Nico Lautwein

"Schöner kann ein Abschied nicht sein" – Exklusives Interview mit Robin Garnier

Trier. Wenn ein echtes Trierer Fußballgesicht Abschied nimmt, geht es nicht nur um das Ende einer Karriere – sondern um Emotionen, Erinnerungen und ein letztes großes Ziel.

Robin Garnier, Kapitän von Eintracht Trier, spricht im exklusiven Interview mit dem WochenSpiegel über die Gründe für seinen Rücktritt, prägende Momente seiner Laufbahn und die tiefe Verbundenheit zur Eintracht und Stadt. Vor seinem letzten Spiel – dem Rheinlandpokalfinale gegen TuS Koblenz im ausverkauften Moselstadion – blickt der 31-Jährige gebürtige Trierer zurück und gleichzeitig voller Vorfreude nach vorn: auf einen Abschied, wie er kaum passender sein könnte.
Das Traditionsduell und brisante Derby findet am Samstag, 23. Mai statt. Anstoß im ausverkauften Moselstadion ist um 13:30 Uhr. Bundesweit werden die 21 Landespokal-Endspiele ausgetragen, die in einer Live-Konferenz der ARD ("Finaltag der Amateure") im Fernsehen zu sehen sind.

Interview: Nico Lautwein

Wie kam es zu der Entscheidung?

Es waren mehrere Faktoren, vor allem meine Gesundheit. Ich hatte in letzter Zeit viele Verletzungen, besonders der Bandscheibenvorfall vor zwei Jahren hat mich nachhaltig belastet. Ich habe bis heute täglich Rückenschmerzen. Ich merke einfach, dass ich diese Doppelbelastung mit dem Fußball – der immer professioneller wird mit sechs bis sieben Trainingseinheiten pro Woche plus Spiel – und meinem Beruf nicht mehr leisten kann. Ich möchte meinem Körper nicht noch mehr abverlangen, um später auch noch ein erfülltes Leben zu haben.
Ich habe dem Verein die Entscheidung vor dem ersten Training der Wintervorbereitung mitgeteilt. Mir war wichtig, mir in der Winterpause bewusst Zeit zu nehmen, um das Ganze sachlich mit meiner Familie und meiner Freundin zu entscheiden.

Wie wichtig war es dir, hier deine Karriere zu beenden?

Für mich ist die Eintracht ein ganz besonderer Verein. Ich könnte mir nichts Schöneres vorstellen, als mit dem Ausblick auf das Pokalfinale mein letztes Spiel zu haben. Für mich war klar, dass ich auf diesem Niveau nirgendwo anders mehr spielen möchte. Deshalb bin ich damals auch aus Aachen zurückgekommen – weil ich hier noch einmal eine tolle Zeit haben wollte. Und das hat auch genau so geklappt.

Was war dein persönliches Highlight in deiner Karriere?

Es gibt viele unfassbar schöne Momente. Besonders war das DFB-Pokalspiel mit Aachen vor 34.000 Zuschauern gegen Leverkusen am Tivoli – da hattest du wirklich das Gefühl, Profifußball zu spielen.
Der emotionalste und erfüllendste Moment war aber der Aufstieg mit der Eintracht im Relegationsspiel gegen die Stuttgarter Kickers, bei dem ich das Tor erzielt habe.

Welchen Stellenwert hat die Eintracht in deiner Familie?

Einen sehr großen. Seit ich klein bin, dreht sich bei uns alles um Fußball. Mein Bruder hat auch lange gespielt und musste leider wegen einer schweren Knieverletzung aufhören. Er ist mittlerweile Teammanager von der Mannschaft.
Wir wollten immer gemeinsam für die Eintracht spielen – das haben wir geschafft, und das war etwas ganz Besonderes. Mein Opa war früher auch Spieler hier. Wir sind als Kinder mit unseren Eltern und Großeltern ins Stadion gegangen und mit der Eintracht aufgewachsen.

Bleibst du der Eintracht oder dem Fußball erhalten?

Aktuell habe ich nicht das Bedürfnis, weiter aktiv Fußball zu spielen – ich glaube auch nicht, dass das passieren wird. Ich habe mit der Eintracht aber schon gesprochen, dass wir uns in der Sommerpause zusammensetzen und schauen, ob es eine andere Rolle für mich geben kann.
Zunächst werde ich aber voll in meinen Beruf einsteigen und freue mich auch darauf, nach der langen Zeit wieder freie Wochenenden zu haben.
Also sehen wir dich vielleicht in Zukunft in einer anderen Funktion beim SVE?
Ja, das kann ich mir auf jeden Fall gut vorstellen.

Letztes Spiel, Pokalfinale im Moselstadion gegen TuS Koblenz – mehr Emotion geht kaum, oder?

Ja, das ist etwas ganz Besonderes. Ich glaube, wir haben vor zehn Jahren das letzte Mal den Pokal gewonnen – da war ich auch schon dabei. Das sind tolle Erinnerungen.
Wenn man jetzt hört, dass das Stadion ausverkauft sein soll, ist die Vorfreude natürlich riesig.

Hättest du das Drehbuch für dein Karriereende so unterschrieben?

Ja, absolut. Das ist ein fantastischer Rahmen, eigentlich wie gemalt. Es ist schön, am Ende der Saison noch um einen großen Titel spielen zu können. In der Liga geht es wahrscheinlich nicht mehr um ganz so viel, deshalb ist das ein umso größerer Anreiz.
So auf dem Höhepunkt in einem ausverkauften Moselstadion aufzuhören – besser hätte ich es mir nicht schreiben können.

Wie groß ist der Wunsch, den Pokalfluch der Eintracht zu brechen?

Sehr groß. Seit ich wieder hier bin, haben wir ihn nicht gewonnen. Der Rheinlandpokal ist für den Verein extrem wichtig – auch finanziell, durch die Teilnahme am DFB-Pokal.
Wenn man sieht, dass wir aktuell der klassenhöchste Verein im Verband sind, ist es eigentlich kaum zu erklären, dass wir so lange keinen Titel geholt haben. Es ist allerhöchste Zeit, das zu ändern – und wir sind richtig heiß darauf.

Was macht für dich das Moselstadion und den Verein so besonders?

Ich habe mich bei jedem Verein, bei dem ich gespielt habe, immer voll identifiziert. Aber hier ist es noch einmal etwas anderes. Die Menschen in Trier leben diesen Verein – selbst in schwierigen Zeiten mit Abstiegen und Jahren in der Oberliga sind sie geblieben.
Es ist sehr familiär. Man kennt unglaublich viele Menschen – egal ob aus der Ostkurve, von der Gegengerade, von der Haupttribüne oder aus dem Ehrenamt. Man teilt Leid und feiert Erfolge gemeinsam. Das macht den Verein besonders.
Hier steckt auch noch viel Potenzial drin. Ich hoffe, dass es irgendwann wieder für höhere Ligen reicht.
Und die Stadt?
Egal wo ich war – die Leute konnten Trier irgendwann nicht mehr hören, weil ich so davon geschwärmt habe (lacht). Ich bin da wirklich ein Lokalpatriot. Die Liedzeile von Helmut Leiendecker „Trier gett de Haupstadt von Europa“ habe ich schon immer und überall propagiert.
Auch in unserer Mannschaft haben viele Jungs eine starke Verbindung zur Stadt. Das spüren auch Neuzugänge – die werden schnell davon angesteckt.

Wie hast du deine Zeit außerhalb der Eintracht erlebt?

Nach der Jugend bin ich nach Mainz in die U23 gewechselt – das war ein großer Schritt. Wir sind damals in die 3. Liga aufgestiegen, auch wenn ich selbst wenig gespielt habe. Ich konnte dort sehr professionellen Fußball kennenlernen, auch im Training mit den Profis unter Trainer Thomas Tuchel.
Danach war ich bei den Stuttgarter Kickers – ein Verein, der von der Größe her gut mit Trier vergleichbar ist.
Meine prägendste Zeit außerhalb von Trier hatte ich aber in Aachen. Das ist ein riesiger Traditionsverein, die ganze Stadt lebt dafür. Vor 34.000 Zuschauern zu spielen, war auf Regionalliga-Niveau schon etwas ganz Besonderes. Diese Erfahrungen haben mich auch für meine Zeit bei der Eintracht geprägt.

Was möchtest du den Fans vor dem wichtigen Spiel mit auf den Weg geben?

Wir haben alle lange auf so ein Finale gewartet – und dann auch noch zu Hause im Moselstadion. Wir sollten diesen Rahmen gemeinsam nutzen, um den Tag unvergesslich zu machen.
Wir auf dem Platz und die Fans auf den Rängen. Dass es laut wird, steht außer Frage – und dann bin ich felsenfest davon überzeugt, dass wir am Ende gemeinsam etwas Großes feiern können.

Faktencheck (Quelle: transfermarkt.de)

Jugendvereine: SV Ruwer, JSG Schweich/Issel, Eintracht Trier 05 (-2013)
Eintracht Trier (01.07.2014 bis 01.07.2017 und 05.01.2021 bis 01.07.2026): 220 Spiele, 13 Tore, 26 Vorlagen, 13.986 Minuten Einsatzzeit, 31 Gelbe Karten, 1 Gelb-Rote Karte, 1 Rote Karte
Alemannia Aachen (01.07.2018 bis 05.01.2021): 71 Spiele, 7 Tore, 9 Vorlagen, 5.634 Minuten Einsatzzeit, 14 Gelbe Karten
Stuttgarter Kickers (01.07.2017 bis 01.07.2018): 26 Spiele, 1 Tor, 1 Vorlage, 2.290 Minuten Einsatzzeit, 7 Gelbe Karten
1. FSV Mainz 05 II (01.07.2013 bis 01.07.2014): 5 Spiele, 164 Minuten Einsatzzeit

  • 322 Spiele
  • 21 Tore
  • 36 Vorlagen
  • 22.074 Minuten Einsatzzeit
  • 52 Gelbe Karten
  • 1 Gelb-Rote Karte
  • 1 Rote Karte
  •