

Vossenack (Fö). Die Schlacht im Hürtgenwald gehört zu den dunkelsten Kapiteln der regionalen Geschichte. Noch Monate nach Kriegsende lagen zahlreiche gefallene Soldaten unbestattet in den Wäldern, auf Feldern und zwischen den Trümmern zerstörter Ortschaften. Ihre Bergung war lebensgefährlich, denn Minen, Granaten und andere Blindgänger machten das Gebiet zu einer tödlichen Gefahr. Mit Julius Erasmus wurde ein Mann bekannt, der sich dieser Aufgabe annahm und als »Totengräber von Vossenack« in die Geschichte einging.
Doch diese Geschichte hat auch eine andere Seite. Das wurde bei der Enthüllung des überarbeiteten Hörsteins der Liberation Route Europe vor der Kirche St. Josef deutlich. Denn die bisherige Darstellung wurde wissenschaftlich untersucht und auf Grundlage neuer Erkenntnisse korrigiert.
»Die Erinnerungskultur im Hürtgenwald steht auf dem Prüfstand«, machte Bürgermeister Stephan Cranen deutlich. Im Rahmen eines auf drei Jahre geförderten LEADER-Projekts wurde der Historiker Marc Schultheis damit beauftragt, die lokale Erinnerungskultur wissenschaftlich aufzuarbeiten und neu auszurichten.
Dabei zeigte sich, dass Erasmus seine eigene Rolle überhöht darstellte, Mitstreiter bewusst aus seiner Erzählung herausließ und auch die Zahl der von ihm geborgenen Kriegstoten deutlich höher angab, als es die historischen Erkenntnisse rechtfertigen.
Das schmälere nicht die menschliche und seelsorgerische Bedeutung seines Handelns, unterstrich Schultheis. Doch tatsächlich waren zahlreiche Vossenacker in den Nachkriegsjahren an der gefährlichen Bergung und Bestattung der Gefallenen beteiligt. Eine wichtige Rolle spielte dabei auch der damalige Pfarrer Werner Eschweiler, der die Bestattungen mitorganisierte.
1948 übernahm schließlich der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge die Arbeiten und führte sie professionell fort.
Der neue Hörstein erzählt daher nicht mehr ausschließlich die Geschichte eines einzelnen Mannes, sondern würdigt die gemeinsame Leistung vieler Menschen. Zugleich zeigt er, wie wichtig es ist, überlieferte Darstellungen kritisch zu hinterfragen.
Finanziert wurde die Überarbeitung aus dem Regionalbudget der LEADER-Region Eifel, deren Regionalmanager Nicolas Gath an der Enthüllung teilnahm. Die Geschichte ist in deutscher, niederländischer und englischer Sprache abrufbar und macht die historischen Ereignisse auch für internationale Besucher zugänglich.
Welche Bedeutung der neue Hörstein auch für den Tourismus besitzt, stellte Barbara Frohnhoff von der Rureifel Tourismus GmbH heraus. Er ist Teil des Historisch-Literarischen Wanderweges, der mit seinen sieben Themenschleifen die eindrucksvolle Natur des Hürtgenwaldes mit den Geschehnissen des Zweiten Weltkriegs verbindet.
Der rund neun Kilometer lange »Kall Trail« beginnt am Museum »Hürtgenwald 1944 und im Frieden« in Vossenack und führt am neuen Hörstein vorbei durch das Kalltal über die historische Kall-Brücke nach Schmidt-Kommerscheidt. Auch dort erinnert ein Hörstein an die Ereignisse des Krieges.
Für Axel Buch, ehemaliger Hürtgenwalder Bürgermeister und heutiger Vorsitzender der Liberation Route NRW, steht dabei die historisch korrekte Vermittlung der Ereignisse im Mittelpunkt. Insgesamt 26 Hörsteine im Rheinland zwischen Kleve und Hellenthal machen Geschichte unmittelbar an den jeweiligen Schauplätzen erlebbar.
Mit der Neufassung in Vossenack wird deutlich, dass Erinnerungskultur kein abgeschlossener Prozess ist. Neue Erkenntnisse können über Jahrzehnte gewachsene Erzählungen verändern. Dabei geht es nicht darum, die Verdienste einzelner Menschen zu schmälern, sondern Geschichte möglichst wahrheitsgetreu und umfassend darzustellen.
Weitere Infos gibt es unter www.rureifel-tourismus.de/wandern-1/themenwanderungen oder auf www.liberationroute.com



