

Als die international bekannten Radiokünstler Sarah Washington und Knut Aufermann im Frühjahr dieses Jahrs das kleine Eifeldorf an der Kyll für eine Woche besuchten, ahnten sie noch nicht, dass aus den Begegnungen mit den rund 120 Einwohnerinnen und Einwohnern eine vierstündige Radiosendung entstehen würde. Nach Stockholm, Brüssel und Rio de Janeiro ist nun Auw Schauplatz ihrer temporären Radioarbeit.
In einem ehemaligen Alterssitz für Nonnen, der Villa Elisabeth, richteten Washington und Aufermann ein Radiostudio ein und öffneten die Türen für Gäste aus nah und fern. Innerhalb einer Woche kamen mehr als 40 Menschen zu ihnen – vom Kleinkind bis zur 95-jährigen Seniorin, von Ur-Auwern bis hin zu weit gereisten Touristen. Sie erzählten über das Dorf, ihr Leben, ihre Hobbys, die Liebe oder ihr Lieblingsgeräusch.
Was ein 120-Seelen-Dorf bieten kann, was eine Großstadt oder ein internationales Festival nicht kann? "Uns interessieren Menschen, und da kann ein kleines Eifeldorf genauso spannend sein wie eine Kunstbiennale." Für Auw an der Kyll entschieden sich die beiden auch deshalb, weil Sarah Washington den Ort bereits von einem früheren Besuch kannte und er ihr in Erinnerung geblieben war. Über die Kulturinitiative Mäander entstand die detaillierte Planung für die Sendung. Zudem ist Auw das erste Dorf, in dem die beiden eine solche Radiosendung realisieren. Das Projekt ist Teil der Kulturinitiative Mäander, die Kultur und Begegnung im ländlichen Raum fördern will. Die beiden Radiokünstler verstehen ihre Arbeit vor allem als aktives Zuhören: "Manche Menschen erzählen dann gerne von sich selbst, andere beschreiben Orte oder vergangene Zeiten, häufig entsteht dabei gutes Radio."
Alle Besucherinnen und Besucher des Studios werden in der Sendung zu hören sein – allerdings in unterschiedlichem Umfang. "Einige Menschen waren nur 10 Minuten bei uns, andere über zwei Stunden." Aus diesen Aufnahmen einen roten Faden zu entwickeln, sei nicht einfach. "Die Sendung ist natürlich nur eine Momentaufnahme." Bei einem erneuten Besuch in einem Jahr würden vermutlich andere Stimmen und Themen im Mittelpunkt stehen. Für die Menschen, die sich diesmal ins Studio gewagt haben, sei das "eher ein Schritt ins Ungewisse" gewesen.
Das Ergebnis präsentieren Washington und Aufermann unter dem Titel "Lauschen und Plauschen – gemeinsames Radiohören" am Samstag, 22. August, im Gemeindehaus. Damit alle 120 Einwohnerinnen und Einwohner die Sendung hören können, wird nach Angaben der Kreisverwaltung ein eigener UKW-Radiosender aufgebaut. Die Sendung ist auf der Frequenz 88,2 MHz zu hören. "Bei einer Einwohnerzahl von 120 ist dies höchstwahrscheinlich Deutschlands kleinste Radiostation", erklärt Thomas Konder von der Kreisverwaltung des Eifelkreises Bitburg-Prüm.
Doch die Sendung bleibt nicht auf den Eifelkreis beschränkt. Im Herbst soll eine verkürzte, international ausgerichtete Fassung über das Netzwerk Radia mit 25 Radiostationen weltweit ausgestrahlt werden, unter anderem in Wien, Paris, London und New York. Die potenzielle Hörerschaft umfasst knapp 20 Millionen Menschen. Günter Kirch, Bürgermeister von Auw an der Kyll, zeigt sich stolz: "Ich als Bürgermeister begrüße diesen Radiosender hier in Auw und freue mich auch wirklich, dass sie diese kleine Ortsgemeinde auserkoren haben, um ihre Sendung weltweit in den Äther zu bringen."
Damit Auw international nicht nur als idyllisches Eifeldorf erscheint, setzen die Radiokünstler auf die Geräuschkulisse des Ortes. "Bei der internationalen Ausstrahlung stehen die Geräusche aus Auw im Vordergrund, denn wir können nicht voraussetzen, dass die Menschen in Paris oder New York alle Deutsch verstehen." Kirchenglocken, Bachplätschern, Vogelstimmen, Jagdhörner und der Bahnhof werden zu wiederkehrenden Motiven. Die Stimmen der Bewohnerinnen und Bewohner bleiben dennoch zentral: "Die Stimmen der Menschen werden dann zu einer Art musikalischen Materials, das oft genau so viel Information vermittelt durch den Klang, die Sprachmelodie und die Authentizität jeder einzelnen Person." Die Radiostationen des Netzwerks Radia seien auf kulturelle Inhalte spezialisiert und hätten ein Publikum, das solche "abstrakten Klangreisen" möge.
Mäander ist die vernetzte Kulturinitiative im Eifelkreis Bitburg-Prüm und Teil des Bundesprogramms „Aller.Land – zusammen gestalten. Strukturen stärken.“, das Kultur, Beteiligung und Demokratie in ländlichen Regionen fördern will. Das Dorfradio in Auw an der Kyll ist ein Projekt von Mäander und setzt diesen Ansatz ganz konkret um: Die Bewohnerinnen und Bewohner werden selbst zu Beteiligten, indem ihre Geschichten, Stimmen und Perspektiven zum Mittelpunkt einer künstlerischen Radioproduktion werden. So schafft das Projekt einen Raum für Begegnung und Austausch im Dorf und macht zugleich sichtbar, welches kulturelle Potenzial in der ländlichen Region steckt. Weitere Informationen zur Kulturinitiative gibt es hier.




