Thomas Förster

Mit Wasserstoff in die industrielle Zukunft

Rund 80 Prozent aller pressgehärteten Karosserieteile im Automobilsektor weltweit werden in einer Wärmebehandlungsanlage der Schwartz Gruppe erhitzt. Künftig könnte dabei Wasserstoff statt fossiler Brennstoffe zum Einsatz kommen. Wie das funktionieren kann, zeigt eine neue Pilotanlage, die das Rollesbroicher Unternehmen gemeinsam mit dem Forschungszentrum Jülich entwickelt hat.
Michael Theben (NRW-Wirtschaftsministerium), Städteregionsrat Dr. Tim Grüttemeier, Alexander Wilden (Inhaber der schwartz Gruppe), sowie Prof. Dr. Peter Jansens, Prof. Dr. Peter Wasserscheid und Prof. Dr. Andreas Peschel vom Forschungszentrum Jülich vor der der HyHeat-Demonstrationsanlage in der Werkshalle des Rollesbroicher Weltmarktführers.

Michael Theben (NRW-Wirtschaftsministerium), Städteregionsrat Dr. Tim Grüttemeier, Alexander Wilden (Inhaber der schwartz Gruppe), sowie Prof. Dr. Peter Jansens, Prof. Dr. Peter Wasserscheid und Prof. Dr. Andreas Peschel vom Forschungszentrum Jülich vor der der HyHeat-Demonstrationsanlage in der Werkshalle des Rollesbroicher Weltmarktführers.

Bild: Foto: T. Förster

Rollesbroich (Fö/Red). Mehr als 900 Grad sind notwendig, um Metallplatinen etwa für Karosserieteile zu erhitzen und anschließend in die gewünschte Form zu bringen. Bislang wird die dafür erforderliche Prozesswärme in der Regel durch fossile Brenngase erzeugt. Eine einzige Wärmebehandlungsanlage für das Presshärten verursacht dadurch jährlich etwa 2.000 Tonnen CO2.

Das Forschungsprojekt »HyHeat« soll einen anderen Weg ermöglichen. Herzstück der in Simmerath vorgestellten Pilotanlage sind neuartige Brenner des Schwartz-Tochterunternehmens Econova. Sie können mit Erdgas, Wasserstoff oder Propan betrieben werden. Ein Wechsel der Brennstoffe ist sogar während des laufenden Betriebs möglich. Erste Versuche mit Wasserstoff verliefen bereits erfolgreich.

Die Anlage in Rollesbroich ist zunächst ein Demonstrator. Doch gerade weil Schwartz mit seinen Wärmebehandlungsanlagen weltweit eine bedeutende Rolle in der Automobilproduktion spielt, könnte das, was derzeit in der Eifel erprobt wird, künftig weit über die Region hinaus Wirkung entfalten.

»Für unsere Kunden ist entscheidend, dass sie heute in eine Anlage investieren können, ohne sich dauerhaft auf einen einzelnen Energieträger festlegen zu müssen«, unterstreicht schwartz-Geschäftsführer Alexander Wilden. Gerade diese Flexibilität sei entscheidend, solange Wasserstoff noch nicht überall zur Verfügung stehe.

Wilden sieht aber auch Handlungsbedarf für den Wirtschaftsstandort Deutschland. »Wir werden für das, was wir erforscht haben, weltweit Beachtung finden. Aber die Kunden kommen aus China.« Deutschland müsse mehr Geschwindigkeit aufnehmen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Energieträger müssten verfügbar und bezahlbar sein, zugleich brauche es die passende Infrastruktur.

Ähnlich äußerte sich Michael Theben vom NRW-Wirtschaftsministerium. Es brauche eine klare Strategie, die auch entsprechend kommuniziert werde. Wenn Deutschland sich auf der Weltbühne nicht souverän zeige, würden andere diese Rolle übernehmen. Projekte wie HyHeat könnten zugleich den Strukturwandel im Rheinischen Revier mit Leben füllen und Perspektiven für Wachstum und Beschäftigung eröffnen.

Denn die Zeit drängt auch regional. Städteregionsrat Dr. Tim Grüttemeier erinnerte daran, dass die Braunkohleverstromung in Weisweiler 2029 endet. Zugleich müssten bis 2045 allein in der Städteregion rund 120.000 Gasheizungen umgerüstet werden. Sein Plädoyer: »Manchmal muss man einfach anfangen und mutig sein« – auch auf die Gefahr hin, dass nicht jeder Versuch gelinge.

Genau dazu dienen Demonstratoren wie die Anlage in Simmerath. Prof. Dr. Peter Jansens vom Forschungszentrum Jülich sieht sie als Entscheidungsgrundlage für Unternehmen. Sie können anhand solcher Anlagen prüfen, ob für die Technologie Bedarf besteht, ein Produkt wirtschaftlich betrieben werden kann und sich eine Investition lohnt. Das Projekt HyHeat hat ein Gesamtvolumen von rund 2,4 Millionen Euro und wird vom Bundesforschungsministerium mit rund 1,7 Millionen Euro gefördert.

Abwärme nutzen - ohne Pipeline

Eine weitere Besonderheit könnte künftig die Energieversorgung der Anlage selbst sein. Die bei der Wärmebehandlung entstehende Abwärme soll genutzt werden, um chemisch gebundenen Wasserstoff aus einem sogenannten LOHC-Speichermedium freizusetzen. Damit könnten perspektivisch auch Industriestandorte Wasserstoff nutzen, die nicht an eine Pipeline angeschlossen sind.

Prof. Dr. Peter Wasserscheid, Sprecher des Helmholtz-Clusters Wasserstoff, sieht darin mehr als Klimaschutz. Es gehe auch darum, widerstandsfähiger gegen geopolitische Krisen zu werden und einseitige Abhängigkeiten in Energiefragen zu vermeiden. Forschung und Anwendung müssten dafür eng zusammenarbeiten. Das Helmholtz-Cluster Wasserstoff solle Deutschland wettbewerbsfähig und technologisch handlungsfähig halten.

Für Prof. Dr. Andreas Peschel vom Forschungszentrum Jülich zeigt HyHeat damit, wie verschiedene Bausteine zusammenspielen können: ein Brenner, der flexibel zwischen Energieträgern wechseln kann, kombiniert mit der Möglichkeit, Abwärme für die Bereitstellung von Wasserstoff zu nutzen.