Frederik Scholl

»Ich hatte diese Art von Unsichtbarkeit perfektioniert«

Weilerswist. »Das ‚ich liebe dich‘ Experiment« ist Titel des ersten Buches der Weilerswister Autorin Tanja Wodok. Doch anders als der Titel vermuten lässt, geht es nicht um Liebe im eigentlichen Sinn, sondern um Einsamkeit, Ängste und Auswege.
Die Weilerswisterin Tanja Wodok hat ihr erstes Buch »Das ‚ich liebe dich‘ Experiment veröffentlicht.

Die Weilerswisterin Tanja Wodok hat ihr erstes Buch »Das ‚ich liebe dich‘ Experiment veröffentlicht.

Bild: Scholl

Tanja Wodok war viele Jahre lang als Promi-Reporterin beim Fernsehsender RTL tätig, sie stand auf roten Teppichen, reiste zu Filmfestspielen, Modewochen und Interviewterminen. Dann kam die Corona-Pandemie – und wenig später die Flut. Beides veränderte das leben der Weilerswisterin, wie es das Leben vieler Menschen veränderte, und nicht zum Guten.

»Mit Corona fing es an«, erinnert sich die Journalistin im Gespräch mit dem Wochenspiegel. Das Homeoffice habe den Alltag verändert, der Kontakt zu Kollegen sei abrupt abgebrochen. »Ich war das Großraumbüro gewohnt, jeden Tag Menschen, Trubel, Präsenz«. Doch dann saß sie plötzlich allein im Homeoffice. »Anfangs war das ungewohnt, später fand ich es zunehmend angenehm«, , erinnert sich Wodok.

Dann die nächste Zäsur.Die Flutkatastrophe stellte ihr Leben vollends auf den Kopf. Mehr als zwei Jahre musste die Familie in einer Übergangswohnung leben. »Ich habe mich dort sicher gefühlt. Die Wohnung wurde zu meiner Festung – aber irgendwann wurde sie zum Gefängnis.«

Tanja Wodok zog sich immer mehr zurück. Begegnungen mit Menschen , egal ob auf der Straße oder im Privaten wurden zur Belastung. »Ich ging nur noch mit gesenktem Kopf an anderen Menschen vorbei«, erzählt Wodok. Telefonate blieben unbeantwortet, Treffen mit Freunden und Bekannten fielen schwer. »Vor allem für meinen Mann war das schwer. Er ist ein sehr geselliger Mensch. Aber ich wollte nicht, dass mich jemand sieht«, sagt sie. Dass Außenstehende diesen Rückzug oft missverstanden, sei schmerzhaft gewesen. »Die dachten bestimmt, ich sei arrogant oder komisch. In Wahrheit hatte ich Angst.«

Diese Angst »tarnte« sie als Talent. So beschreibt sie es in ihrem Buch: »‘Ich habe ein Talent, ein ganz besonderes sogar. Ich kann unsichtbar sein, nicht im wörtlichen Sinne natürlich, aber ich kann in einem Raum verschwinden, ohne aufzufallen. Ich kann in einem Geschäft ein und ausgehen, ohne dass mich jemand sieht. Keine Blicke, keine Gespräche, keine Verbindung‘. Also dieses Unsichtbar sein, das habe ich gefühlt perfektioniert«, schreibt die Autorin.

Der langsame Weg zurück ins Leben

Tatsächlich litt sie an einer Posttraumatischen Belastungsstörung und Sozialphobie.

Unterstützt durch eine Therapie und eine Reha begann sie einen langsamen Weg zurück. Der entscheidende Impuls kam spätabends, als sie im Bett nach »Raus aus der Einsamkeit« googelte. »Ich bin auf den Begriff der Spiegelneuronen gestoßen. davon spricht man beispielsweise wenn man Babys anlacht, und die sofort zurücklachen. Und ich hatte plötzlich den Gedanken, Menschen einfach etwas Positives zu senden.«

Tanja Wodok begann, Menschen auf der Straße anzusehen und innerlich zu sagen: »Ich liebe dich«. Nicht laut, nicht sichtbar – nur gedacht. »Es war absurd und witzig, aber es hat etwas verändert. Ich hatte ein Schmunzeln im Gesicht, die Leute reagierten anders.« Die ersten Versuche waren körperlich anstrengend und kosteten Unmengen an Überwindung, Rückschläge blieben nicht aus. Aber es war ein Anfang.

Was als persönliche Übung begann, wurde zum Tagebuch. Sie notierte ihre Begegnungen, ihre Fortschritte, auch die schwierigen Momente an 100 Tagen. Daraus entstand ihr Buch »Das ‚ich liebe dich‘ Experiment – 100 Tage Mut«. »Es ist kein Ratgeber, sondern ein persönlicher Erfahrungsbericht, ein Tagebuch. Ich will niemandem sagen, wie es geht. Aber vielleicht erkennt sich jemand darin wieder. Vielleicht kann das Buch so jemandem helfen«, sagt Tanja Wodok und lächelt dabei.

Heute nimmt sie wieder Blickkontakt auf. Sie wird gegrüßt, spricht mit Nachbarn, erlebt Verbundenheit. »Mit geht es inzwischen wieder richtig gut. Ich war sehr einsam, aber heute weiß ich, dass ich nicht allein war«, sagt sie.

Erschienen ist »Das ‚ich liebe dich‘ Experiment – 100 Tage Mut – Mein Weg raus aus Angst, Einsamkeit und Sozialphobie« von Tanja Wodok im Books-on-demand-Verlag«. (14,90 Euro), ISBN-13: 9783769314175.

Infos: www.tanjawodok.de