Mario Zender

Eine Frau, die die Nächte an der Mosel kennt wie kaum eine andere

Dagmar Korn (77) inmitten »ihrer Mädchen«, wie sie die Sexarbeiterinnen selbst nennt. Seit 50 Jahren betreibt sie den »Tanjas Club«.

Video: Zender

Dagmar Korn betreibt seit 50 Jahren den »Tanjas Club« in Senheim. Die taffe 73-Jährige hat aus den fünf Jahrzehnten Nachtclubtätigkeit viel zu erzählen. 
Von Mario Zender

SENHEIM. Wer Dagmar Korn zum ersten Mal begegnet, würde kaum glauben, dass die Frau hinter der schweren Holztheke bereits 77 Jahre alt ist. Schwarzes Top, auffällige rote Haare, großflächige Tattoos auf beiden Oberarmen und ein selbstbewusstes Auftreten – sie wirkt eher wie eine Frau mitten im Leben als wie eine Rentnerin. Hinter der Theke ihres »Tanjas Clubs« in Senheim schenkt sie Getränke aus, lacht herzlich über Geschichten aus längst vergangenen Zeiten und begrüßt ihre Gäste mit einer Selbstverständlichkeit, als würde sie seit Jahrzehnten eine Dorfkneipe führen. Tatsächlich führt sie aber einen der bekanntesten Nachtclubs an der Mosel – und das seit genau 50 Jahren. Mit dem Begriff »Rotlicht- Etablissement« sollte man ihr allerdings besser nicht kommen. Dagmar Korn reagiert darauf beinahe allergisch. »Das hier ist kein Rotlicht-Etablissement«, sagt sie bestimmt. »Wir haben einen ganz normalen Club. Die Frauen mieten bei mir Zimmer, die Leute trinken etwas, unterhalten sich und haben Spaß.« Sie spricht über ihr Geschäft so sachlich, wie andere über eine Bäckerei oder Metzgerei reden. Keine künstliche Geheimniskrämerei, keine Effekthascherei, sondern eine bemerkenswerte Bodenständigkeit. Vielleicht ist genau das eines der Geheimnisse, warum sie sich seit einem halben Jahrhundert in einer Männer-Branche behauptet, in der viele kommen und ebenso schnell wieder verschwinden. Dabei sollte ihr Berufsleben ursprünglich einmal ganz anders verlaufen. Zunächst absolvierte sie erfolgreich eine Ausbildung zur Industriekauffrau, spricht fließend Englisch und Französisch und begann anschließend sogar ein Studium der Sozialpädagogik. Doch irgendwann stellte sie fest, dass dies nicht ihr Weg war. Sie brach das Studium ab und wagte den Schritt in eine Branche, die damals noch viel stärker tabuisiert war als heute. Ihren ersten Nachtclub eröffnete sie 1976 in Cochem-Sehl – ausgerechnet in unmittelbarer Nähe zum Kloster Ebernach. Lange ging das nicht gut. Vor allem aus dem Umfeld des Klosters häuften sich die Beschwerden, sodass sie sich schon bald nach einem neuen Standort umsah. »Die hohen Herrn im Kloster hatten irgendwie ein Problem mit uns«, schmunzelt Dagmar Korn. Bei ihrer Suche wurde sie Ende des Jahres 1976 zwischen Senheim und Nehren fündig. Dort stand die ehemalige Dorfschule zum Verkauf. Für Dagmar Korn begann dort das »Projekt ihres Lebens«, wie sie es selber nennt. »Wir haben das Haus gekauft und seitdem eigentlich nur renoviert«, erzählt sie und lacht. »Jeden verdienten Euro haben wir wieder in das Gebäude gesteckt.« Das hat auch dafür gesorgt, dass sie sich nicht immer jeden Wunsch erfüllen konnte. Während manche der Frauen damals mit dicken Mercedes und auffälligem Schmuck vorgefahren seien, sei sie selbst mit einem alten Renault R4 angefahren. »Ich hatte gerade einmal einen Ring am Finger. Mehr Luxus gab es damals nicht. Alles andere steckte im Haus.« Einfach war der Anfang für die Unternehmerin nicht. Vor allem eine Ausschankgenehmigung zu bekommen, entwickelte sich zu einer Geduldsprobe. Immer neue Auflagen, immer neue Forderungen der Behörden. »Manchmal dachte ich schon, dass wir die Genehmigung nie bekommen«, erinnert sich die 77-Jährige im Gespräch mit dem WochenSpiegel. Als sie sie schließlich doch in den Händen hielt, nahm der Club langsam Fahrt auf. Bald wurde gefeiert, gelacht und getanzt. Vor allem in den 1980er- und 1990er-Jahren erlebte »Tanjas Club« seine goldenen Zeiten.   Auch viele Mosel- Winzer gehörten damals zu ihren Stammgästen. »Die kamen teilweise sogar mit dem Traktor hierher und haben bis morgens gefeiert.« Geld spielte nach Angaben von Dagmar Korn damals oft keine große Rolle. An einen Gast erinnert sie sich besonders gut. Der Mann, ein Unternehmer, blieb gleich drei Tage und drei Nächte im Club, feierte mit mehreren Frauen und ließ eine Flasche Champagner nach der anderen öffnen. Als schließlich seine Ehefrau anrief und fragte, ob ihr Mann wieder bei Dagmar Korn sei, antwortete diese ganz gelassen: »Mach dir keine Sorgen. Der liegt oben und schläft seinen Rausch aus. Ich schicke ihn später nach Hause.« Auch heute muss sie bei dieser Geschichte noch herzlich lachen. Ein anderer Gast hinterließ am Ende seines mehrtägigen Aufenthalts eine Rechnung von rund 14.000 Euro. »Damals kam so etwas durchaus vor.« Die wohl verrückteste Erinnerung verbindet sie allerdings mit einem langjährigen Stammgast. Ausgerechnet an dem Tag, an dem dieser seinen Führerschein zurückerhielt, wurde auch ihre Scheidung von ihrem ersten Ehemann rechtskräftig. »Das musste gefeiert werden«, erzählt sie schmunzelnd. Gemeinsam tranken sie 19 Flaschen Sekt. »Alle Mädchen sind irgendwann umgefallen. Nur wir beide waren noch fit.« Dann lacht sie laut und fügt augenzwinkernd hinzu: »Heute ärgere ich mich nur, dass wir die 20. Flasche nicht mehr geschafft haben.« Doch die vergangenen fünf Jahrzehnte bestanden nicht nur aus rauschenden Festen. Besonders die Aids- Krise traf die Branche hart. »Damals ist das Geschäft regelrecht eingebrochen«, erinnert sich Dagmar Korn. Viele Gäste hatten Angst und blieben weg. Auch spätere wirtschaftliche Krisen, zuletzt die allgemeine Kaufzurückhaltung, seien deutlich zu spüren gewesen. »Früher saß das Geld lockerer. Heute überlegen die Menschen viel genauer, wofür sie es ausgeben.« Ob sie sich unter diesen Voraussetzungen heute noch einmal für denselben Weg entscheiden würde? Die sonst so schlagfertige Unternehmerin denkt einen Moment nach. »Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Es ist heute schwieriger geworden.« Trotz aller Veränderungen ist eines gleich geblieben: ihre Haltung gegenüber den Frauen, die bei ihr arbeiten. Sechs bis acht Frauen aus verschiedenen europäischen Ländern empfangen regelmäßig Gäste im Club. Sie kommen unter anderem aus Rumänien, Ungarn oder Deutschland und mieten ihre Zimmer stundenweise. Dagmar Korn nennt sie stets »meine Mädchen «. Wer glaubt, ihnen respektlos begegnen zu können, erlebt die resolute Clubchefin von ihrer konsequenten Seite. »Ein Mann kam einmal herein und fragte: ,Wo sind denn hier die Nutten?´«, erzählt sie. »Ich habe ihm gesagt: »Hier gibt es keine Nutten. Hier arbeiten Damen. Erst durch solche Sprüche wie deine werden Frauen zu Nutten. Danach habe ich ihn vor die Tür gesetzt.« Solche Gäste brauche sie nicht. »Meine Mädchen sollen sich hier sicher fühlen.« Sicherheitskräfte beschäftigt sie übrigens bis heute nicht. »Ich bin die Sicherheit «, sagt die 1,65 Meter große Frau selbstbewusst. Wenn Gäste zu viel getrunken haben oder »den Dicken machen«, wie sie es nennt, regelt sie die Situation selbst. Offenbar mit Erfolg. In fünf Jahrzehnten hat sie sich den Respekt ihrer Gäste erarbeitet. Eine der Frauen, die derzeit im Tanjas Club arbeitet, ist Sarah, 35 Jahre alt und aus Rumänien. Eigentlich arbeitet sie in ihrer Heimat in einem Altenheim. Weil der Verdienst dort aber nicht ausreicht, kommt sie regelmäßig nach Deutschland. Ihre inzwischen erwachsene Tochter, ihr Ehemann und ihre Familie wissen von ihrer Tätigkeit. Einen Teil ihres Einkommens schickt sie nach Rumänien, unter anderem für ihren Vater, der sich einer wichtigen Operation unterziehen muss. Ob ihr die Arbeit gefalle? »Wenn es mir keinen Spaß machen würde, würde ich sie nicht machen«, sagt sie. Manchmal verlieben sich Gäste sogar in die 35-Jährige – fast wie im Hollywood- Streifen »Pretty Woman«. »Das kommt schon ab und an vor«, erzählt die 35-jährige Sarah mit einem Lächeln. Club-Chefin Dagmar Korn selbst wurde im Laufe der Jahre ebenfalls immer wieder gefragt, ob sie nicht auch gewisse »Dienstleistungen « anbiete. »Ich sage den Männern dann immer: ,Schätzchen, lass das. Ich mache nur den Getränkeservice.‘ « Ein Gast bot ihr nach eigenen Angaben sogar einmal 2.000 Euro, wenn sie mit ihm auf ein Zimmer gehen würde. Sie lehnte lachend ab. »Nein, das war nie mein Geschäft. « Natürlich hat die Zeit auch an ihr Spuren hinterlassen. Die Schulter schmerzt, die Knie machen Probleme und eine neue Herzklappe trägt sie ebenfalls bereits. Doch wer mit ihr spricht, vergisst schnell ihr Alter. Sie ist schlagfertig, humorvoll, geistig hellwach und erzählt mit einer besonderen Offenheit. Ihre Tattoos, ihre Kleidung und ihre roten Haare machen schnell deutlich, dass sie so gar nicht in das Bild einer typischen 77-Jährigen passt. Mehrfach hätten Betreiber großer Clubs aus Frankfurt versucht den Club zu übernehmen. Für Dagmar Korn kam das nie infrage. »Ich habe immer alles alleine gemacht – und ordentlich. Ich wollte nie mit irgendwelchen Clubbetreibern aus Frankfurt zusammenarbeiten. « Darauf ist die 77-Jährige bis heute stolz. Eigentlich müsste sie längst nicht mehr arbeiten. »Ich habe für mein Alter vorgesorgt«, sagt sie. Trotzdem steht sie fast jeden Tag hinter ihrer Theke. Nicht, weil sie muss, sondern weil sie es will. Sie schaut durch den Gastraum ihres Clubs, in dem seit einem halben Jahrhundert unzählige Geschichten geschrieben wurden. Geschichten von Liebe und Einsamkeit, von überschäumender Lebensfreude und großen Krisen, von Bauarbeitern, Winzern, Stammgästen und kuriosen Begegnungen. Doch bald soll Schluss sein. Dagmar Korn will den »Tanjas Club« nun verkaufen und kürzer treten. Obwohl es ihr schwer fällt. Für die 77-jährige Unternehmerin ist der »Tanjas Club« mehr als nur ein Arbeitsplatz oder ein normales Unternehmen. Er ist ihr Lebenswerk. Und wer ihr zuhört, merkt schnell: Nicht das Rotlicht steht im Mittelpunkt ihrer Erzählungen, sondern die Menschen. Vielleicht ist genau das vermutlich der Grund, warum sie auch nach 50 Jahren noch immer mit einem Lächeln hinter der Theke steht. »Ich müsste das alles nicht mehr machen«, sagt sie zum Abschied schmunzelnd. »Aber solange es mir Spaß macht, geht die Party weiter.«