Jutta Kruft

Gefangen im eigenen Körper und dennoch die Zukunft vor Augen

Wie der Münstermaifelder Jan Böhm sein schweres Schicksal meistert.

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Nur einmal die Freundin in den Arm nehmen, nur einmal dem Hund über den Kopf streicheln, sich hinunterbeugen und ihm sagen: "Du bist mein bester Freund." Für einen 28-Jährigen sind Jan Böhms Wünsche durchaus bescheiden, doch für ihn selbst bleiben sie unerreichbar. Denn Jan ist ab der Halswirbelsäule querschnittsgelähmt und auf die Hilfe anderer angewiesen. Als Landwirt im Nebenjob hatte sich der Münstermaifelder im Mai 2021 bei der Arbeit eine schwere Infektion zugezogen und war wenige Wochen später ins Koma gefallen. Als er wieder aufwachte, war das Rückenmark zerstört, Jan gelähmt. Ein Schicksal, gegen das er sich in seiner Patientenverfügung ausdrücklich ausgesprochen hatte.

Bin froh, dass ich lebe

"Heute bin ich froh, dass ich lebe", sagt er junge Mann, der seine schwere Behinderung erstaunlich gefasst angenommen hat. "Für meine Freundin und meine Familie war es schwerer zu ertragen als für mich", erinnert sich Jan im Gespräch. Er selbst habe sehr früh gespürt, dass die Lähmung bleiben wird - nur über das Ausmaß sei er sich nicht im Klaren gewesen. "Anfangs hieß es noch, dass vielleicht die Arme beweglich bleiben könnten", erzählt er, aber dann habe sich auch diese Hoffnung zerschlagen. Heute ist Jan von der Halswirbelsäule abwärts gelähmt und gehört zu den Tetraplegikern. Selbst die Atmung funktioniert nur über eine Maschine. Mehrmals täglich muss der Schleim aus der Lunge gesaugt werden. Während unseres Gesprächs übernimmt das Freundin Tabea (24). "Das ist wichtig, damit er keine Lungenentzündung bekommt", erläutert die gelernte Gesundheits- und Krankenpflegerin, die täglich ihren Lebensgefährten in der Wohngruppe für Beatmungspflichtige in Andernach besucht. Hund Nero ist immer dabei. "Neben der Landwirtschaft waren Hunde meine zweite Leidenschaft", sagt Jan, der sich nichts sehnlicher wünscht, als wieder nach Münstermaifeld in sein Zuhause zurückzukehren. Zu den Nachbarn, zu den Freunden, in seine gewohnte Umgebung - das ist für ihn ganz wichtig. Damit er dieses Ziel erreicht, hat er auf seinem Facebook-Account einen Aufruf gestartet. Ein mindestens fünfeinhalbköpfiges Team aus examinierten Alten- oder Krankenpflegern mit "Fachweiterbildung zur außenklinischen Intensivkrankenpflege" ist nötig, damit er die Wohngruppe verlassen und zu Hause versorgt werden kann. "Wir sind optimistisch, dass es klappt", freuen sich Jan und Tabea nach dem enormen Zuspruch. Wer Interesse hat, kann sich melden unter: pneumocor-pflege.de

Landwirtschaft war seine Leidenschaft. Doch sie sollte ihm zum Verhängnis werden. Jan Böhm (28) ist nach einer Infektion durch Rattenkot querschnittsgelähmt und auf fremde Hilfe angewiesen. Zur Zeit wohnt er in einer betreuten Wohngruppe in Andernach. Sein größter Wunsch: wieder in sein Haus nach Münstermaifeld zurückzukehren.

Seine Geschichte ist dramatisch und irreversibel: Als Papiertechnologe im Qualitätsmanagement ist Jan hauptberuflich bei der Mayener Firma WEIG beschäftigt, arbeitet aber weiterhin nebenberuflich als gelernter Landwirt noch auf einem Bauernhof. Dort versorgt er eigene Kühe. »Ich bin mit Leib und Seele Züchter«, bekennt er seine große Leidenschaft. »Bei der Ernte der Grassilage habe ich mich wahrscheinlich infiziert«, vermutet er und rechnet die Inkubationszeit von vier bis sches Wochen zurück. Im Urlaub in Holland habe es ihn dann mit hohem Fieber schlimm erwischt. Zu Hause angekommen, habe auch bereits die Lähmung an den Füßen begonnen, schließlich habe er sich kaum noch bewegen können.

Seine Freundin Tabea bringt ihn in die Notaufnahme des Bundeswehrzentralkrankenhauses nach Koblenz. Dort sucht man angestrengt wochenlang nach dem seltenen Keim. Schließlich steht es fest: Jan ist am sogenannten Rattenbiss-Fieber erkrankt, eine bakterielle Infektion mit Streptobazillen, die auch durch den Kot der Nager übertragen werden kann.

Trotz der nun auf den Erreger abgestimmten Therapie wird Jans Zustand immer drastischer, er fällt ins Koma, muss reanimiert werden. Sein Körper hat auf die Infektion mit einer heftigen Blutvergiftung reagiert, auch haben sich Stammhirn und Hinhaut entzündet. Es kommt zu Einblutungen ins Rückenmark, das nahezu vollständig zerstört wird. Ein zusätzlicher multiresistenter Keim in der Lunge erschwert die Behandlung. Mittlerweile befindet er sich im Universitätsklinikum in Bonn. Noch gibt es Hoffnung, dass die Lähmung auf Jans Beine beschränkt bleiben könnte.

Als er das dritte Mal reanimiert werden muss, befindet er sich in der Spezialklinik für Querschnittslähmung in Bochum. Dort erklären ihm die Ärzte, dass er seine Arme und Beine nie wieder bewegen, nicht mehr eigenständig atmen kann, nie wieder essen und trinken wird. »Ich bin gefangen in meinem eigenen Körper«, beschreibt der 28-Jährige seine Situation und fügt hinzu: »Erst jetzt begreife ich, wie wertvoll das Leben ist. Was früher selbstverständlich war, begreife ich heute als Geschenk.«

Seine Freundin nicht mehr in die Arme nehmen zu können, ihr Trost und Kraft in dieser schweren Zeit zu geben, sei ganz besonders schlimm. »Und trotzdem halten wir zusammen«, sagt er dankbar.

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 Zuhause wartet auf Jan eine Menge Arbeit. Sein Haus hat er vor drei Jahren zwar behindertengerecht ausgebaut, sodass sich ein Rollstuhlfahrer problemlos darin bewegen könnte, aber, so muss sich Jan nun eingestehen: »Für einen Querschnittsgelähmten reicht’s leider nicht.« Duschen beispielsweise ist für ihn aufgrund der fehlenden Körperspannung nur liegend möglich. Deshalb müssten Einrichtungen wie etwa das Badezimmer oder die Türen entsprechend angepasst werden. Auch die Transportmöglichkeit mit dem Auto muss neu überdacht werden. »Entweder muss ich ein größeres kaufen oder das vorhandene umbauen lassen«, wägt Jan die beiden Möglichkeiten ab. »Da bräuchte ich tatsächlich einen Fachmann oder einen Tüftler mit Ideen«, sagt er. »Hilfe jeder Art ist willkommen.« Wer ihm mit Rat und Tat zur Seite stehen möchte, kann über seine Mailadresse Kontakt aufnehmen: jan-boehm@hotmail.de