Mario Zender

Er fasste 2.000 Verbrecher: Werner Mauss, der deutsche „James Bond“

Vor 50 Jahren erschütterte einer der spektakulärsten Kunstdiebstähle der deutschen Nachkriegsgeschichte Köln: Drei Männer drangen in die Schatzkammer des Kölner Doms ein und verschwanden mit Gold, Diamanten, Smaragden und Saphiren von unschätzbarem Wert. Bei der Jagd nach Tätern und Beute spielte ein Cochem-Zeller eine entscheidende Rolle, dessen Leben selbst Stoff für mehrere Krimis liefert: Werner Mauss. Der Hunsrücker wurde vom kleinen Privatermittler zu einem der bekanntesten deutschen Geheimagenten  – und erreichte mit seinen Einsätzen bei den westlichen Sicherheitsbehörden höchste Anerkennung und wirtschaftlichen Erfolg.

Von Mario Zender

COCHEM/KÖLN. Wenn Werner Mauss von seinen Einsätzen erzählt, klingt vieles wie das Drehbuch eines Agententhrillers: RAF-Terroristen auf griechischen Inseln jagen, gestohlene Kunstschätze aufspüren, Verbrecherbanden unterwandern, Geiseln aus der Gewalt von Guerilleros befreien oder verschwundene Giftfässer finden und damit die größte Umweltkatastrophe der Welt verhindern. Die Atlantikküste wäre für Jahrhunderte vergiftet gewesen. Doch die Karriere des Mannes, der später unter dem Kürzel »M« bekannt werden sollte, begann ausgesprochen unspektakulär. 1963 eröffnete Mauss in Essen ein kleines Detektivbüro. Zu seinen Aufträgen gehörte damals auch, im Auftrag misstrauischer Ehefrauen untreuen Männern hinterherzuspionieren. Niemand konnte ahnen, dass aus dem unscheinbaren Privatermittler einmal ein international eingesetzter Agent werden würde. Sein eigentlicher Beruf: Landwirt. Ein früher Wirtschaftsfall brachte Mauss den Durchbruch. Ein Mitarbeiter hatte seinem Arbeitgeber ein Patent gestohlen und an ein Unternehmen in Österreich verkauft. Mauss sollte den Diebstahl beweisen. Nach vier Wochen war der Fall gelöst. Das Honorar: mehrere hunderttausend Mark. Fast noch wertvoller war die Mundpropaganda. Der Firmenchef empfahl den Ermittler weiter – und plötzlich bekam Mauss immer größere Industrieaufträge. Auch privat veränderte sich sein Leben. Der frühere Leiter der Kriminalpolizei Mülheim-Ruhr Meissner schulte Mauss mit einer Gruppe von Kriminalbeamten bzw. Lehrern der Polizeischule von 1962 bis 1965 in Vorbereitung für ein Pilotprojekt der Landeskriminalämter, um Mauss als Undercover Agent in kriminelle Organisationen einzuschleusen. Das Pilotprojekt wurde auch von den deutschen Versicherungsverbänden unterstützt. Bereits im ersten Jahr wurden 14 kriminelle Organisationen von Mauss unter Führung deutscher Sicherheitsbehörden und Staatsanwaltschaften unterwandert. Im Jahr 1967 gelang es einer Gruppe, die Mauss in eine Festnahme gesteuert hatte, seinen Wohnsitz zu identifizieren. Mauss musste fluchtartig seine Wohnung in Essen verlassen. Über das Landeskriminalamt in Koblenz wurde ihm ein Konkursobjekt im Hunsrück angeboten. Dort kaufte er einen Rohbau mit rund 40.000 Quadratmetern Grundstück und baute es umfassend aus. Von seinem Hunsrücker Anwesen aus steuerte Mauss schließlich Einsätze in aller Welt. Einer seiner bekanntesten Fälle begann in der Nacht zum 2. November 1975. Drei Männer drangen in die Schatzkammer des Kölner Doms ein. Obwohl diese bereits alarmgesichert war, gelang einem der Täter der Einstieg durch einen schmalen Lüftungsschacht. Seine Komplizen standen draußen Schmiere. Die Männer erbeuteten 15 wertvolle Kunstobjekte aus Gold und Edelsteinen im Wert von mehreren Millionen Mark. Die Polizei setzte monatelang eine 50-köpfige Sonderkommission ein, ohne Erfolg. Ende Februar 1976 wurde Werner Mauss in die Fahndung eingeschaltet und als Undercover- Agent vom BKA unter seinem Code »111« an die Kölner Kripo ausgeliehen. Bei der Auswertung der Akten stieß er auf drei Verdächtige: Tunjic, Dalavale und Ljubomir E.. Letzterer hatte sich nach Belgrad abgesetzt und Teile des Schatzes dort versteckt, wie von Mauss festgestellt. Monstranzen soll er sogar in einer Bratpfanne eingeschmolzen und das Edelmetall als Zahngold verkauft haben. Unterstützt von Interpol Rom gelang es Mauss, Kontakte in die Triester Unterwelt zu erlangen. Mit einer Legende war es ihm möglich, an die Verdächtigen Tunjic und Dalavale heranzukommen. Die beiden hielten ihn für einen international tätigen Kriminellen – und prahlten bei einem Treffen in Genua damit, die »besten Einbrecher Europas« zu sein und den Kölner Domschatz gestohlen zu haben. Dabei verrieten sie Täterwissen: Einer von ihnen sei durch einen Lüftungsschacht in die Schatzkammer gelangt und habe sich dort anderthalb Stunden versteckt, nachdem plötzlich jemand an die Tür geklopft hatte. Die Erklärung dafür war kurios: Der Küster hatte durch das Schlüsselloch eine Gestalt mit einem Lichtstrahl am Kopf gesehen – offenbar den Einbrecher mit seiner Grubenlampe. Er hielt die Erscheinung jedoch für den »Allerhöchsten «, ging zum Hauptaltar und entschuldigte sich sogar für sein Klopfen. Die Polizei alarmierte er nicht. Diese Informationen wurden dann vom Leiter der Kriminalpolizei nach neuen Recherchen bestätigt. Nun wusste der Undercover- Agent, dass er tatsächlich die Domschatzräuber vor sich hatte. Schließlich brachte er den Verdächtigen E. dazu, ihm die verbliebenen Juwelen, Diamanten und Smaragde zum Hehlerpreis zu verkaufen. Anschließend lockte er Tunjic und Dalavale in Lugano in eine Falle: Die beiden sollten den vermeintlich angekauften Schatz in einem präparierten Auto nach Schweden schmuggeln. In der Schweiz wurden sie kontrolliert, der Schatz entdeckt und die Männer festgenommen. Nur der Verdächtige E. fehlte noch. Nach mehreren Telefonaten ließ auch er sich zu einem Treffen überreden. In Mailand versteckte er sich zunächst in einer U-Bahn-Station hinter einem Kiosk. Der Undercover-Agent lockte ihn schließlich heraus – außerhalb der Station klickten die Handschellen. Am Ende konnten die Täter gefasst und der größte Teil des geraubten Domschatzes sichergestellt werden. Die drei Verbrecher glaubten damals, mit Gold, Diamanten, Smaragden und jahrhundertealten Kostbarkeiten verschwinden zu können. Sie hatten allerdings nicht mit »M« gerechnet. Wie begeistert der Kölner Polizeipräsident von Mauss war, ist in einem Empfehlungsschreiben an das Bundeskriminalamt zu entnehmen. Mit Datum vom 20. Juli 1976 schrieb er in dem internen Brief »Nur für den Dienstgebrauch« (liegt dem WochenSpiegel vor): »Ich kann den weiteren Einsatz in schwierigen Fällen, in denen unsere konventionellen Mittel nicht ausreichen, nur empfehlen«. Der Fall machte den verdeckt arbeitenden Ermittler endgültig zu einer festen Größe im deutschen Sicherheitsapparat. In späteren Darstellungen seiner Laufbahn wird die Rückführung des gestohlenen Kölner Domschatzes ausdrücklich als einer seiner großen Erfolge genannt. Der Raub des Kölner Domschatzes vor mehr als 50 Jahren gehört zu diesen Fällen. Nur kurze Zeit später wartete bereits der nächste spektakuläre Auftrag. 1976 erhielt Mauss nach eigener Darstellung vom Bundeskriminalamt und dem Bayerischen Landeskriminalamt den Auftrag, nach dem RAF-Terroristen Rolf Pohle, Waffenbeschaffer für den Drenkmann-Mord (Präsident des Kammergerichts Berlin) zu suchen. Pohle hielt sich nach Aussage eines Zeugen auf den Ägäischen Inseln in Griechenland auf. Mauss flog mit seiner Cessna im Auftrag des BKA nach Griechenland und verfolgte die Spur über mehrere Inseln bis nach Athen. Dort kam ihm eine ungewöhnliche Idee. Er stellt ein Raster wichtiger Merkmale von Pohle zusammen. Mauss wusste, dass Pohle regelmäßig die »Süddeutsche Zeitung« kaufte. In Athen gab es damals 75 Verkaufsstellen. Rund 200 griechische Polizisten in Zivil wurden nach seinem Plan an den Zeitungskiosken positioniert. Dann ging alles ganz schnell. Keine 15 Minuten nach Auslieferung der Zeitungen tauchte Pohle an einem Stand in der Athener Altstadt auf. Die Handschellen klickten. Der Einsatz wurde zu einem der bekanntesten Fälle von Werner Mauss. Im BKA entwickelte der damalige Präsident aus diesem Fahndungserfolg die Rasterfahndung. Die elektronische Datenverarbeitung wurde in dieser Zeit zu einem wichtigen Baustein der Verbrechensbekämpfung. Mauss arbeitete über Jahrzehnte im Verborgenen. Nach eigenen Angaben war er in Zusammenarbeit mit Polizeibehörden an der Festnahme von mehr als 2.000 Verbrechern beteiligt. Bereits in den 1960er- Jahren unterwanderte er kriminelle Gruppen und Terroristen. In Sicherheitskreisen bekam er einen Namen, der perfekt zu einem Geheimagenten passte: »Institution M.« Für seine Einsätze verfügte er über Tarnidentitäten, konspirative Wohnungen und Fahrzeuge mit Tarnkennzeichen. In München, Frankfurt, Hannover und Berlin soll er ständig entsprechende Wohnungen unterhalten haben. 1983 spürte Mauss die verschwundenen Seveso- Giftfässer auf. 1986 war er nach den vorliegenden Berichten im Auftrag der Bundesregierung an der Befreiung der im Libanon entführten Deutschen Cordes und Schmidt beteiligt. Später verlagerte sich ein Schwerpunkt seiner Arbeit nach Kolumbien.
Werner Mauss blieb über Jahrzehnte ein Mann der Widersprüche: gelernter Landwirt und internationaler Geheimagent, Pferdeliebhaber und Terroristenjäger mit zahlreichen Tarnidentitäten. Vor allem aber war er lange ein Mann ohne Gesicht. Seine Arbeit funktionierte gerade deshalb, weil kaum jemand wusste, wie »M« tatsächlich aussah. Vom kleinen Detektivbüro in Essen führte sein Weg zu einigen der spektakulärsten Kriminal-, Terrorismus- und Entführungsfälle der vergangenen Jahrzehnte. Auch heute ist der 83-Jährige noch aktiv. Angesprochen was er gerade macht, antwortet Mauss wie immer: »Ich kann dazu nichts sagen, streng geheim.«

Im zweiten Teil lesen Sie: Wie Mauss in Kolumbien unschuldig hinter Gitter landete. 
www.werner-mauss.de