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Ein Schmied, der nicht rostet

Sistig. Es war kein Aprilscherz, als der Sistiger Dorfschmied Stefan Pütz einen Tag vor Gründonnerstag im Kaller Gewerbeaufsichtsamt vorstellig wurde, um sein Gewerbe abzumelden.

„Dann müssen Sie morgen nochmal wiederkommen“, beschied die Amtsperson dem 77-Jährigen: „Der betreffende Mitarbeiter ist heute nicht da!“

Warten konnte „Trenge Steff“, wie er im Dorf gerufen wird, aber auf gar keinen Fall: Denn der 1. April 2026 war exakt der 50. Jahrestag seiner Gewerbeanmeldung als Schmied und Schlosser am 1. April 1976. Und an diesem originellen Tag, an dem er seine Selbständigkeit aufgenommen hatte, wollte er sie auch wieder abgeben.

Die Beamten machten es möglich. Und noch am gleichen Abend versammelte der wie ein bunter Hund in der Eifel bekannte Schmiede- und Schlossermeister sowie anerkannter „Restaurator im Handwerk“ eine ganze Menge Familienangehörige, Freunde und Kollegen in der Sistiger Schmiede, um zu feiern.

Zwei dieser Gäste waren Joachim Urfell und Dieter Krämer, Stefan Pütz‘ Kollege und ehemaliger Geselle, mit denen er noch „das eine oder andere Projekt“ als nicht mehr selbständiger „Aktivrentner“ realisieren will. Denn die Hände in den Schoß legen, dafür fühlt sich der 77-Jährige noch zu jung: „Außerdem hat Joachim Urfell mir noch eine frische Rolle Schweißdraht zum 1. April mitgebracht, die muss ich zuerst noch verwirken, ehe ich ganz in Rente gehe.“

 Zwölf „Stifte“ und vier Meister

 Zwölf Lehrlinge hat Stefan Pütz in 50 Jahren ausgebildet – darunter auch Sohn Achim, und vier heutige Meister, Erich Tröster, Dietmar Hase, Thomas Hecker und Michael Hermes. Schon wenige Jahre nach seiner Geschäftseröffnung mit Vater Stefan Josef Pütz schickte die Handwerkskammer Aachen den mexikanischen Handelskammerpräsidenten Rudolfo Gonzales Manzano zur Besichtigung der Eifeler Musterschmiede.

Als junger Mensch zog es ihn in die weite Welt, heute hängt „Trenge Steff“ wie eine Klette am Heimatort. „Trenge“ ist der Hausname, der sich von „Steffs“ Urgroßmutter Katharina Pütz ableitet. Was zeigt, dass auch in früheren Tagen Frauen „de Botz ahn hatte“. Schon als Zwölfjähriger fuhr Steff mit dem Fahrrad selbstständig in den Westerwald zum Geburtsort seiner Mutter in Ferien – nur mit Reiseerinnerungen im VW-Bus und mit Einachser über Bleibuir, Mechernich und den Rhein als „Navi im Kopf“.

Stefan Pütz hat seine erste beiden Lehren (Schlosser und Technischer Zeichner) in Rheinbrohl gemacht, in München Maschinenbau studiert, ist in Kanada und den USA gewesen und mit seiner Yamaha und den guten Eifeler Motorradkumpels durch halb Europa gekurvt.

„Komm, me fahre ens flöck no England“, wurde freitagsabends beschlossen – und ab ging die Post nach Great Britain. Die Krönung war Ostermontag in Sistig, als die Motorradgang beschloss, noch am selben Tag über die Champs Elysees zu flanieren. Hinter Prüm merkte Steffs Bruder „Rüdd“ (Rudi), dass er seine Ausweispapiere nicht dabeihatte – und „fuhr ens flöck“ (mal rasch) nach Sistig „ömm“.

 „Mümmel“ war die große Liebe

 „New York, Tokio, London, Köln, Sistig, das war meine Reihenfolge“, so Stefan Pütz: „Ich hann nie jesaht, ich köhm uss dä Jäjend vo Kölle.“ Sistig ist für „Trenge Steff“ Schmiedefeuer, Maijelooch, Feuerwehr, Kirch, Kirmes, Fastelovend und seine geliebte Frau Karin, die er „Mümmel“ nannte, als sie noch lebte.

Mit der Obrigkeit lag „Steff“ des Öfteren im Clinch. Einmal kostete ihn der politische Tapetenwechsel seinen bis dahin festen Sitz im Sattel des Sankt-Martins-Pferdes. „Do kütt jo ose Martin“, riefen ihm die „Pänz“ zu, als er als Infanterist in Feuerwehruniform zum Martinszug erschien. Im Sattel saß ein anderer, der Mehrheitspartei gefälliger „Mäertes“, des nervösen Pferdes wegen, „op dämm nur häer regge könnt“.

Diese und andere Lebenserinnerungen gab Stefan Heinrich Pütz, so sein vollständiger Name, 2023 während des von der VR-Bank Nordeifel unterstützten Festivals „Mir kalle Platt“ bei einem „Talk op Platt“ mit Manni Lang und Günter Hochgürtel im ausverkauften PAPSTAR-Präsentationsraum in Kall preis.

Auch nach zwei Stunden hatte das Publikum vom „Talk op Platt“ keineswegs genug. „Zugabe-Forderungen“ sind zwar bei einer Frage- und Erzähl-Show eher die Ausnahme, aber bei dieser Runde auf Eifeler Platt kam brillante Laune auf.

Für ein Zusatzstudium zum Maschinentechniker verschlug es „Steff“ zeitweise sogar nach München, sodass er heute nicht nur in Eifeler und Westerwälder Platt, sondern auch auf Bayerisch ordentlich schwadronieren kann. „Ich komme aus der Nähe von Köln“ sage er seit der Münchner Zeit nicht mehr, als er bei einer Fete im Mädchenpensionat gegenüber des Kolpingheimes mit einem Aachener und einem Bayern an einem Tisch zu sitzen kam, denen beide Sistig in der Eifel ein Begriff war.

„Pötze Steff“ wollte nie etwas anderes, als die 1908 von Großvater Stefan Pütz gegründete Schmiede seines Vaters Josef in Sistig weiterzuführen, was ihm nach beruflichen Ausflügen unter anderem ins Betonwerk Milz in Kall und eine Maschinenbaufirma in Euskirchen 1976 auch tatsächlich gelang. „Von da an war ich glücklich“, berichtete der Talker aus Sistig in der Kaller Veranstaltung.

 „Jötta“ fiel vom Rübenhänger

 Stefan Pütz sattelte auf sein Schmiedehandwerk noch eine kunsthistorische Ausbildung zum „Restaurator im Handwerk“ auf und schmiedet und ersetzt seither nach alten Motiven und Methoden. Technischer Zeichner und Schlosser hat ebenfalls gelernt und Maschinentechniker studiert.

Beim „Talk op Platt“ erzählte er auch von seiner „Jötta“ Bärbchen Pütz, einem nur 1,55 m großen Original, für die sich „Steff“ einmal als Anrufer aus dem Aachener Generalvikariat ausgab, als Barbara Pütz beim Sistiger Pastor „aufs Telefon aufpassen“ musste. Ein anderes Mal verloren sie die „Jötta“ auf dem Weg zum Rübenholen in Bleibuir mit dem Traktorgespann im „Mühlental“ kurz hinter Sistig.