Claudia Neumann

In der Nussschale einmal um die Welt

Trier. Ganz allein in einem Miniboot um die Welt segeln – das ist dem Trierer Christian Sauer gelungen. Anfang März dieses Jahres erreichte er nach 271 Tagen und rund 24.000 Seemeilen die karibische Insel Antigua und ist damit der erste Deutsche, dem eine Solo-Weltumsegelung in einem nur 5,80 langen Boot gelungen ist.

Als einer der ursprünglich 15 gestarteten Teilnehmer der Regatta „Mini Globe Race“ war er Teil einer segelhistorischen Premiere. Denn es war das erste Mal überhaupt, dass Einhandsegler in so kleinen Booten im Regattamodus die Welt umrundet haben. Trotz massiver Schulterprobleme, die ihm über die gesamte Zeit hinweg Schmerzen bereiteten, gelang ihm ein siebter Platz. „Seit ich an Land bin und die Belastung nicht mehr so stark ist, habe ich etwas weniger Schmerzen, aber die Ärzte sagen, dass ich an beiden Schultern operiert werden muss“, berichtet Sauer. „Im Liegen hat es am meisten wehgetan“, erinnert er sich. Schlechter Schlaf und dauernde Müdigkeit waren die Folge. Umso beeindruckender sein Sieg, wenn auch nicht als Regattateilnehmer, sondern als Sieger über sich selbst. Trotz Schmerzen, Zweifeln und Unsicherheiten, durchgehalten zu haben und die Regatta beendet zu haben. Auf die Frage, was er fühlte, als er mit seiner „Argo“ über die Ziellinie segelte, sagt Sauer: „Es war wie nach Hause kommen. Zum ersten Mal sah ich einen bekannten Ort wieder, das war mir seit 13 Monaten nicht mehr passiert.“ Aber auch Wehmut über das Ende des gemeinsamen Segelns mit den anderen Teilnehmern sei dabei gewesen, so Sauer.

Der Weg zur Weltumsegelung
Voraussetzung für die Teilnahme am Mini Globe Race war eine erfolgreiche Überquerung des Atlantiks in den selbstgebauten Nussschalen. Nachdem Sauer dies mit seiner „Argo“ gelungen war, startete die Flotte am 23. Februar 2025 in Antigua, segelte entlang der sogenannten „Barfuß-Route“ durch die Südsee, passierte die Nordküste Australiens, durchquerte den Indischen Ozean und kehrte schließlich in die Karibik zurück. Dabei wurden 18 Zwischenstopps in elf Ländern gemacht.

Aufgewachsen in Trier-Heiligkreuz entstammt der 45-jährige gelernte Schreiner und studierte Bauingenieur einer segelbegeisterten Familie. Als Jugendlicher lernte er das Segeln im Wasser-Sport-Club in Konz. Zunächst startete er eine berufliche Karriere als Bauleiter, die ihn allerdings mit der Zeit immer weniger befriedigte. Er habe teilweise bis zu 16 Stunden pro Tag gearbeitet, sich psychisch und physisch kaputt gefühlt. Selbst die Wochenenden hätten nicht mehr gereicht, um sich zu erholen, erinnert sich Christian Sauer.

In dieser Lage erinnerte er sich an seinen Onkel, der, selbst Schiffsbauingenieur, ein Leben lang den Traum gehegt hatte, im Ruhestand endlich seiner großen Leidenschaft, dem Segeln, nachzugehen und der dann kurz nach dem Renteneintritt verstorben war. Nicht nur seinem Onkel sei das passiert, er habe öfter im Bekanntenkreis von solchen Fällen gehört und beschlossen, nicht bis zur Rente zu warten, sondern seinen Traum jetzt wahrzumachen. Eine Entscheidung, die er nie bereut hat. „Mein Zukunftstraum wäre, eine zweite Weltumsegelung zu machen, wenn möglich mit Familie“, sinniert der Segler.

Alltag und schwierige Momente auf See
Christian Sauer sieht sich selbst als Naturliebhaber, Sportler und vor allem als Abenteurer. Spektakuläre Sonnenuntergänge, einzigartig schöne Buchten oder spielende Delfine in der Nähe seines Bootes zählt er zu den schönsten Momenten dieser Weltumsegelung. „Wenn nachts fluoreszierendes Plankton die Schaumkronen der Wellen und das Kielwasser meiner kleinen Argo zum Leuchten bringt und Delfine ihre glänzenden Spuren durchs Wasser ziehen – da kriegt man das Grinsen gar nicht mehr aus dem Gesicht“, schwärmt Sauer.

Den sportlichen Aspekt der Regatta sieht der Solo-Segler durchaus, dennoch ging es ihm nie darum, ein Rennen zu fahren. „Es gab zwei Gruppen bei den Regattateilnehmern: die, die im Rennmodus waren und die, die im Urlaubsmodus waren. Ich war immer so dazwischen. Für mich war alles Abenteuer.“ Angefangen vom Bau des Bootes über vier Jahre bis hin zur Atlantiküberquerung und der anschließenden Weltumsegelung – alles tat er zum ersten Mal, alles mit offenem Ausgang.

Zu den schwierigsten Momenten zählte ein unvermeidlicher Notstopp auf Galapagos aufgrund einer Hautinfektion. Der Gang ins Krankenhaus mit der Angst, unter Quarantäne gestellt zu werden – das wäre für ihn das Aus der Regatta gewesen. Christian Sauer hatte Glück und wurde mit einer Ladung Antibiotika wieder entlassen.

Als die Ärzte auf Tahiti ihm sagten, er müsse im Krankenhaus bleiben und sich an der Schulter operieren lassen, sah er sich erneut am Ende seines großen Abenteuers. Er sprach mit anderen Ärzten und schließlich überließ man ihm die Entscheidung, den Schmerz auszuhalten oder aufzugeben. Sauer entschied sich dafür, durchzuhalten. „So war ich schon immer: Hatte ich etwas angefangen, wollte ich es auch zu Ende bringen.“

Text: Elke Specht

Neben den abenteuerlichen Situationen gab es aber auch den Alltag an Bord, wo Grundbedürfnisse wie Essen und Schlafen befriedigt werden wollten. Eine eiserne Ration Konserven und Trockenfrüchte sowie Kanister mit Süßwasser hatte er immer dabei. In einem kleinen Campingkocher bereitete er sich auf Deck seine Mahlzeiten zu. An den Luxus einer Küche unter Deck oder gar den eines Kühlschranks ist auf so einem kleinen Boot nicht zu denken.

Um an frische Lebensmittel zu kommen, gab es von Zeit zu Zeit Zwischenstopps. In Buchten ging man vor Anker und mithilfe von Paddleboards oder Mini-Schlauchbooten an Land. Dann begann die Suche nach einem Supermarkt, in der Hoffnung, dass dieser auch bestückt war. „Einmal brach ich für drei Wochen in den Indischen Ozean auf mit zwei Karotten, einer Avocado und einer Paprika, das war alles, was ich an frischen Lebensmitteln ergattern konnte“, erinnert sich Christian schmunzelnd.

Wenn er sich schlafen legte, gab ihm sein automatisches Schiffsidentifizierungssystem AIS eine relative Sicherheit. Es warnt, wenn Schiffe zu nahe herankommen, allerdings nur dann, wenn diese Schiffe ebenfalls das System an Bord haben. Ein ruhiger, erholsamer Schlaf also? „Nein“, sagt der Einhandsegler, „abgesehen von den Schmerzen in der Schulter, die das Einschlafen erschwerten, konnte ich nie wirklich sicher sein, dass ich nicht mit etwas kollidiere.“ Geschlafen hat er dennoch, denn wie er selbst sagt: „Der Körper holt sich seinen Schlaf. Manchmal war ich so erschöpft, dass es war, als würde ich ausgeschaltet. Es war krass, diese Erfahrung zu machen.“

Christian Sauers Abenteuer ist vor allem eine Geschichte, die zeigt, dass es sich lohnen kann, aus einer belastenden Situation auszubrechen, Neues zu wagen, Risiken einzugehen und schließlich über sich hinauszuwachsen. So sagte schon ein lateinisches Sprichwort: „Dem Mutigen gehört die Welt“. Wer Christian Sauer aus Trier, den ersten Deutschen, der im Miniboot eine Weltumsegelung geschafft hat, finanziell unterstützen möchte, kann dies auf der Spendenseite der Plattform gofundme.com (im Suchfeld „Christian Sauer“ eingeben) tun und so dazu beitragen, die Operation seiner Schultern zu bezahlen und die Argo weiterhin unterhalten zu können.

Mehr Spannendes über Christian Sauers großes Segel-Abenteuer gibt’s auf Social Media unter @argoworldwide.