Michael Nielen

Zehn Brunnen und ein Steinmetz

Marmagen. Viele kleine Hände gleiten über einen Sandstein, der deutliche Spuren vom Meißel aufweist. Kinder der dritten Klasse der Grundschule Marmagen sind zu Besuch bei Stein- und Bildhauermeister Ludwig Schröder – und entdecken dabei einen geheimnisvollen Ort mitten in ihrem Heimatort.

Ein Projekt, viele geheimnisvolle Aktivitäten: Tasten und Meißeln beim Steinmetz, Geschichte am Römerstein in Nettersheim, der Euskirchener Stadtturm, Bearbeiten von Sandstein in Kall und das gemeinsame Zeichnen der Geheimniskarte.

Ein Projekt, viele geheimnisvolle Aktivitäten: Tasten und Meißeln beim Steinmetz, Geschichte am Römerstein in Nettersheim, der Euskirchener Stadtturm, Bearbeiten von Sandstein in Kall und das gemeinsame Zeichnen der Geheimniskarte.

Bild: Michael Nielen/Dr. Elke Sprunkel/Collage: mn

Sie wussten nicht, wie es in einer Steinmetzwerkstatt aussieht. Mitten in Marmagen betreibt Ludwig Schröder seine Werkstatt, zeigt ihnen Säge und verschiedene Steine, mit denen er arbeitet. Zum Höhepunkt des Besuchs dürfen die Kinder selbst einen Meißel in die Hand nehmen und ein Stück Sandstein bearbeiten. Schröder gibt Anweisungen, wie der Meißel gehalten wird, mit dem Formen und Gravuren aus dem Stein geschlagen werden. Die Kinder sind fasziniert – und lernen dabei uraltes Handwerk kennen, das direkt vor ihrer Haustür lebt.

Der Besuch in der Steinmetzwerkstatt ist kein Zufall, sondern Teil des Projekts »Die Geheimnisse deines Ortes«, das Dr. Elke Sprunkel, Dipl. Geographin bei der Biologischen Station im Kreis Euskirchen, initiiert hat und leitet. Träger ist die Bio-Station. Im ersten Projektjahr sind vier Gruppen aus dem Kreis dabei: die dritten Klasse der Grundschule Marmagen und die vierte Klasse der Paul-Gerhardt-Schule Euskirchen, der Jugendtreff JuNe in Nettersheim und die Pfadfinder in Kall.

»Die Kinder stellen selber fest: Wow, wie viele Sachen sie in ihrem eigenen Heimatort noch nicht kannten«, erzählt Dr. Elke Sprunkel. »Die Wahrnehmung ändert sich total, wenn sie jetzt durch den Ort gehen.« Das ist für sie das Besondere an dem Projekt – neben der Tatsache, dass die Kinder dabei wirklich Spaß haben. Inspiriert wurde sie vor allem durch das Buch »Das Geheimnis deines Ortes« von Susanne Fischer-Rizzi.

Alle vier Gruppen befinden sich auf der Zielgeraden ihres ersten Projektjahres. Die Gruppe aus Euskirchen hat sich auf mittelalterliche Stadtgeschichte konzentriert: Stadtmauer, Stadttürme und die frühere Tuchmacherei standen auf dem Programm. In Kall haben die Pfadfinder den römischen Steinbruch erforscht und dabei selbst Sandsteine wie die Römer bearbeitet. Sie erkundeten das Stellwerk am Bahnhof und die Pingen des alten Bergbaus. Der Jugendtreff JuNe in Nettersheim besuchte eine alte Schmiede, beschäftigte sich mit der Geschichte alter Häuser – und entdeckte, dass es im Ort einst drei Burgen gab. »Das wusste ich selbst nicht«, gestand Dr. Sprunkel.

Die Marmagen-Gruppe war neben dem Steinmetz auch beim Stuckateur und hat die Burg Marmagen besichtigt. Noch ausstehendes Thema: Wasser und Brunnen. »Ich habe bisher zehn Brunnen gefunden – das hätte ich nicht gedacht«, so Dr. Sprunkel.

Alle Ergebnisse werden am Sonntag, 5. Juli, im Holzkompetenzzentrum Nettersheim öffentlich präsentiert. Alle vier Gruppen zeigen dann, was sie entdeckt haben – in Form von großformatigen Karten, die künstlerisch gestaltet werden.

Für das zweite Projektjahr sucht Dr. Sprunkel noch sechs bis acht neue Gruppen. »Das können wieder Schulklassen sein, alles ab der dritten Klasse aufwärts, aber auch Jugendzentren, freie Gruppen oder kirchliche Gruppen – es ist völlig offen«, erklärt sie. Auch Senioren- und Rentnergruppen sind willkommen. Gesucht werden auch Tutoren, die Gruppen bei ihren Entdeckungstouren begleiten möchten. Interessierte können sich gerne per Email melden: e.sprunkel@biostationeuskirchen.de

Das Projekt, mit Kosten von 189.000 Euro veranschlagt, wird vom LVR mit 169.036, der NRW-Stiftung mit 16.500 und der Eifelstiftung mit 3500 Euro gefördert.