Andreas Bender

Gedenkgottesdienst Paul Schneider: "Er war Bruder unter Brüdern"

Dickenschied. Vor 87 Jahren wurde im KZ Buchenwald der Dickenschieder Pfarrer Paul Schneider ermordet. Auf dem Friedhof, wo er zusammen mit seiner Frau Margarete begraben liegt, wurde in einem Gedenkgottesdienst an den "Prediger von Buchenwald" erinnert.

Pfarrer Dr. Erik Zimmermann predigte beim Gedenkgottesdienst am Todestag von Paul Schneider auf dem Friedhof in Dickenschied. Mit dabei auch Karl-Adolf Schneider (links, sitzend), der Sohn des "Predigers von Buchenwald"

Pfarrer Dr. Erik Zimmermann predigte beim Gedenkgottesdienst am Todestag von Paul Schneider auf dem Friedhof in Dickenschied. Mit dabei auch Karl-Adolf Schneider (links, sitzend), der Sohn des "Predigers von Buchenwald"

Bild: Dieter Junker

„Paul Schneider sah sich in der Nachfolge Christi als Bruder unter Brüdern. Gradlinig, konsequent und beharrlich“, betonte dabei der Hottenbacher Pfarrer Dr. Erik Zimmermann, der die Predigt im Gottesdienst hielt. Der Dickenschieder Pfarrer sei dabei Teil einer großen Zahl von evangelischen und katholischen Glaubenszeugen gewesen, die in der Zeit des Nationalsozialismus ihr Leben gelassen hätten, machte er deutlich.

Der Theologe und Historiker, der über die Hunsrücker Pfarrbruderschaft im Dritten Reich seine Dissertation geschrieben hatte, widersprach der oft vertretenen Ansicht, Paul Schneider sei ein sozial isolierter Außenseiter, ein weltfremder Einzelgänger gewesen, der einsam herausragte, der stellvertretend die Not und Schuld anderer auf sich nahm und der in der Nachfolge Christi von seinen Freunden und der Welt unverstanden den höchsten Preis gezahlt habe, den ein Mensch zahlen könne.

„Dieses Zerrbild wird Paul Schneider nicht gerecht“, mahnte Erik Zimmermann mit Nachdruck. Jesus Christus habe gesagt, dass die Menschen alle Geschwister seien, dass es keine moralische Überhöhung von religiösen Lehrern und Vorbildern geben solle, sondern stattdessen Demut und ein Umgang auf Augenhöhe die Gemeinde präge. „Trifft das nicht viel eher auf das Selbstverständnis von Paul Schneider zu?“, fragte der Theologe und machte gleich deutlich: „Paul Schneider war kein verbissener Einzelkämpfer, der sich stolz über andere erhob, sondern er verstand sich als Bruder unter Brüdern.“

In den Quellen werde der „Prediger von Buchenwald“ als freundlich, umgänglich, humorvoll, sympathisch, aber auch konsequent und beharrlich beschrieben. „Er vertrat keine Sonderlehren, sondern er teilte die Auffassung seiner Hunsrücker Brüder. Er fiel durch seine Gradlinigkeit auf, er war nicht der schärfste unter den Hunsrücker Pfarrern, aber er war der konsequenteste dieser Pfarrer“, so Erik Zimmermann.

Seine Zivilcourage sei nicht ohne Folgen geblieben, und zu Beginn hätte die Hunsrücker Pfarrbruderschaft auch Solidarität gezeigt, die jedoch später abgenommen habe. „Die Gestapo statuierte an ihm ein Exempel und seine Brüder blieben ängstlich und wie gelähmt zurück. Am Ende blieb nur noch eine Handvoll Getreuer“, mahnte der Historiker. Dennoch hätten alle Akteure der Bruderschaft den Zusammenhalt als prägend und ermutigend erfahren, auch Paul Schneider. „Eine solidarische Geschwisterschaft in der Nachfolge Christi bleibt Stückwerk, und doch ist sie wichtig für alle, die als Christinnen und Christen in der Welt leben wollen. Damals wie heute“, so Erik Zimmermann.

Viele Menschen waren zur Gedenkfeier am Todestag von Paul Schneider nach Dickenschied auf den Friedhof gekommen, darunter auch Karl-Adolf Schneider, der Sohn des „Predigers von Buchenwald“, der Simmern-Trarbacher Superintendent Markus Risch, der frühere Superintendent Horst Hörpel und Mitglieder der Paul-Schneider-Gesellschaft. Musikalisch umrahmt wurde die Gedenkfeier traditionell vom Musikverein Dickenschied, der 1965 zu den ersten Initiatoren des Gedenkens an Paul Schneider gehörte.

Bereits am Vormittag war in Weimar in der Gedenkstätte Buchenwald an Paul Schneider und andere von den Nationalsozialisten ermordete Geistliche erinnert worden. Hier wurde die Arrestzelle, in der der Hunsrücker Pfarrer starb, mit Rosen geschmückt.

Der Dickenschieder Pfarrer Paul Schneider war 1937 verhaftet und ins KZ nach Buchenwald gebracht worden. Schon kurz nach der Machtübernahme Hitlers war er mit dem Regime in Konflikt geraten und mehrfach verhaftet worden. Im KZ Buchenwald rief er aus seiner Zelle heraus den anderen Lagerinsassen immer wieder biblische Trostworte zu, was ihn zum „Prediger von Buchenwald“ machte. Am 18. Juli 1939 wurde er vom Lagerarzt mit einer Medikamentenüberdosis ermordet und wenige Tage später unter großer Beteiligung nicht nur seiner Gemeinden, sondern vieler Menschen aus der Bekennenden Kirche und der Ökumene auf dem Friedhof in Dickenschied beigesetzt.