Thomas Förster

Täuschend echte Babys, die keine sind

In der Arnoldystraße wohnen circa 100 Babys; sie tragen handgestrickte Söckchen und Jäckchen, sie sind niedlich und einfach zum Knuddeln – es sind Puppen.
Man möchte sie in den Arm nehmen und wiegen, die Reborn-Babypuppen.$$

Man möchte sie in den Arm nehmen und wiegen, die Reborn-Babypuppen.$$

Bild: Anneliese Lauscher

Kalterherberg (Ale). Jeanne Burri, geboren in Zürich, befasst sich seit neun Jahren mit diesen Puppen, die man auch »Reborn Babys« nennt. Sie sehen lebendigen Babys verblüffend ähnlich und haben auf viele Menschen eine faszinierende Wirkung.

»Vor einigen Jahren kam diese Idee von Amerika rüber«, berichtet Jeanne Burri, »ich habe ein Baby im Weserpark in Bremen gesehen; man forderte mich auf, es in den Arm zu nehmen, hab ich gemacht. Und es hat mich dermaßen angesprochen, dass ich auf den Gedanken kam, selbst solche Reborn-Babypuppen herzustellen.«

Da kam ihr wohl ihre Begabung für Kunst und Kunsthandwerk zugute: In der Schweiz hatte sie eine Ausbildung als »Coiffeuse« absolviert (das würde man bei uns Friseurin nennen), in Monschau hatte sie bei Paul Siebertz gemalt. Und mit Handarbeiten hatte sie sich immer gern beschäftigt.

Ihre ersten »Babys« sahen sehr real aus; sie fand Liebhaber für ihre kleinen Kunstwerke, was sie als Bestätigung und Ansporn auffasste.

Nun finden sich in ihrem Atelier und Ausstellungsraum in Kalterherberg fast einhundert Reborn-Babypuppen – Jungen und Mädchen, vom Säugling bis circa 2 Jahre alt. Die Körper sind aus Vinyl, die Haare aus Mohair, die Gesichter unterschiedlich rosig. Die Kleinen fühlen sich fast echt an, an ihren winzigen Fingern erkennt man Fingernägel, manchmal ist der Mund im Schlaf geöffnet, manchmal lächeln sie, manchmal brauchen sie einen Schnuller. Sie sind sehr liebevoll angezogen in handgestrickten Jäckchen, Mützchen, Strampelhöschen und Söckchen.

Viele Stunden – voller Akribie, Kreativität und Leidenschaft - arbeitet Jenne Burri, bis aus dem »Bausatz«, der lediglich Körperteile enthält, ein lebendig aussehendes Baby wird.

Warum schaffen sich erwachsene Menschen ein solches »Baby« an?

Dafür gibt es die unterschiedlichsten Gründe, sagt Jeanne Burri und führt aus: Manchmal wünschen sich junge Mädchen ein Kind und sind doch noch zu jung dafür. Dann suchen sie sich ein Reborn Baby aus, sie kleiden es hübsch und fahren sogar damit spazieren!

Auch kann eine solche Puppe Frauen helfen, die keine Kinder bekommen können oder die ein Kind verloren haben – als Ablenkung und auch als Trost. »Ich kenne ein Ehepaar, das vier Reborn Babys hat, die werden morgens angezogen, «gefüttert», man spricht und spielt mit ihnen.«

Sie nennt ein Beispiel, wie sie solche Puppen an ein Seniorenheim verschenkt hat. »Man kann damit viel Freude bereiten«, weiß sie.

Und ganz ernste Gründe gibt es auch, solche Puppen herzustellen. Den Umgang mit einem »Frühchen« können werdende Väter üben, sich vertraut machen mit so einem winzigen Kind.

Außerdem werden Reborn-Babypuppen in Filmen eingesetzt. »Ich brauche einen kleinen Jungen mit allem Drum und Dran«, bestellte einmal ein Kunde. Den konnte Jeanne Burri liefern. Sie findet es sehr sinnvoll, in manchen Szenen Puppen einzusetzen anstatt Babys.

Grundsätzlich sind diese Puppen also nicht gedacht als Kinderspielzeug, vielmehr sind es Liebhaberstücke. Jeanne Burri ist nicht allein mit ihrer Leidenschaft: In Sonneberg und in Eschwege gibt es Messen zu diesem Thema, aber auch in Holland und Belgien. Am 19. September will sie sich an einer Puppenmesse in Hasselt beteiligen.

Wer die Reborn-Babypuppen kennenlernen möchte, ist herzlich eingeladen: Man kann sich unter der Telefon-Nr. 0171 171 6549 anmelden.