Claudia Neumann

Welttag der Suizidprävention: Warum Hinschauen und Ansprechen wichtig sind

Trier/Region. Mehr als 10.000 Menschen sterben in Deutschland jedes Jahr durch Suizid. Die TelefonSeelsorge ermutigt dazu, Warnsignale ernst zu nehmen und Gespräche zu suchen.

Symbolfoto

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Bild: Archiv

Mehr als 10.000 Menschen sterben in Deutschland jedes Jahr durch Suizid – mehr als durch Verkehrsunfälle, Gewalttaten und illegale Drogen zusammen. Hinzu kommen weit über 100.000 Suizidversuche. Zum Welttag der Suizidprävention am 10. September macht die TelefonSeelsorge darauf aufmerksam, wie wichtig es ist, Warnsignale wahrzunehmen, schwierige Themen anzusprechen und Betroffenen zuzuhören.

Seit 2003 macht der Welttag der Suizidprävention jährlich auf die hohe Zahl der Betroffenen und auf Möglichkeiten der Prävention aufmerksam. Organisationen und Initiativen setzen an diesem Tag mit Veranstaltungen, Aktionen und Gedenkmomenten ein Zeichen für das Leben und die Solidarität mit Betroffenen, Angehörigen und Hinterbliebenen.

Anlässlich des diesjährigen Welttags hat das Nationale Suizidpräventionsprogramm die bundesweite Kampagne „Deine Geschichte ist nicht zu Ende“ initiiert. Sie will Menschen in suizidalen Krisen und deren Angehörige erreichen, Hilfsangebote bekannter machen und dazu ermutigen, schwierige Themen anzusprechen. Zugleich stellt sie Multiplikatoren Materialien zur Verfügung, mit denen sie zur Aufklärung und Enttabuisierung beitragen können.

„Man kann durch das bloße Ansprechen nicht wirklich etwas falsch machen“

Dass Suizid in der Gesellschaft offener thematisiert wird als noch vor einigen Jahren, beobachtet auch Ulrich Monzel, Leiter der ökumenischen TelefonSeelsorge Saar. „Zum Glück wird das Thema psychische Gesundheit immer mehr in der breiten Gesellschaft aufgegriffen und weniger zum Tabu gemacht“, sagt er. Dies gelte teilweise auch für Suizid. Dennoch finde das Thema „noch viel zu oft im Dunkelfeld statt“.

Viele Menschen scheuten sich, eine mögliche Suizidgefährdung direkt anzusprechen – auch aus Sorge, den anderen dadurch erst auf den Gedanken zu bringen. Mit diesem Mythos müsse man aufräumen, betont Monzel: „Man kann durch das bloße Ansprechen nicht wirklich etwas falsch machen. Im Gegenteil, meist ist es für Betroffene eher entlastend.“

Wer das Gespräch suche, signalisiere: „Ich reiche die Hand und biete ein offenes Ohr. Mir bedeuten mein Gegenüber und sein Leben etwas.“

Ein solches Gespräch könne auch Gedanken wie „Mich vermisst ohnehin niemand“ oder „Ich möchte niemandem zur Last fallen“ infrage stellen. Zugleich dürften Angehörige und Freunde nicht das Gefühl entwickeln, allein für das Leben des betroffenen Menschen verantwortlich zu sein. „Es ist richtig, das Thema anzusprechen“, unterstreicht Monzel. „Wenn ein Suizid dann trotz allem stattfindet, ist man aber nicht mitschuldig, weil man denkt, man hätte noch mehr tun müssen.“

Prävention beginnt lange vor einer akuten Krise

Prävention beginne lange vor einer akuten suizidalen Krise. Meist gebe es eine Vorgeschichte und die Betroffenen seien bis zuletzt von Ambivalenz geprägt. Deshalb sei es wichtig, Veränderungen wahrzunehmen, Sorgen offen anzusprechen und Unterstützung anzubieten.

Eine besondere Bedeutung komme tragfähigen Beziehungen und Gemeinschaften zu, erklärt Monzel. Familie, Freunde, Nachbarschaften oder Kirchengemeinden könnten vermitteln: „Du würdest vermisst. Du bist nicht so allein, wie es sich für dich gerade anfühlt.“

Einen geschützten Raum für solche Gespräche bietet unter anderem die TelefonSeelsorge. Sie ist anonym, kostenfrei und rund um die Uhr erreichbar. Ratsuchende begegnen dort einem Menschen, der sich Zeit nimmt, ihnen wertfrei zuhört und keine Gegenleistung erwartet, sagt Monzel. „Allein das ist ein immenser Wert, den wir allzu oft unterschätzen. Das ist für mich gelebte Seelsorge.“

Gerade für Menschen, die unter Einsamkeit leiden oder trotz medizinischer und psychosozialer Versorgung ein Gespräch auf Augenhöhe vermissen, könne das Angebot wichtig sein: „Die Gespräche können ein Anker sein, der einem Halt im Sturm gibt.“

Als hilfreich erlebt Monzel zudem die Vernetzung der TelefonSeelsorge mit Lebensberatungsstellen, Kirchen sowie Landes- und Kreisbehörden im Saarland. So könnten Ratsuchende gezielt weitervermittelt und vorhandene Kräfte gebündelt werden.

Sorge bereite ihm jedoch der Mangel an ambulanten Therapieplätzen: „Oft ist völlig klar, welche Hilfe eine Person bräuchte, sie ist dann aber nicht wie benötigt verfügbar. Dieser Zustand verschärft sich unserer Wahrnehmung nach zunehmend.“

Kampagne informiert über Hilfsangebote

Die Kampagne „Deine Geschichte ist nicht zu Ende“ wurde gemeinsam mit der Arbeitsgruppe Medien des Nationalen Suizidpräventionsprogramms und Studierenden der Medienkommunikation an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg entwickelt. Sie umfasst Plakate sowie Beiträge und Bausteine für soziale Medien, Podcasts, Radio und Printmedien.

Redaktionen, Beratungsstellen, Kommunen, kirchliche und soziale Einrichtungen, Vereine und weitere Interessierte können die Materialien kostenfrei herunterladen und für eigene Aktivitäten nutzen.

Weitere Informationen und kostenlose Materialien gibt es auf der Website der Kampagne „Deine Geschichte ist nicht zu Ende“.

TelefonSeelsorge rund um die Uhr erreichbar

Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr kostenfrei unter 0800 1110111 und 0800 1110222 erreichbar. Eine anonyme Beratung per Mail und Chat bietet sie über die Online-Beratung der TelefonSeelsorge an.

Bei unmittelbarer Lebensgefahr ist der Notruf 112 zu wählen.