Andreas Bender

Heimat Europa Filmfestspiele mit echten Menschen, echten Geschichten, echten Gefühlen

Simmern. Es war eine rundum gelungene Eröffnung der achten Auflage des Simmerner Festivals: "Liebevoll" lautete das Wort, mit dem die Heimat Europa Filmfestspiele mehrmals am Eröffnungsabend tituliert wurden.

Ein Teil des Teams der Filmfestspiele mit dem Kulturminister des Landes Rheinland-Pfalz, Sven Teuber (3.v.l.), Eva Trobisch (Regisseurin des Eröffnunsgfilms, 4.v.r.) und Moderator Holger Winpahl (r.) bei der Eröffnung.

Ein Teil des Teams der Filmfestspiele mit dem Kulturminister des Landes Rheinland-Pfalz, Sven Teuber (3.v.l.), Eva Trobisch (Regisseurin des Eröffnunsgfilms, 4.v.r.) und Moderator Holger Winpahl (r.) bei der Eröffnung.

Bild: Andreas Bender

Moderator Holger Winpahl (SWR) verwendete den Begriff am Freitagabend als Begründung, was dieses Festival auch in seiner achten Auflage besonders macht. Dazu passte auch der Titel des Eröffnungsfilms „Etwas Ganz Besonderes“ von Eva Trobisch, die an diesem Abend nach Simmern gekommen war. Mit ihrem neuen Film, der auf der Berlinale Premiere feierte, liefert die Regisseurin einen der 13 Beiträge, die in diesem Jahr um den Titel des besten modernen Heimatfilms wetteifern. Und so befand Wienpahl dann auch folgerichtig: „Von der Berlinale nach Simmern, das kann sich schon sehen lassen!“ Er selbst habe den Begriff „Heimat“ einmal so definiert: „Heimat ist ein Ort, „wo man sich nicht erklären muss, das hat ganz viel mit Menschen zu tun.“

Es gehe um echte Menschen, echte Gefühle, echte Geschichten, die das Kino zu bieten habe. „Und ich finde es schön, dass das Kino noch da ist – und bleibt“, sagte Wienpahl, anspielend auf die immer mehr um sich greifende Künstliche Intelligenz (KI). Ein Wortspiel gestattete sich der Moderator in dem Zusammenhang: In dem Namen des Simmerner Lichtspielhauses stecke schließlich auch eine Botschaft, wenn man zwischen die letzten beiden Silben einen Bindestrich einfügen würde: Pro-WinzKI-NO. In dem Sinne – und ganz ohne KI – seien die Heimat Europa Filmfestspiele für viele Simmeraner das Highlight des Jahres. 300 Gäste waren zur Eröffnung auf den Fruchtmarkt gekommen.

Dem pflichtete der Stadtbürgermeister sofort bei: „Die Filmfestspiele sind der Jahreshöhepunkt“, betonte Andreas Nikolay. Und auch einer, der mit der Veranstaltung jede Menge Arbeit verbindet, widersprach auf der Fruchtmarktbühne keinesfalls: „Es ist deswegen auch für uns als Kinobetreiber der Höhepunkt des Jahres, weil sich in den zwei Wochen Kino verdichtet, das Festival ist das i-Tüpfelchen unseres Schaffens“, sagte Wolfgang Stemann im Namen des Pro-Winzkinos, das zusammen mit der Stadt Simmern die Festspiele veranstaltet. Nikolay betonte die besondere Nähe zwischen Künstlern und Publikum, die in Simmern gegeben sei. Dass das Ganze in der Form realisiert werden könne, liege vor allem auch an der „unglaublich guten Zusammenarbeit zwischen Stadt und Kino. „Über Jahrzehnte hinweg war es nie eine Frage, dass dieses Kino zum kulturellen Angebot wie selbstverständlich dazugehört. Man muss es nicht erklären, man versteht.“ Noch bis einschließlich 2029 gelte der Beschluss des Stadtrats über die finanzielle Förderung der Heimat Europa Filmfestspiele.

Er habe vor, noch über 2029 hinaus diese Festspiele zu unterstützen, ergänzte im Anschluss der Minister für Kommunen, Bauen, Wohnen und Kultur des Landes Rheinland-Pfalz, Sven Teuber, der sich in Simmern sichtlich wohl fühlte. Man müsse dankbar sein für die Ehrenamtler, die Verantwortung übernehmen, so ein Festival auf die Beine zu stellen: „Kino ist der beste Ort, Menschen zu treffen“, sagte Teuber. „Heimat macht die Menschen aus. Aus ihrer Heimat haben sie eine Sicherheit gewonnen, und wir dürfen den Heimat-Begriff nicht denjenigen überlassen, die andere ausschließen.“ Kunst brauche Freiheit und Demokratie, sagte Teuber und bekam dafür spontanen Beifall.

Den erhielten auch die zahlreichen ehrenamtlichen Helfer, die sich jedes Jahr wieder zur Verfügung stellen und ohne die es die Filmfestspiele in der Form nicht gäbe. Melina Michel, die als Bindeglied zwischen Stadt und Kino fungiert und in den Wochen vor dem Festival nahezu auf allen organisatorischen Ebenen unverzichtbar geworden ist, dankte nicht nur den freiwilligen Helfern, sondern auch dem städtischen Bauhof für die vielen Arbeitseinsätze, die dem Eröffnungsabend stets vorausgehen. Und auf Michels Initiative hin hat sich in diesem Jahr zum zweiten Mal eine Jugendjury gebildet, die ihren Favoriten aus den 13 Wettbewerbsfilmen küren wird. Drei Mitglieder der Jugendjury waren am Freitagabend auf der Bühne. Die Schlierschiederin Lina brachte es im Gespräch mit Holger Wienpahl auf den Punkt, was den Unterschied ausmacht zwischen Kino und Streaming auf dem heimischen Sofa: „Im Kino ist alles dunkel, man kann die Außenwelt vergessen und eintauchen in die Geschichte auf der Leinwand. Das ist was ganz anderes als zu Hause.“ 13 Filme wetteifern um den „Edgar“, die Trophäe, die nach Festival-Schirmherr Edgar Reitz benannt ist. Ein-Mann-Juror Rainer Bock, der renommierte deutsche Schauspieler, kürt am Samstag, 22. August den Siegerfilm.

Inhaltlich wird eine große Vielfalt geboten, wie die Programmkommission um Kurator Janis Kuhnert betonte. Für Sandra Burmann ist dies ein Markenzeichen der Heimat Europa Filmfestspiele, bei denen es nicht nur darum gehe, gefällige Filme für Jedermann zu zeigen. Peter Huth, Pro-Winzler der ersten Stunde, freut sich neben den Wettbewerbsfilmen vor allem auf die fünf Stummfilme mit Livemusik-Begleitung: „Das sind einzigartige Momente, die in dem Moment entstehen und nicht reproduzierbar sind. Das macht für mich den Reiz aus.“ Begeistert warb Huth vor allem auch für einen besonderen Nachmittag in der Family-Reihe des Festivals, in der nicht nur die jüngsten Kinofans angesprochen werden, sondern auch deren erwachsene Begleitpersonen. Die Clown- und Zirkusshow vom Tier-Erlebnispark Bell, sei nach dem großen Erfolg 2025 am Sonntag, 16. August, zum zweiten Mal im Programm, und verspreche, erneut ein großer Spaß für die ganze Familie zu werden.

Janis Kuhnert freut sich nicht nur auf die rund 50 Filme, die während der Festspiele zu sehen sind, sondern auch auf die Begegnungen mit Regisseuren und Schauspielern. Als erste war die Regisseurin Eva Trobisch nach Simmern angereist und gab dem Publikum ihre Gedanken mit auf den Weg zu ihrem Film „Etwas Ganz Besonderes“. Sie sei auch offen dafür, wenn ihr Film nicht auf Gegenliebe stoße: „Das wäre völlig in Ordnung – einfach gehen“, empfahl sie dem Publikum bei Missfallen. Man müsse aber schon lange suchen, um Negatives in dem Film zu finden, meinte Wienpahl. Der Moderator fragte die Berlinerin, wie sie sich denn als Großstädterin in der Provinz fühle: „Können Sie hier sein, wie Sie wollen?“ Die Regisseurin antwortete: „Ich find’s herrlich hier.“ Das liege vor allem an den „liebevollen Menschen“, auf die sie in Simmern getroffen sei: „Ich finde es ziemlich toll hier.“

Zu den liebevollen Menschen gehörten am Eröffnungsabend auch die vier Musiker, die den Abend als Die Goldenen Heimat-Grammofoniker ihren eigenen Stempel aufdrückten. Getreu dem Motto des Kultursommers, „Die Goldenen Zwanziger“, hatten Wolf Dobberthin (Piano/Gesang) und Ralph „Mosch“ Himmler (Trompete/Gesang) ein Programm mit wunderbaren Melodien aus den 1920er-Jahren zusammengestellt. Belgeitet von Philipp Koelges am Schlagzeug und Matthias Müller am Kontrabass ging es quer durch die beschwingten Evergreens von Kurt Weils „Mackie Messer“ bis zu Kurt Weges „Bei dir war es immer so schön“ sowie der als Instrumentalstück auf dem Flügelhorn von Mosch Himmler wundervoll interpretierte Marlene-Dietrich-Klassiker „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“. Spätestens da wusste das Publikum auf dem Fruchtmarkt, dass dieser Eröffnungsabend „Etwas Ganz Besonderes“ war – und der Film unter diesem Titel sollte ja im Anschluss noch kommen.

Alle Info zum Programm der Filmfestspiele:

www.heimat-europa.com 

www.pro-winzkino.de