Barrierecheck mit Tacheles: Komm, wir fahren mit dem Bus ...
Der Bus hält an der Haltestelle. Die Türen gehen auf. Schnell rein, noch einen Platz sichern – sonst muss man stehen. Menschen drängen in den Bus, andere steigen aus, alles geht schnell. Ein kurzer Moment Hektik, dann schließen sich die Türen und der Bus fährt weiter. Alltag – etwa auf dem Weg zur Arbeit oder nach Hause.
Was für viele selbstverständlich ist, kann für Menschen mit Beeinträchtigung zur großen Herausforderung werden. Heike und Wolfgang vom inklusiven Medienteam "Tacheles" der Lebenshilfe Trier stellen sich dieser Herausforderung fast täglich. Die Erfahrungen, von denen sie berichten, sind – vorsichtig gesagt – durchmischt. Schnell stellt sich die Frage: Wie barrierefrei ist das Busfahren in Trier eigentlich?
Idee für einen gemeinsamen Barrierecheck
So entsteht die Idee für unseren gemeinsamen Artikel: Wir machen einen Barrierecheck und halten die Erlebnisse fest. Das inklusive Medienteam "Tacheles" hat solche Checks bereits gemacht – etwa im Nordbad oder im Moselstadion. Nun nehmen wir den Bus in den Blick.
Doch anders als an einem festen Ort kann jede Busfahrt anders verlaufen – je nach Situation, Fahrgästen oder Haltestelle. Ein solcher Check, bestehend aus zwei Fahrten, kann nur einen Ausschnitt zeigen. Die ganze Realität lässt sich damit nicht abbilden – aber darum geht es auch gar nicht. Es geht darum, einen Einblick zu bekommen und eine Gesprächsgrundlage zu schaffen. Und trotzdem steht nach unserem Check eine klare Antwort: Es kommt darauf an.
Diese Antwort wird im anschließenden Gespräch mit den Stadtwerken Trier (SWT) noch deutlicher. Heike und Wolfgang können ihre Perspektiven dort direkt mit den Verantwortlichen besprechen. Wir bekommen einen Bus gezeigt und erfahren, wie Abläufe gedacht sind. Außerdem spreche ich mit Gerd Dahm, dem Vorsitzenden des Behindertenbeirats Trier. Doch worauf kommt es also an?
Die ersten Meter: Barrierefreiheit beginnt schon vor dem Bus
Es ist eine klassische Situation: 17 Uhr, Feierabend. Es geht nach Hause – mit dem Bus.
Heike und Wolfgang sind bei mir im Büro auf dem Petrisberg. Unser Ziel: Hauptbahnhof, dann weiter nach Trier Süd. Zwei Busse, einmal umsteigen, kurze Wege. Eigentlich sollte das nicht schwierig sein – denke ich. Doch schon auf dem Weg zur Haltestelle zeigt sich: Barrierefreiheit beginnt nicht erst im Bus. Stufen. Bordsteine. Gullideckel. Dinge, die ich sonst kaum wahrnehme, werden für Wolfgang im Rollstuhl zu Hindernissen. Komme ich überhaupt bis zum Bus? Wie komme ich hinein? Wer hilft mir dabei? Ist die Haltestelle zugänglich? Für Wolfgang entscheidet sich Barrierefreiheit an ganz praktischen Fragen.
Um den Einstieg für mobilitätseingeschränkte Personen zu ermöglichen, besteht die gesamte Flotte der SWT aus Niederflurbussen mit Absenkautomatik und Klapprampe an der hinteren Tür. Doch Technik allein reicht nicht. Was nützt die Rampe, wenn der Bus nicht nah genug an den Bussteig heranfahren kann – etwa weil ein Auto im Weg steht? Oder wenn die Haltestelle selbst nicht zugänglich ist – ein Thema für sich. Wolfgang hat das oft erlebt. Je nach Haltestelle und Bordsteinhöhe ist die Rampe sehr steil. Für ihn bedeutet das: Er ist ohnehin auf Hilfe angewiesen.
Knapp 200 Meter sind es in unserem Fall – über einen Parkplatz bis zur Haltestelle. Heike schiebt Wolfgang. Allein wäre es zu anstrengend – und der Bus kaum pünktlich zu erreichen. Ich halte mich zurück und beobachte – genau so haben wir es vorher besprochen.
Einstieg in den Bus: Zwischen Routine und Unsicherheit
Als der Bus einfährt, hält Wolfgang seinen Schwerbehindertenausweis gut sichtbar nach vorne. Die Stadtwerke empfehlen das: Fahrgäste im Rollstuhl sollen sich früh bemerkbar machen und ihren Mitfahrwunsch signalisieren.
Heike drückt an der hinteren Tür den Knopf. Die Tür öffnet sich – und schließt sich direkt wieder vor Wolfgang. Vorne steigen Fahrgäste ein. Routine. Tempo. Alltag. Hinten bleibt Wolfgang stehen.
Die Tür öffnet sich wieder. Jetzt bietet ein Fahrgast Hilfe an. Er wirkt unsicher – und steht ausgerechnet auf der Rampe, die ausgeklappt werden soll. Der Fahrer kommt in diesem Moment nicht nach hinten. Also greife ich ein und klappe die Rampe aus. Einmal, berichtet Wolfgang, hat sich ein Helfer verletzt. "Die Rampe ist ihm auf den Arm gefallen." Fahrgäste wirken in solchen Momenten oft unsicher. Der ganze Bus schaut zu. Die Situation entsteht plötzlich.
Als ich die Rampe ausklappe, merke ich: Es ist nicht schwer – aber am besten hat man es vorher schon einmal gesehen. Die Metallplatte ist groß und braucht Platz.
Genau das besprechen wir später auch mit den Stadtwerken – etwa, ob einfache Hinweise oder kurze Erklärungen helfen könnten, Unsicherheit zu verringern.
Bei den SWT ist für den Einstieg klar geregelt: Für mobilitätseingeschränkte Fahrgäste ist Zeit eingeplant. Sicherheit geht vor. Der Bus fährt erst weiter, wenn der Fahrgast sicher eingestiegen ist.
In unserem Fall ist es anders.
Wolfgang erreicht den vorgesehenen Platz. Doch bevor sein Rollstuhl sicher steht, fährt der Bus schon an. Er muss sich festhalten – und steht die ganze Fahrt verkehrt herum. Stabil, aber nicht so, wie vorgesehen.
Und was passiert, wenn der Rollstuhlbereich besetzt ist? Wenn Taschen dort stehen? Wenn jemand sitzt – und sitzen bleibt? Solche Situationen erlebt Wolfgang regelmäßig.
Beim Aussteigen zeigt sich ein ähnliches Bild. Die Rampe wird ausgeklappt, Menschen stehen im Weg, es entsteht Unsicherheit. Kaum ist Wolfgang draußen, fährt der Bus weiter.
Später sagt er: "Es gibt Busfahrer, die helfen. Aber es gibt auch welche, die sich darauf verlassen, dass ein Fahrgast einspringt."
Und: "Ich finde es schade, wenn mir kein Busfahrer hilft."
Schon nach der ersten Fahrt wird klar: Für Wolfgang ist die Barriere nicht nur die Frage, ob er in den Bus kommt. Es ist das Gefühl davor. Das Warten. Das Darauf-angewiesen-Sein. Während andere einsteigen, steht er noch draußen.
Anspruch und Realität im Alltag
Gerd Dahm bringt es auf den Punkt: "Das ist ja eine Barriere, dass ich auf die Hilfe von anderen Fahrgästen angewiesen bin. Das Gleichstellungsgesetz ist da klar: Ohne fremde Hilfe nutzbar – das ist barrierefrei."
Praktisch ist dieser Punkt jedoch oft schwer umzusetzen. Denn die Realität ist komplizierter als Gesetze und Vorschriften.
Busfahrer sollen mobilitätseingeschränkten Fahrgästen helfen – das ist bei den SWT klar geregelt. Wenn das nicht möglich ist, sollen sie gezielt Fahrgäste ansprechen. Außerdem gibt es Schulungen, wie Daniel Walther, Abteilungsleiter Fahrbetrieb der SWT, erklärt: "Jede Kollegin und jeder Kollege wird geschult. Mit Rollstuhl und Rollator. Damit man versteht, wie sich das anfühlt und worauf es ankommt."
Gleichzeitig wird deutlich, wie schwierig diese Abläufe im Alltag sein können – besonders im Feierabendverkehr. Wenn viele Fahrgäste gleichzeitig vorne einsteigen wollen, entsteht schnell Druck. Busfahrer müssen die Fahrerkabine schließen, nach hinten gehen und die Rampe ausklappen. Währenddessen warten vorne Fahrgäste, die weiter möchten oder Tickets kaufen wollen – und nicht immer Verständnis haben. Ein neues Bezahlsystem im Innenraum soll künftig zur Entlastung beitragen. Für die Fahrer sind diese Situationen trotzdem organisatorisch und menschlich anspruchsvoll. Zwischen Fahrplan, Sicherheit, Verantwortung und den Erwartungen der Fahrgäste müssen sie oft in Sekunden entscheiden. Viele zögern aus Sorge vor Konflikten.
Gerd Dahm sagt dazu: "Die alleinige Verantwortung beim Busfahrer zu sehen, greift zu kurz." Und er beschreibt ein typisches Problem im Alltag: "Wenn der Busfahrer nach hinten ruft, stehen 20, 30 Leute da – aber keiner fühlt sich angesprochen."
Hilfe und vor allem Rücksichtnahme müssen deswegen im Alltag selbstverständlicher werden:
"Es kann nicht sein, dass man erklären muss, warum man den Platz für Rollstuhlfahrer braucht, und dieser erst nach wiederholtem Nachfragen freigemacht wird. Menschen mit Behinderung wollen nicht permanent Rücksicht einfordern. Das ist anstrengend", sagt Gerd Dahm.
Wolfgang kennt diese Situationen gut. "Manchmal wird die Rampe gar nicht ausgeklappt. Dann muss ich erst fragen", sagt er. Auch im Bus wird es oft eng: "Wie soll ich aus- oder einsteigen, wenn Menschen an der Tür stehen und mich mit dem Rollstuhl nicht durchlassen?"
Für Wolfgang wird genau das zur Barriere: Er muss etwas sagen. Er muss darum bitten. Er muss erklären, warum er diesen Platz braucht. Menschen mit Beeinträchtigung wollen genau das vermeiden.
Umsteigen und Orientierung: Die nächste Hürde
Angekommen, müssen wir zum nächsten Bus. Einmal über den Bahnhofsplatz: Gullideckel, Bordsteine, eilende Personen.
Welchen Bus müssen wir als Nächstes nehmen? Hier zeigt sich: Barrierefreiheit entscheidet sich nicht nur an physischen Hindernissen.
Am Trierer Hauptbahnhof gibt es mehrere Steige, viele Busse, Fahrpläne, Linien, Nummern – schnell verliert man den Überblick. Heike bleibt ruhig. Sie kennt viele Wege auswendig. Wenn sie unsicher ist, fragt sie andere Menschen oder nutzt die Sprach-eingabe auf ihrem Handy.
Heike kann nicht lesen. Trotzdem nutzt sie Busse selbstständig. Doch diese Selbstständigkeit hat Grenzen. "Das klappt vor allem dort, wo ich mich auskenne – wo die Wege vertraut sind", sagt Heike. In einer fremden Umgebung wird Information schnell zur Herausforderung.
Fahrpläne und Haltestellen sind oft schwer verständlich gestaltet. Für blinde Menschen sind sie teilweise gar nicht zugänglich. Die SWT sind auch deshalb rund um die Uhr telefonisch unter 0651 717-273 erreichbar – auch außerhalb der Öffnungszeiten des Stadtbus-Centers. Das ist ein wichtiges Angebot, gerade für Menschen, die nicht sehen oder lesen können. Auch über gängige Navigations-Apps auf dem Smartphone sind Fahrzeiten und Verbindungen abrufbar. Doch auch solche Angebote helfen nur, wenn man sie kennt und nutzen kann.
Wir erreichen den Bussteig – rechtzeitig. Der Bus fährt gerade ein, Menschen drängen heraus. Taschen und Rucksäcke streifen Wolfgang im Rollstuhl.
Trotz der Hektik reagiert ein Passant sofort, klappt die Rampe aus – und diesmal gelingt der Einstieg direkt.
Doch beim Aussteigen entsteht erneut ein Moment des Wartens. Niemand fühlt sich zuständig, bis schließlich jemand hilft.
Wir sind an unserem Ziel angekommen.
Und wir landen wieder bei unserer Ausgangsfrage:
Fazit: Es kommt darauf an
… ob Infrastruktur funktioniert. Ob Mitmenschen Verantwortung übernehmen. Ob Informationen verständlich sind. Ob Technik hilft – und ob Menschen hinschauen.
Und vor allem: ob Rücksicht selbstverständlich wird – und nicht eingefordert werden muss.
Der Artikel in leichter Sprache.
Traditionsduell im Moselstadion: Eintracht Trier empfängt Kickers Offenbach

"Wir packen Trier auf die Karte" - Wie "fünfvier." die Stadt ins Netz bringt

Festnahme bei Grenzkontrolle: Gesuchter Räuber auf der A64 festgenommen



Zurück
Nach oben