Eine Wanderkerze für die Opfer der Flut
Es sind Bilder, die sich ins Gedächtnis eingebrannt haben. Hilferufe von Nachbarn, denen man nicht helfen konnte. Gescheiterte Rettungsversuche. Geräusche und Gerüche, die noch heute präsent sind.
Die Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 hat tiefe Spuren hinterlassen – in den Menschen, in den Orten, in der ganzen Region.
Im Ratssaal der Stadt Schleiden versammelten sich kürzlich Angehörige der Flutopfer, Einsatzkräfte, Helfer und Vertreter der Kirchen, um gemeinsam innezuhalten und zu gedenken. Im Mittelpunkt stand die Wanderkerze des TEAM GEDENKEN – einer Initiative, die sich unmittelbar nach der Flutkatastrophe in Swisttal-Odendorf rund um Klaus Jansen gegründet hat.
Auf der Kerze stehen Namen – soweit bekannt die Namen der deutschen Flutopfer. Menschen, die Pläne hatten, Träume, Familien. Menschen, die in jener Nacht aus dem Leben gerissen wurden. »Wir wollen, dass es keine anonymen Namen sind. Das sind Menschen mit Geschichten, mit Hoffnungen, mit Angehörigen«, sagt Klaus Jansen, der die Kerze gemeinsam mit HaJo Meier aus Bedburg und Udo Kraatz aus Barweiler nach Schleiden gebracht hat.
Meier ist Notfallsanitäter, war Ersthelfer im Ahrtal und stellt die Gedenkherzen her. Kraatz ist Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr Barweiler und verlor in jener Nacht seine Tochter im gemeinsamen Einsatz. Schleidens Bürgermeister Ingo Pfennings wies auf die Besonderheit hin: »HaJo Meier produziert die Gedenkkerzen, mit denen wir aus Nummern Menschen machen.«
Die Kerze hat bereits einen weiten Weg hinter sich. Nach ihrer Weihe am Totensonntag reiste sie entlang der Ahr durch Rheinland-Pfalz. Zudem war das TEAM GEDENKEN im Oktober 2025 mit der Ausstellung »Eine Katastrophe im Herzen von Europa« im Europaparlament in Brüssel zu Gast – ein Auftritt, der politische Entscheider unmittelbar mit dem konfrontierte, was in jener Nacht wirklich passiert war.
»In die Gesichter von Politikern zu schauen, die plötzlich mitkriegen, was los war – das war beeindruckend und notwendig«, sagt Jansen. »Eine Katastrophe im Herzen von Europa – und keiner hat das so richtig realisiert.«
Nun macht die Kerze bis zum 9. Juni im Schleidener Rathaus Station, bevor sie nach Rheinbach weiterzieht.
»Wir fangen in Schleiden an, weil diese Region in den überregionalen Medien mit dem, was sie erlebt hat, nicht so richtig existiert«, sagt Jansen. »Vielleicht bekommen wir noch mal ein bisschen berechtigte Aufmerksamkeit hin.«
»Niemand hat erahnen können, was passieren wird«, erinnerte Bürgermeister Ingo Pfennings eindringlich an jenen 14. Juli, der für viele wie ein normaler Sommertag begonnen hatte. Der Regen fiel, die Pegel stiegen – zunächst schienen Keller in Gefahr, dann ging es um Leben. In immer schnellerer Folge liefen Einsätze in Oberhausen, Schleiden, Olef, Nierfeld und Gemünd an. »Das volle Ausmaß der Katastrophe war selbst für diejenigen, die die Nacht im Krisenstab verbracht haben, erst bei Anbruch des Tages realisierbar«, sagte Pfennings. Allein im Stadtgebiet Schleiden kostete das Hochwasser neun Menschen das Leben. In Deutschland waren es insgesamt über 180, in Belgien über 40.
Der evangelische Pfarrer Oliver Joswig war in jener Nacht selbst unterwegs – mit seinem Sohn, auf dem Weg zur Mutter nach Odendorf, die Wasser im Keller hatte. Was er dabei durch Schleiden und Gemünd sah, hat ihn bis heute nicht losgelassen. »Wenn ich die Bilder heute sehe, denke ich: Da hätte man niemals mehr langfahren dürfen. Aber wir sind einfach durchgefahren.« Das Haus seiner Eltern sollte er erst Tage später erreichen, da der Ort gesperrt war - Der Damm der Steinbachtalsperre drohte zu brechen. Den ersten Blick ins verwaiste Haus vergisst Joswig nie mehr - ein gedeckter Frühstückstisch, Kaffee noch in den Tassen, niemand da. »Wie in einem schwedischen Krimi.« Joswig betonte auch, wie viel Kraft aus dem Zusammenhalt nach der Flut entstanden sei, aus den Freundschaften, die in der Not geknüpft wurden.
Sein katholischer Amtskollege Thomas Schlütter fand schlichte, aber bewegende Worte für die Bedeutung der Wanderkerze: »Das Licht soll wandern, von Ort zu Ort, als Zeichen des Trostes – und den Menschen zeigen: Wir sind nicht alleine.«
Klaus Jansen blickte zum Abschluss auf die Kerze, die mehr als 20 Stationen hinter sich hat und noch viele vor sich. Sie wird weiterreisen – nach Rheinbach, nach Swisttal, nach Bad Münstereifel, wo sie zum fünften Jahrestag ankommen wird. »Ich wünsche der Kerze eine gute Reise«, sagte Jansen.
Bis Dienstag, 9. Juni, ist sie noch im Schleidener Rathaus zu sehen.

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