Thomas Förster

Das vergessene Schicksal auf Gier

Die Vertreibung der Bewohner von Wollseifen ist weithin bekannt. Doch nur wenige wissen, dass auch die Familien auf der nahe gelegenen Hofstelle Gier 1946 ihre Heimat verlassen mussten. Auch wenn die letzten Bewohner verstorben sind, ließ das Schicksal ihren Nachfahren keine Ruhe, bis ihre Geschichte nun wieder sichtbar wurde.

Dreiborn (Fö). Das Schicksal von Wollseifen ist untrennbar mit der Geschichte des Nationalparks Eifel verbunden. 1946 mussten die Bewohner das Dorf verlassen, weil die belgischen Streitkräfte das Gelände als Truppenübungsplatz nutzten. Die verlassenen Häuser wurden später zu Übungszielen, das Dorf zur Wüstung. Doch was kaum jemand weiß: Nur wenige Kilometer entfernt ereilte zwei Bauernfamilien auf der abgelegenen Hofstelle »Gier« das gleiche Schicksal. Auch sie verloren ihre Heimat, auch ihre Häuser wurden zerschossen. Während Wollseifen bis heute vielen Menschen ein Begriff ist, geriet die Geschichte der Hofstelle Gier weitgehend in Vergessenheit.

Dass sich dies nun ändert, geht auf einen Anstoß von Martha Lauscher zurück. Sie regte an, sich näher mit der Geschichte der verschwundenen Hofstelle zu beschäftigen. Edgar Dartenne, dessen Urgroßvater einst auf dem Gier lebte, nahm den Faden auf und trug die Familiengeschichte zusammen. Gemeinsam mit Martina Gelhar vom Landschaftsverband Rheinland (LVR) wurde daraus eine Dokumentation, die nicht nur persönliche Erinnerungen bewahrt, sondern auch die kulturhistorische Bedeutung des Ortes deutlich macht. Das LVR benannte es auch in Hofwüstung um.

Ein Leben fernab der Zivilisation

Die Geschichte der Hofstelle beginnt 1886. Damals errichtete Karl Dartenne, der Urgroßvater von Edgar Dartenne, auf der abgelegenen Dreiborner Hochfläche ein Wohnhaus. Er bewirtschaftete das umliegende Land und schuf sich dort mit seiner Familie eine Existenz.

Einfach war das Leben auf dem Gier nicht. Die Wege waren beschwerlich, besonders im Winter, wenn Schnee und Eis die Verbindung zu den umliegenden Orten erschwerten. Strom und Telefon gab es nicht. Die Familien lebten weitgehend von dem, was die Landwirtschaft hergab. Angebaut wurden unter anderem Hafer, Gerste, Roggen und Kartoffeln. Auch Viehhaltung und Bienenzucht gehörten zum Alltag.

Später entstand in unmittelbarer Nachbarschaft ein zweiter Hof. Karls Tochter Regina hatte Anton Kupp aus Dreiborn geheiratet und ließ sich mit ihm in den 1920er-Jahren auf dem Gier nieder. Zudem befand sich in der Umgebung ein Jagdhaus eines Herrn Flaccus.

Bis die Ereignisse nach dem Zweiten Weltkrieg dem ein abruptes Ende setzten. 1946 wurde die Dreiborner Hochfläche für die militärische Nutzung beansprucht. Die Bewohner der Hofstelle Gier mussten ihre Häuser und das Land verlassen. Gerade einmal drei Wochen blieben ihnen, um ihre Habseligkeiten zusammenzupacken und Abschied zu nehmen.

Besonders bitter: Bereits zwei Tage nach dem Auszug wurden die Gebäude nach den Erinnerungen der Familie beschossen. Was Karl Dartenne 60 Jahre zuvor aufgebaut hatte, war innerhalb kürzester Zeit zerstört.

Für seine Nachkommen begann eine jahrelange Suche nach einer neuen Heimat. Zunächst fanden sie in Dreiborn Unterschlupf. Anschließend lebte die Familie fünf Jahre in Erkensruhr, ehe sie sich in Kesternich ein neues Wohnhaus errichtete.

Wie die Menschen aus Wollseifen hatten auch die Bewohner des Gier keine Möglichkeit, in ihre alte Heimat zurückzukehren. Während die Überreste des Dorfes Wollseifen heute ein sichtbares Zeugnis dieser Vertreibung sind, verschwanden die Gebäude auf dem Gier nahezu vollständig.

Erinnerung ohne Schilderwald

Auch Tobias Wiesen, Leiter der Abteilung Kommunikation des Nationalparks Eifel, beschäftigte sich mit der Geschichte der Hofwüstung. Ihm war wichtig, die Erinnerung an die früheren Bewohner wachzuhalten, ohne die Landschaft mit zusätzlichen Informationstafeln zu überfrachten.

Die Lösung ist ebenso schlicht wie wirkungsvoll: In eine Ruhebank mit Blick auf das ehemalige Hofgelände wurde eine kleine Plakette mit einem QR-Code eingelassen. Wer ihn mit dem Smartphone scannt, gelangt zum Eintrag über die »Hofwüstung Gier« im digitalen Informationssystem »KuLaDig – Kultur. Landschaft. Digital.« des LVR.

Weitere Informationen gibt es unter www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-356764