Andreas Bender

Filmfestspiele: Besucherrekord ist wahrscheinlich und Neffe von Mick Jagger in Simmern

Simmern. Die Heimat Europa Filmfestspiele haben die Halbzeit-Marke überschritten, und bereits jetzt lässt sich absehen, dass das Simmerner Filmfestival in seiner achten Auflage erneut auf einen Besucherrekord zusteuern.

"Lass uns ins Kino gehen und ein bisschen träumen." Den Satz, den Django Reinhardt in dem bewegenden Film über seine von Angst und Flucht erfüllte Zeit in den dramatischen Kriegsjahren zwischen 1943 und 1945 zu seiner Frau sagt, passte. Das Nazi-Regime beraubte den begnadeten Musiker nicht nur seiner Lebenslust, seiner Unbeschwertheit und Freiheit als Künstler, sondern versuchte auch noch, ihn für die perfide Propaganda des menschenverachtenden Systems einzuspannen und ihm den Rest seiner Würde zu nehmen. Die als einer der einflussreichsten Gitarristen geltende Ikone des Gypsy-Swing überlebte am Ende – und hatte in der Filmszene von „Django – Ein Leben für die Musik“ eigentlich nur eine kleine Auszeit von der Verfolgung, von Demütigung und immerwährendem Auf-der-Hut-sein gesucht.

Auch wenn es nicht um Leib und Leben geht – die Auszeit bietet das Kino nach wie vor. Und immer mehr Zuschauer nutzen das Eintauchen in die Welt des Films während der Heimat Europa Filmfestspiele in Simmern. Die Halbzeitbilanz nach einer Woche Festival könnte positiver kaum ausfallen: Voll besetze Kinosäle, ein sehr gut besuchter Fruchtmarkt während der Open-Air-Filmabende mit Konzerten lassen eine erneute Rekordbesucherzahl erwarten. „Wir liegen nach einer Woche schon deutlich besser als im vergangenen Jahr“, freut sich Wolfgang Stemann vom Pro-Winzkino. Und auch Stadtbürgermeister Andreas Nikolay registrierte das noch einmal gestiegene Zuschauerinteresse. „Es ist toll, wie sich die Filmfestspiele entwickelt haben. Wenn ich mir den vollen Fruchtmarkt anschaue, dann zeigt es mir, dass wir auf dem richtigen Weg sind und die Entscheidung des Stadtrats, die Filmfestspiele bis einschließlich 2029 mit einem hohen Betrag zu bezuschussen, seinerzeit goldrichtig war“, sagte Nikolay.

Richtig voll war es am Freitag beim Film „Der große Gatsby“. Bestens eingestimmt durch die Band Profile, die mit ihrer musikalischen Zeitreise von den Goldenen Zwanzigern bis in die aktuelle Zeit einen weiten Bogen spannte und bewies, dass die Menschen bei von treibenden Rhythmen betonter Musik schon immer in Bewegung zu versetzen waren. Und so tanzten die Kinogäste vor der großen Leinwand ausgelassen zu den Grooves dieser erstklassigen Liveband, die mit hochkarätigen Musikern besetzt war und für klasse Stimmung vor dem Film sorgte. Im Anschluss ging die Party dann weiter im Ava Arthouse, wo sich einige Nachtschwärmer versammelten und teilweise in stilechtem Charleston-Outfit den lauen Sommerabend genossen.

Am Samstag brannten dann nach der Matinee mit dem „Django“-Film zwei Weltklasse-Musiker mit Gypsy-Swing und Flamenco ein wahres Gitarrenfeuerwerk ab. Mike und Lulo Reinhardt warfen sich spontan die Bälle zu, stachelten einander unaufhörlich zu solistischen Höchstleistungen an. Und Lulo hatte sogar noch einen Gast aus dem Dunstkreis der Rolling Stones mit nach Simmern gebracht. Jon Jagger, ein Neffe von Stones-Sänger Mick, lieferte als Einlage eine Swing-Version von „Honky Tonk Women“. Musiker und Publikum genossen sichtlich den lockeren Spaß. Um den geht es schließlich auch. Entspannung, Ausgleich, vor allen Dingen aber auch inhaltlicher Anspruch jenseits vom Kino-Mainstream – so lässt sich das Programm der Heimat Europa Filmfestspiele umreißen. Offenbar hat es sich herumgesprochen, dass sich ein Besuch in Simmern lohnt, denn die Zuschauer nehmen das breit gefächerte Angebot in jedem Jahr mehr an.

Ein Höhepunkt war wie schon im vergangenen Jahr die Clown- und Zirkusshow des Tier-Erlebnisparks Bell, dessen Artisten den Kindern und ihren Begleitern am Sonntag auf dem Fruchtmarkt wieder jede Menge Spaß bereiteten. Bereits am Vormittag hatte der Besuch der Delegation aus der Simmerner Partnerstadt Roeser nicht nur für ein volles Kino gesorgt. Die Luxemburger hatten sogar einen Chor mitgebracht, der nach dem Bruch in Raum9, stimmungsvoll von der heimischen Band Jazz2You mit Jazz-Standards untermalt, einen fröhlichen Auftritt hatte. Die Gäste genossen das Simmerner Festival, wie Bürgermeister Tom Jungen versicherte, der dem Publikum seine 7000 Einwohner zählende Gemeinde im Süden von Luxemburg-Stadt kurz vorstellte. Er freue sich auf den nächsten Gegenbesuch einer Delegation aus Simmern. Dessen Stadtbürgermeister Andreas Nikolay versicherte: Roeser ist immer eine Reise wert!“

Auch in der zweiten Festspielwoche sind die Heimat Europa Filmfestspiele auf jeden Fall einen Besuch wert. Schließlich steuert man auf das große Finale mit der Verleihung der Festival-Preise zu. Die Besucher haben weiterhin die Möglichkeit ihre Stimme für den Publikumspreis abzugeben. Der „Edgar“-Wettbewerb geht in die Endphase, Juror Rainer Bock dürfte es nicht leicht fallen, aus den 13 Produktionen, die um die Trophäe um den besten modernen Heimatfilm im Programm sind, den Siegerfilm und den besten Nachwuchsstreifen auszuwählen. Vor der gleichen Aufgabe steht auch die Jugendjury, die ihre Sicht auf die Wettbewerbsfilme wirft.

Vier Preise werden also beim Finalabend am Samstag, 22. August, vergeben. Moderieren wird wieder Holger Wienpahl (SWR). Und natürlich wird das Kultursommer-Motto „Die Goldenen Zwanziger“ auch wieder musikalisch im Mittelpunkt stehen. In der „Classics“-Reihe des Festivalprogramms zweigt das Pro-Winzkino ab 10.30 Uhr „Comedian Harmonists“. Ähnlich wie Django Reinhardt geriet auch die Vokalgruppe in die Mühlen der nationalsozialisischen Rassenideologie. Unvergessen geblieben sind aber die einzigartigen Arrangements und Lieder, wie „Mein kleiner grüner Kaktus“ oder auch „Irgendwo auf der Welt“, dort wo es ein kleines bisschen Glück gibt und wo man „ein bisschen träumen“ kann – zum Beispiel im Kino.

Alle Infos: www.heimat-europa.com; www.pro-winzkino.de