegen hoher Kosten oder bürokratischer Hürden. Wie wollen Sie Menschen dazu motivieren, leerstehende Häuser wieder zu nutzen oder umzubauen?
"Wir wollen informieren, beraten und gute Beispiele sichtbar machen. Viele Menschen wissen gar nicht, welche Fördermöglichkeiten es gibt oder an wen sie sich wenden können. Deshalb arbeiten wir aktuell unter anderem an verständlichen Informationen zur Dorferneuerung, an einer Übersicht passender Förderprogramme sowie an der Aufbereitung gelungener Beispiele. Wichtig ist uns, den Menschen statt abstrakten Konzepten konkrete Hilfestellungen an die Hand zu geben."

Welche Rolle spielen Themen wie bezahlbarer Wohnraum, altersgerechtes Wohnen oder barrierefreie Angebote bei der Zukunft der Ortskerne?
"Eine sehr große Rolle. Unsere Dörfer brauchen Wohnangebote für unterschiedliche Lebensphasen: für junge Menschen, Familien, Singles und ältere Menschen. Gerade barrierefreie oder altersgerechte Wohnungen im Ortskern können dazu beitragen, dass Menschen länger in ihrem vertrauten Umfeld bleiben. Gleichzeitig können dadurch größere Häuser für neue Nutzungen frei werden."

Viele junge Familien entscheiden sich noch immer eher für ein Neubaugebiet am Ortsrand. Was muss passieren, damit das Wohnen im Ortskern wieder attraktiver wird? "Das Wohnen im Ortskern muss wieder als Chance wahrgenommen werden. Dafür braucht es gute Beispiele, verlässliche Beratung, realistische Fördermöglichkeiten und auch etwas Mut zur Veränderung. Wenn ein altes Haus modern, energieeffizient und familienfreundlich umgebaut werden kann, ist das oft eine sehr attraktive Alternative zum Neubau. Gleichzeitig müssen Ortskerne Aufenthaltsqualität, kurze Wege und eine gute Nachbarschaft bieten."

Das Projekt setzt stark auf Beteiligung. Wie wollen Sie Bürgerinnen und Bürger konkret dazu bewegen, sich aktiv in die Entwicklung ihres Dorfes einzubringen? Gibt es bereits erste Ideen oder geplante Maßnahmen?
"Beteiligung funktioniert dann gut, wenn sie konkret ist. Wir wollen nicht nur allgemein über Innenentwicklung sprechen, sondern mit den Menschen vor Ort auf konkrete Gebäude, Flächen und Ideen schauen. Geplant sind unter anderem Testgemeinden für ein Innenentwicklungskataster, Informationsangebote, die Präsentation guter Beispiele sowie Formate, bei denen Bürger, Eigentümer und Kommunen miteinander ins Gespräch kommen. Ziel ist es letzten Endes, den Beteiligten Mittel an die Hand zu geben, um die Entwicklung ihres Dorfes aktiv zu beeinflussen."

Wo erwarten Sie die größten Schwierigkeiten– eher bei Finanzierung, Bürokratie, fehlenden Investoren oder bei der Bereitschaft der Eigentümer mitzumachen?
"Wahrscheinlich ist es die Mischung aus allem. Sanierungen sind teuer, Förderprogramme wirken oft kompliziert, und Eigentumsverhältnisse sind manchmal schwierig. Entscheidend wird sein, Vertrauen aufzubauen und deutlich zu machen: Niemand soll zu etwas gedrängt werden. Aber wer etwas bewegen möchte, soll künftig leichter Orientierung und Unterstützung finden."

Gibt es Orte oder Beispiele – vielleicht auch außerhalb des Landkreises –, die für Sie zeigen, wie gelungene Ortsentwicklung funktionieren kann?
"Ja, es gibt viele gute Beispiele, sowohl innerhalb als auch außerhalb des Landkreises. In Bernkastel-Wittlich gibt es bereits einige gelungene Projekte, welche die Ortsentwicklung positiv beeinflussen. Diese werden zukünftig aufbereitet und veröffentlicht, um sowohl Orientierung als auch Anstoß für weitere Projekte zu geben. Auf strategischer Ebene sind besonders Regionen interessant, die systematisch mit Innenentwicklungskatastern, Eigentümeransprache und guten Beratungsstrukturen arbeiten. Für uns ist wichtig, solche Ansätze nicht einfach zu kopieren, sondern auf die Situation im Landkreis Bernkastel-Wittlich zu übertragen. Unsere Orte sind sehr unterschiedlich – Mosel, Eifel und Hunsrück brauchen jeweils passende Lösungen. "

Was reizt Sie persönlich an der Aufgabe, die Entwicklung der Dörfer im Landkreis mitzugestalten? Und was macht für Sie einen lebendigen Ortskern aus?
"Mich reizt, dass es hier um die Zukunft unserer Heimat geht. Ein lebendiger Ortskern ist für mich mehr als ein paar schöne Häuser. Er ist ein Ort, an dem Menschen wohnen, sich begegnen, einkaufen, arbeiten, feiern und Verantwortung füreinander übernehmen. Wenn es gelingt, solche Orte zu stärken, hat das einen echten Mehrwert für die ganze Region."

Wenn Sie einige Jahre in die Zukunft blicken: Woran würden Sie erkennen, dass das Projekt erfolgreich war? Wie sollen die Dörfer im Landkreis Bernkastel-Wittlich dann idealerweise aussehen?
"Erfolgreich wäre das Projekt, wenn Innenentwicklung in den Gemeinden selbstverständlich mitgedacht wird. Wenn Leerstände wieder genutzt werden, junge Familien und ältere Menschen passende Wohnangebote finden und Ortskerne wieder stärker als Mittelpunkt des Dorflebens wahrgenommen werden. Ideal wäre, wenn unsere Dörfer ihre Identität bewahren und sich gleichzeitig weiterentwickeln."

Interview: Stephanie Baumann

 

Info: Jennifer Heimann, Projektleiterin für Ortsinnenentwicklung bei der Kreisverwaltung Bernkastel-Wittlich, 06571 14-2158, Jennifer.Heimann@bernkastel-wittlich.de.

Zusatzinfo: starke-kerne.bernkastel-wittlich.de